Die Schönheit ist ein begehrtes Gut. Jeder möchte sie besitzen oder zumindest ihre Nähe genießen. Wer mit ihr gesegnet ist, kennt die Macht, die fremdes Begehren vermittelt. Wer jedoch mit fremder Schönheit konfrontiert ist, ohne sie sich aneignen zu können, lernt die Gefühle des Neides und der Eifersucht kennen. Was man nicht besitzen kann, muss man vernichten, wobei die Frage offen bleibt, ob nicht bereits der Besitz die Vernichtung in sich birgt.
Dieses Thema hat Oscar Wilde in seiner Novelle „Das Bildnis des Dorian Gray“ mit dem ihm eigenen Sarkasmus durchgespielt, und die Kammerspiele des Schauspiels Frankfurt haben es jetzt in der Bearbeitung von Ran Chai Bar-Zvi (Regie) und Lukas Schmelmer auf die Bühne gebracht. Dazu haben sie das Personaltableau radikal auf die drei zentralen Figuren des Dorian Gray (Mitja Over), des Malers Basil (Miguel Klein Medina) und des Lords Henry (Stefan Graf) und die Handlung auf Beziehungen der drei untereinander verkürzt. Wildes weitläufige Gesellschaftskritik verdichtet diese Inszenierung auf die makabre Ironie des Lords, und im Mittelpunkt steht die Wirkung von Schönheit auf ihre Träger und die mit ihr konfrontierte Umwelt.
Dazu hat der Regisseur selbst einen fast aseptisch weißen Guckkasten auf die Bühne gesetzt, in deren Mitte sich eine ebenfalls weiße Wand beliebig drehen lässt. Diese dient weitgehend den Auftritten und Abgängen der drei Darsteller und nimmt auch mal einen Bühnenvorhang als Requisite auf. Die Kostüme von Belle Santos stilisieren die Figuren zu surreal angehauchten Archetypen ihres gesellschaftlichen Hintergrunds, wobei Lord Henrys Jagdstiefel hier zu überkniehohen Lackstiefel mutieren und der Maler Basil als weltfremder Künstlertyp verkleidet ist. Bewusst verzichtet die Regie auf eine realistische Umgebung, aber nicht, um die Figuren gezielt zu denunzieren, sondern um den konturierten Karikaturcharakter zu verdeutlichen.
In den bewusst kurz gehaltenen Szenen schält sich langsam aber stetig die Auseinandersetzung dreier verschiedener Charaktere mit dem Phänomen der Schönheit, sprich: „Besonderheit“, heraus. Basil vergöttert Dorian wegen seiner Schönheit und glaubt, ihn durch sein selbst geschaffenes Abbild in gewisser Weise zu besitzen. Erst der Künstler erschafft die Schönheit des sich dieser unbewussten Modells. Dabei schimmert stets der erotische Aspekt hindurch, ohne jedoch explizit erwähnt zu werden. Dorian selbst wandelt sich langsam vom naiven Modell zum sich seiner – auch erotischen – Macht bewussten Zyniker, der sein Leben auf Kosten der ihn bewundernden Umwelt genießt. Als Basis seiner gesellschaftlichen Macht darf die Schönheit nie schwinden, und so wandern Dorians zunehmend hässlichen Charakterzüge samt den Alterserscheinungen in das Gemälde, das ihm von Tag zu Tag seinen inneren Verfall widerspiegelt. Lord Henry wiederum sieht sich als Vertreter der elitären Oberschicht mit einer sich ihm verweigernden Schönheit konfrontiert, die er als Vorbild demontieren und schließlich vernichten muss. Er repräsentiert eine Oberschicht, die alles, was nicht in ihr Interessenprofil passt, letztlich negieren muss. Seine durchaus zutreffenden sarkastischen bis zynischen Anschauungen träufeln als langsam wirkendes Gift in den Kopf des zu schönen Dorian und vernichten diesen damit als bewundertes Objekt der Begierde.
Dabei gelingt es der Regie, die Gedankengänge und -wandlungen ohne jeden soziologischen oder gar philosophischen Ballast zum Ausdruck zu bringen. Es gilt der Text des Autors in dialogisch verkürzter Form, durchaus mit einem Schuss versteckten Humors, aber immer in gehörigem Abstand zum platten Klamauk. Alle anderen Personen werden nur in den Schilderungen erwähnt, was für das Verständnis der Handlung völlig reicht, und das berühmte Bild wird nur virtuell vorgestellt, sei es, dass es scheinbar im Zuschauerraum vor den drei Betrachtern oder auf der weißen Wand im Guckkasten hängt. Man muss es sich vorstellen, dann ist es auch da.
Wenn die Handlung nach der Ermordung Basils erschöpft zu sein und ein offenes Ende sich anzubahnen scheint, dann treten die drei – Basil ist wieder von den Toten auferstanden – an die Rampe und skandieren das Ende der Erzählung als verbales, mimisches und gestisches Feuerwerk aus drei Kehlen. Die mystische Wiedervereinigung von Dorian Gray und seinem Abbild im Tode gerät hier zur pantomimischen Apotheose. Hier gewinnt die Inszenierung zum Schluss noch komödiantisches Niveau, ohne deshalb die Botschaft des Autors zu banalisieren. Dem Ensemble gelingt das Kunststück, die messerscharfen und meist zutreffenden Sentenzen über die – nur englische? – Gesellschaft nicht nur des frühen 20. Jahrhunderts szenisch zu vermitteln, ohne dabei in moralisierendes „Das tut man nicht“-Pathos zu verfallen.
Viel Beifall in den ausverkauften Kammerspielen.
Frank Raudszus



No comments yet.