Musik kann – viel mehr als Sprache – menschliche Befindlichkeiten, Emotionen und Charaktere verdeutlichen. Letztere basieren dabei nicht nur auf genetischer Veranlagung, sondern vor allem auf den Erfahrungen des realen Lebens, wobei vor allem individuelles Leid eine Rolle spielt. Das 6. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt zeigte dies in aller Deutlichkeit in der Interpretation dreier „letzter Werke“ bekannter Komponisten durch das tschechische Bennewitz-Quartett mit den Akteuren Jakub Fišer (v), Štěpán Ježek (v) Jiří Pinkas (va) und Štěpán Doležal (vc).
Bei den drei Komponisten handelt es sich um Bedřich Smetana (1824-1884), Viktor Ullman (1898-1944) und Franz Schubert (1797-1828), bei der Musik um deren Streichquartette aus den Jahren 1882/83, 1942/43 und 1826, die jeweils im Jahr vor dem Tod entstanden. Jeder der drei Komponisten blickte dabei auf andere Leiderfahrungen zurück: Smetana auf Taubheit und damit verbundene Verarmung, Ullman auf Verfolgung und KZ-Einweisung – er starb in Auschwitz – und Schubert auf Erfolglosigkeit und Krankheit. Da das Streichquartett selbst als die Musikgattung höchster Sensibilität gilt, war ein entsprechend schweres Abendprogramm zu erwarten. Eine chronologische Reihenfolge hätte sich auch angesichts des besonderen Schicksals von Ullmann angeboten, doch nicht zuletzt die Länge der einzelnen Werke erforderte eine andere Anordnung.
Der Abend begann mit Smetanas Streichquartett in d-Moll. Es beginnt mit einem getragenen „Unisono“-Thema, das nach einem kurzen Bruch in ein drängend-bewegtes Thema übergeht. Ein drittes Thema schließt sich an, und nach einer Fermate setzt eine lyrische Adagio-Passage ein. Dabei strahlen alle drei Themen eine gebrochen Unruhe aus, die das Leiden des Komponisten an seinen Lebensumständen zum Ausdruck bringt. Dabei muss man diese nicht kennen, um Smetanas Gemütslage zu verstehen, denn die Musik ist mit ihren kurzen, immer wieder abbrechenden und verändert einsetzenden Motiven ein Spiegelbild eines zerrissenen und schwer getroffenen Geistes, Der zweite Satz schließt daran an, nur tänzerischer, der tiefe, ostinate Bass des Cellos spielt Schicksal, und ein lyrischer Einschub vermittelt den Eindruck einer verlorenen Seele. Im dritten Satz entwickeln sich wild aufschießende Unisono-Passagen, denen langsame, abgründige Themen folgen, und der Finalsatz beschließt das Werk mit drängenden 6/8-Themen und schnell wechselnden Motiven. Doch trotz dieses Tempowechsels schlägt das Werk nie ins Heitere, Befreite, und man ahnt, dass Smetana keine Hoffnung mehr auf eine Besserung hegte.
Das Quartett intonierte diesen klagenden Lebensrückblick mit Ausdrucksschärfe im Detail, jedoch ohne falsche Dramatisierung durch erhöhte Dynamik, und brachte die abgründige Botschaft eher durch Zurückhaltung zum Ausdruck.
Victor Ullmanns Streichquartett Nr. 3 – ohne Tonartangabe – bewegt sich zwar im tonalen Bereich, verzichtet jedoch von vornherein auf eindeutige harmonische Zuordnungen. Hier stehen das einzelne, kurze Motiv und seine klangliche Wirkung im Vordergrund, wobei der emotionale Ausdruck entscheidend ist. Nach einem zerrissenen Beginn folgen dissonant angehauchte, bewusst nicht eingängige Motive, unterbrochen von kurzen Solo-Ausbrüchen, und es entwickelt sich ein musikalisches Bild verlorener Klänge. Die nächsten Sätze dieses fünfsätzigen Werkes gehen ineinander über, und vor allem der langsame Teil verbreitet die Botschaft einer düsteren, hoffnungslosen Trauermusik. Der Kompositionsort Theresienstadt sagt dabei alles. Erst der kurze Finalsatz kommt dann abrupt wie ein Ausbruch daher und versucht, die vorherige Trauer mit einem Aufbegehren ohne Hoffnung zu bekämpfen. Dieses Werk steigert den Eindruck der Endzeitlichkeit gegenüber Smetanas Quartett noch einmal deutlich, nicht zuletzt natürlich, weil das Publikum sich dem historischen Hintergrunds bei der Rezeption nicht entziehen kann. Die vier Musiker achteten auch hier darauf, die Musik für sich sprechen zu lassen, und erlagen nicht der Versuchung einer Überinterpretation im Sinne emphatischer, sprich: moralistischer Betonung bestimmter Stellen. Gerade die zurückhaltende, aber sehr präzise Intonation ließ dieses Streichquartett wie ein musikalisches Menetekel erklingen.
Nach der Pause dann stand Schuberts letztes Streichquartett D 887 in G-Dur auf dem Programm. Bereits der zerrissene Beginn gibt die Generallinie vor, die so gar nicht auf den lang ausgedehnten Themen Schubertscher Musik liegt, sondern sich gegen alle Konventionen der klassischen Musik – zu dieser Gattung rechnen wir Schubert noch – auf eine Halt suchende Folge kurzer, verzweifelt klingender Motive beschränkt. Hier spürt man fast körperlich die Verzweiflung Schuberts, der sich als musikalisch gescheitert betrachtete, was ja ökonomisch auch stimmte. Dass er Generationen später zu einem der bedeutendsten Vertreter der späten Klassik (und frühen Romantik) avancieren würde, ahnte niemand und er am wenigsten. Keine Resonanz für die eigene Musik zu finden, muss schrecklich sein, und das hört man diesem Werk auch an. Verzweiflung und resignative Ratlosigkeit spiegeln sich in der Abfolge und Anordnung der Themen und in der Ausgestaltung des Ablaufs. Die Motive werden bis auf kleine Figuren höchster Intensität reduziert und in Variationen wiederholt. Im Zweiten Satz breitet sich ein introvertierter Minimalismus aus, der die Frage zu stellen scheint, was ein Musiker – er: Schubert – noch tun könne für die öffentliche Akzeptanz. Gleichzeitig bringt dieser Minimalismus aber auch Schuberts Gleichgültigkeit gegenüber den Forderungen des Musikmarkts zum Ausdruck. Er komponierte aus sich heraus und nicht vom – damaligen – Publikum aus. Die vier Musiker zelebrierten geradezu jeden Ton dieses Satzes und erzeugten damit eine fast jenseitige Atmosphäre von Abschied und Endzeit.
Das Scherzo des dritten Satzes bringt dann insistierende, wiederkehrende Motive, einen lyrischen Einschub und sogar ein eingängiges Thema, wie man es von Schubert gewohnt ist. Im Finalsatz erklingt nach bewegtem Beginn das bekannte Thema, das die erste Violine jedoch nicht strahlend im Sinne einer Wortführerschaft, sondern bewusst zurückhaltend, sozusagen „innerhalb“ des Quartetts intonierte. Dahinter stand offensichtlich die Absicht, die Erwartungshaltung eines „schönen“, d.h. versöhnenden Finalsatzes zu unterlaufen und den Gesamteindruck einer verzweifelnden Resignation, die ja die letzten Jahre von Schuberts kurzem Leben prägte, einheitlich zu präsentieren.
Man muss diesen Abend, der gewiss kein „schöner“ im Sinne unterhaltender oder gar erhebender Musik war, als eine Sternstunde der Kammermusik in Darmstadt betrachten. Eine solch durchdachte und einheitliche Planung und Durchführung findet man in den oft auf Vielfalt getrimmten Konzerten selten. Die vier Musiker brillierten nicht in erster Linie mit Virtuosität, sondern mit ihrer fokussierten, aber nie überschießenden Interpretation. Frohsinn gehörte allerdings nicht zum Programm.
Der kräftige, anhaltende Beifall brachte dann noch eine Zugabe mit einem kurzen Stück von Johann Sebastian Bach.
Frank Raudszus
Frank Raudszus

No comments yet.