Da kämpfen Götter selbst vergebens….

„Iphis“ ist die Jugendoper der australischen Komponistin Elena Kats-Chernin (*1957) übertitelt, nach dem Namen der Hauptperson. Das Staatstheater Darmstadt hat diese kurze Kammeroper bewusst für die Zielgruppe der Jugendlichen eingerichtet und sie im Programmheft bereits für Elfjährige empfohlen, was man durchaus kritisch sehen kann. Die Musik, intoniert von einem Kammerorchester aus Mitgliedern des Darmstädter Sinfonieorchesters, gehört zweifellos zu den überzeugenden Elementen dieser Inszenierung.

Ensemble

Die Handlung gestaltet sich einfach, wenn nicht holzschnittartig: Das Ehepaar Telethusa (KS Katrin Gerstenberger) und Lidgus (Christopher Willoughby) erwartet den ersten Nachwuchs. Während sie sich auf das Kind freut, will er unbedingt einen Sohn und droht einem Mädchen mit existenziellen Folgen. Sein beschränktes Machogehabe wird ausgiebig vorgeführt, während sie eher als passive Ehefrau und Mutter erscheint. In ihrer Not fleht sie die Götter an, die als zwei eher schrägen Gestalten – Jared Ice und Marco Mondragón) – auftreten und auf halb humoristische Weise für den Notfall ihren Segen versprechen. Man ahnt, dass Telethusa sich auf diese eher für Halbwüchsige konturierten Youtube-Figuren nicht wird verlassen können. Das Kind kommt zur Welt und wird dem stolzen Lidgus als männlicher Iphis präsentiert. Schnitt – zwanzig Jahre später: Iphis ist ein halbes Genie – „wie der Vater“ – und startet eine steile Karriere. Lidgus will ihn reich verheiraten, findet das Mädchen Ianthe (Valerie Haunz) und arrangiert ein Treffen. Die von Solgerd Isalv gespielte Iphis – natürlich ein Mädchen – gerät in größte seelische Probleme, fleht die Mutter um Rettung an, die ihre Götter herbeiruft. Diese erklären jedoch, sie seien nur für die Zukunft, nicht für die Vergangenheit zuständig, und haben außer flotten Sprüchen nichts zu bieten. Doch die beiden Mädchen verlieben sich ineinander und sind schließlich glücklich – Ende gut?

Valerie Haunz, Christopher Willoughby und Solgerd Isalv

Die Botschaft ist sowohl inhaltlich als auch didaktisch klar: eine Fanfare gegen Gender-Vorurteile und für die selbstbestimmte sexuelle Orientierung. Dagegen lässt sich inhaltlich nichts sagen, außer, dass man damit heute offene Türen einrennt, nachdem selbst die katholische Kirche gleichgeschlechtliche Ehen akzeptiert hat. Ob man damit Elf- bis Achtzehnjährige erreicht, ist jedoch eine andere Frage, vor allem weil das Problem nie explizit angesprochen wird, sondern zum Verständnis private und politische Lebenserfahrung erfordert.

Ein wesentliches Vermittlungsproblem liegt außerdem in der Sprache. Sind gesungene Texte schon in der Muttersprache schwer zu verstehen, ist das bei Englisch noch viel schwerer, vor allem für Jugendliche, die diese Sprache noch kaum fließend beherrschen. Sie sind demnach noch stärker auf die deutschen Übertitelungen angewiesen, die natürlich von der Bühnenhandlung ablenken.

Jared Ice und Marco Mondragón

Die Musik ist zwar weitgehend tonal, entbehrt jedoch wie alle moderne Musik jeglicher eingängiger, gar „schöner“ Melodien. Sind zeitgenössische Opern schon für viele Erwachsene Opernfreunde eine Herausforderung, gilt dies für Jugendliche umso mehr. Aufgewachsen mit Jugendmusik aus den einschlägigen Pop-Kehlen, werden die meisten Jugendlichen mit dieser Musik fremdeln, so auch der vierzehnjährige Enkel des Rezensenten. Die anspruchsvolle Instrumentierung und die oftmals eher Sprechgesängen ähnelnden Gesangsdarbietungen bringen zwar die jeweilige psychische Situation der Protagonisten überzeugend zum Ausdruck, aber nur für ein Publikum mit moderner Hörerfahrung. Nur die etwas skurrilen Götter bilden da eine Ausnahme. Am nächsten dürfte jugendlichen Zuschauern da noch die stumme Szene der beiden Mädchen beim ersten Kennenlernen kommen.

Regisseur Florian Mahlberg hat diese Kammeroper durchaus mit Tempo und Witz – hier nur die Götter! – inszeniert, doch spricht diese Art der Inszenierung hauptsächlich Erwachsene an, die sowohl Lidgus´ toxische Männlichkeit als auch den ironischen Unterton der flotten aber selbstzufriedenen Götter verstehen. Auch die Musik bietet ein breites Spektrum von Klangfarben, Motiven und Instrumentierung, erfordert jedoch einige Hörerfahrung und Konzentration. Das sängerisch Ensemble überzeugt sowohl stimmlich als auch darstellerisch, soweit letzteres gefordert ist, doch unter dem Strich lässt sich sagen, dass dieses kleine Juwel vor allem erfahrene Freunde der modernen Musik und Oper anspricht, die dann in guter alter Opernmanier das Libretto bei Bedarf einfach mal vergessen.

Kräftiger Beifall in den nicht ausverkauften Kammerspielen.

Frank Raudszus

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