Gerne kleidet man historische Bücher in ein Roman-Gewand, da Sachbücher als trocken gelten und daher nur einen begrenzten Leserkreis ansprechen. Das geht jedoch wegen der „menschelnden“ Herangehensweise meist auf Kosten der historischen Genauigkeit. Doch es gibt auch Sachbücher, die ohne diese Gattungskrücke sowohl ein lebendiges Abbild der jeweiligen historischen Situation als auch ein Stimmungsbild des damaligen Welt vermitteln. Dazu gehört das Buch „Gründerzeit 1200“ von der Fernsehautorin Gisela Graichen und dem Museumsdirektor für Früh- und Vorgeschichte Matthias Wemhoff.
Den Begriff „Gründerzeit“ verbindet man meist mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, als der gewonnene Krieg gegen Frankreich viel Geld in die Kassen des Deutschen Reiches spülte und eine Welle teilweise unsolider Firmengründungen auslöste. In dem vorliegenden Buch geht es jedoch um die Gründung von Städten auf dem Gebiet des Deutschen Reiches Anfang des zweiten Jahrtausends, von denen es bis weit ins 12. Jahrhundert nur eine begrenzte Zahl gab.
Der Grund dieser Gründungswelle war letztlich das Klima. Nach den kalten Jahrhunderten mit den das Ende des weströmischen Reiches beschleunigenden Völkerwanderungen setzte gegen Ende des ersten Jahrtausends eine Wärmeperiode ein, die im zwölften Jahrhundert ihren Höhepunkt fand. Gute Ernten erlaubten Investitionen weit über den reinen Selbsterhalt hinaus, und kein Stamm bis hoch im Norden war zur Migration oder zu kriegerischen Aktionen genötigt. Dieser Wohlstand kurbelte die Wirtschaft an führte wegen der großen Nachfrage nach Waren aller Art zu Arbeitsteilung und Spezialisierung. Die friedliche Situation erforderte auch nicht mehr den Schutz einer Ritterburg in unmittelbarer Nähe der Siedlungen, und so konnte man neue Ansiedlungen – Städte! – nach Handelsgesichtspunkten etwa an Flüssen oder Kreuzungen von Handelswegen anlegen. Wichtig war dabei die Rechtssicherheit in den neu gegründeten Städten, um Kaufleute und Handwerker als Bürger anzulocken. Das führte dazu, dass die Gründer den Stadträten weitgehende Selbstverwaltungsrechte einräumten bzw. selbst für entsprechende Rechtssicherheit sorgten.
Landesherren waren damals meist die Bischöfe, da die Kirche als einzige Institution über Jahrhunderte den Kontakt zur Bevölkerung gehalten und de facto die Herrschaft innehatte. Die Bischöfe erkannten schnell die finanziellen und machtpolitischen Vorteile florierender Städte und traten in einen Wettlauf um Neugründungen ein.
Diese Entwicklung beschreiben die beiden Autoren abwechselnd mit unterschiedlichen Schwerpunkten auf einerseits sachliche, andererseits durchaus lebendige Weise, die all die (macht-)politischen und kommerziellen Aspekte als Teil eines frühkapitalistischen Systems mit viel persönlichem Engagement und Aufbruchsgeist zum Ausdruck bringt. Wer glaubt, der Kapitalismus sei eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, wird hier eines Besseren belehrt. Eine Stadtgründung kostete anfangs viel Geld, das irgendwo herkommen musste. Die damals noch nicht geteilte römische Kirche, aber auch einige Fürsten gehörten zum Kreis der frühen Investoren, die sich davon natürlich (auch) persönlichen Gewinn versprachen.
Aber Graichen und Wemhoff geht es nicht nur um die großen politischen Linien, sondern auch und vor allem um die Details. Und so beschreiben sie eine Anzahl beispielhafter Städte wie Paderborn, Freiburg, Lübeck und – ja! – auch Berlin, um nur einige zu nennen, in der Phase ihrer Entstehung bis ins Detail, d.h. zeitliche Abläufe, vorhandene Siedlungen, Stadtpläne und Gemeinsamkeiten all dieser Neugründungen. Dazu gehört etwa die Kirche, die stets den planerischen Mittel- und Ausgangspunkt bildeten, da sich das Mittelalter aufgrund der engen religiösen Bindungen eine Stadt ohne Kirche nicht vorstellen konnte. Bei einem Analphabeten-Anteil von über neunzig Prozent war die Kirche für das Weltverständnis unverzichtbar. Aber auch die Märkte spielten schnell eine wachsende Rolle, weil sich die Zahl reisender oder stationärer Händler so schnell vermehrte, dass man bald in all diesen Städten dringend einen eigenen Platz dafür vorsehen musste. Und auch die Rathäuser wurden immer wichtiger, weil all die Probleme einer schnell wachsenden Stadt an zentraler Stelle zu lösen waren und eine glaubwürdige Rechtsprechung überlebenswichtig war.
Auch andere typische Themen einer größeren Stadt behandelt dieses Buch systematisch, sei es die lebenswichtige Trinkwasserzufuhr, die Müllabfuhr, die Straßenpflasterung oder der Friedhof. Sogar die Badehäuser, die im 13. und 14. Jahrhundert eher fröhlichen Bordellen ähnelten, finden hier eine sachliche Würdigung. Das heißt aber nicht, dass Frauen auf diese Häuser – oder auf Küche und Kinder – reduziert wurden. Gisela Graichen zeigt deutlich, dass Frauen damals bereits Firmen verschiedenster Art leiteten oder als anerkannte Äbtissinnen politische Fäden zogen. Erst mit der im 15. Jahrhundert aus Amerika eingeschleppten Syphilis setzte die (kirchliche) Prüderie bis hin zur Hexenverfolgung ein.
Auch die Medizin entwickelte sich zuerst in den Städten in eigenen Institutionen, die erst durch die aufkommenden Universitäten ersetzt wurden. Ein eigenes Kapitel hebt die entsprechenden Aktivitäten der Hildegard von Bingen als Ursprung heutiger Medizin hervor und zeigt dabei nebenbei, dass man damals in vielen Fällen weiter war als die allgemeine heutige Auffassung vom Mittelalter – Schimpfwort! – es wahrhaben will.
Dieses Buch liefert einen so reichhaltigen wie unterhaltsamen Rundgang durch die Städtelandschaft des 13. Jahrhunderts und führt die Leser dabei fast zwangsläufig in den damaligen Alltag, ohne deswegen Liebes- oder Räubergeschichten bemühen zu müssen. Die Stadt dieser Zeit gewinnt im Kopf des Lesers ein Eigenleben, dem man gerne folgt.
Das Buch ist im Propyläen-Verlag erschienen, umfasst einschließlich eines ausführlichen Anhangs 457 Seiten und kostet 29 Euro.
Frank Raudszus

No comments yet.