László Krasznahorkai: „Zsömle ist weg“

Der 1954 in Ungarn geborene Schriftsteller und Drehbuchautor László Krasznahorkai ist bei uns erst durch den Nobelpreis bekannt geworden, den er 2025 erhalten hat. Seit 1987 hat er an den verschiedensten Orten der Welt gelebt: in Berlin, in China, in der Mongolei, in Kyoto und in New York. Heute lebt er in Budapest und Berlin.

Sein jüngster Roma „Zsömle ist weg“ erschien 2024 auf Ungarisch, in der deutschen Übersetzung von Heike Fleming 2026 im S. Fischer Verlag.

„Zsömle ist weg“ ist ein merkwürdiger Roman, der irgendwo zwischen politischer Satire und ernsthafter Auseinandersetzung mit reaktionären politischen Tendenzen angesiedelt ist. Gleichzeitig ist es ein Roman über Alter und Einsamkeit, über die Macht der Institutionen, denen der Einzelne ausgeliefert ist. Liebe gibt es nur noch zu dem geliebten Tier, dem Hund Zsömle. Beim Lesen weiß man oft nicht, ob man lachen oder weinen soll, so dicht liegen die unterschiedlichen Szenarien beieinander.

„Ich habe gesprochen“ steht als Motto vor dem 1. Teil. Der wiederum beginnt mit dem Satz „Ich lege kein Holz mehr nach“. Aber wir haben es nicht mit einem Ich-Erzähler zu tun, vielmehr mit einem Berichterstatter oder Protokollanten, der uns die Ereignisse um Josef Kada wiedergibt, vieles in indirekter Rede, vieles im direkten Dialog. Das Ganze ist in einem ununterbrochenen Erzählstrom vorgetragen, der uns als Leserinnen und Leser mitreißt. Einen Punkt setzt der Erzähler nur am Ende eines Kapitels. Wir als Leser können etwas Atem holen, aber nur um sogleich wieder auf die nächste Erzählebene gezogen zu werden. Wir befinden uns in der Gegenwart, d.h. es gibt Orban, es gibt Smartphones und auch schon KI.

„Ich lege kein Holz mehr nach“: Mit diesem Satz zitiert der Erzähler seine Hauptfigur, den 91-jährigen Josef Kada, der  nach dem Tod seiner Frau einsam in einer Hütte in einem kleinen Bergdorf im Nordosten Ungarns lebt. Kontakt hat er nur zu sehr wenigen im Dorf, und den auch nur, wo es unbedingt nötig ist. Mit seinen Kindern ist er zerstritten. Sein einziger Gefährte ist sein Hund Zsömle, der draußen an der Kette liegt. Zsömle ist allerdings ersetzbar. Wenn einer stirbt, erwirbt Josef einen neuen, der wiederum Zsömle heißt.

Josef ist überzeugt – und ist es offenbar wirklich –, dass er der Nachfahre der alten ungarischen, vor-habsburgischen Königsdynastie ist, die noch von Dschingis Khan abstammt. Zuletzt waren sie vor 750 Jahren an der Macht. Josef hat für sich beschlossen, seine Identität geheim zu halten, zumal er seinem Ende entgegen sieht.

Doch die Dinge kommen anders. Eine Gruppe von überzeugten Monarchisten hat in alten Unterlagen und Archiven gestöbert, bis sie ihn als die rechtmäßige Majestät ausgemacht haben. „Zurück zur Monarchie“ heißt für sie nicht zurück zu den verhassten Habsburgern, sondern zurück zu diesem alten, wahrhaft ungarischen Königsgeschlecht.

Eine Abordnung dieser ewig Gestrigen sucht ihn eines Tages auf, um ihm als Majestät die Ehre zu erweisen und ihm in irgendeiner Weise behilflich zu sein. Ihr eigentliches Ziel aber ist, ihn als Anführer für einen Umsturz zu gewinnen.

Josef gibt sich sehr zurückhaltend, er wolle kein Holz mehr nachlegen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Er sei dieses Lebens überdrüssig und wolle nichts Neues mehr anfangen. Gleichzeitig aber sei er bereit, sich seiner Aufgabe als König zu stellen, wenn die Situation es erfordere. Aber zunächst sollten sie sein Geheimnis hüten, er wolle nicht als „Majestät“ angesprochen werden, sondern nur als „Onkel Józsi“. Auch sollten sie nur in kleinen Gruppen kommen, damit niemand im Dorf argwöhnisch werde.

Vor dieser Gruppe der Eingeweihten stellt er sich jedoch als wahrhafte Majestät dar: Er sei Träger des Schwertes des St.-Georg-Ordens (den gibt es tatsächlich, es ist eine international vernetzte Vereinigung, die von den heute noch lebenden Habsburgern im Jahre 2008 neu gegründet worden ist), eine berühmte Sängerin sei in ihn verliebt gewesen, im Krieg habe er als Held viele Ehrungen erhalten. Aus ihm spricht ein überzeugter Nationalist, der von der wahren Bedeutung seiner Person überzeugt ist. Voller Inbrunst singt er alte Volksweisen, die das Königtum verherrlichen.

Angesichts der regen Aktivitäten der lebenden Habsburger, insbesondere Otto von Habsburgs, habe er sich zu erkennen gegeben und eine Petition ans Parlament geschrieben, um auf die Gefahr hinzuweisen, die für das Heilige Ungarn von den Habsburgern ausgehe. Eine Antwort habe er jedoch nicht erhalten.

Durch „Onkel Józsi“ erhalten wir als Leser nebenbei einen Einblick in die ungarische Geschichte, aber auch in die Aktivitäten der antidemokratischen, nationalistischen und monarchistischen Bewegung in Ungarn. Zunächst liest es sich, als handle es sich hier nur um ein paar Spinner, aber im Laufe der Erzählung wird klar, dass es sich im Kern um eine militante Gruppierung handelt, die bereits über ein großes Waffenarsenal verfügt und tatsächlich den gewalttätigen Umsturz plant. Man ist gegen Orban, gegen Parlamentarismus, gegen die EU und gegen „Multikulturismus“. Als die Gruppe Josef ihr Waffenlager zeigt, schreckt er zurück. Damit will er nichts zu tun haben. „Er will kein Holz mehr nachlegen“.

Aber die Ereignisse überschlagen sich: Die Gruppe wird entlarvt, die Mitglieder verhaftet und verurteilt.

Das hat auch Folgen für Josef Kada. Die Institutionen schlagen zu: Verhaftung, Gefängnis, nach einem Schlaganfall Krankenhaus und schließlich Psychiatrie. Aus der „Majestät“ wird nun ein alter, einsamer Mann, der sich nicht mehr wehren kann. Besonders die Trennung von seinem Hund bedeutet den Verlust von Zugehörigkeit und Wärme. Von daher ergibt sich die Bedeutung des Titels „Zsömle ist weg“. Der Zusammenbruch seines Traums von einem neuen ungarischen Königtum mit ihm als König nimmt seinem Leben alle Bedeutung. Nur der Hund ist noch wichtig. Aber er findet immer wieder einzelne Menschen, die von seiner Geschichte fasziniert sind, auch wenn sie sie nicht glauben. Sie verschaffen ihm in seiner neuen, eingeschränkten Welt Erleichterung und einige Privilegien, die er für durchaus angemessen hält. Er erhält er sogar den Hund zurück, wenn auch nur für kurze Zeit.

Das Ende ist überraschend, aber konsequent.

Der Roman fasziniert mit seiner Erzählweise, aber auch mit dem Thema. Zunächst liest man es amüsiert, aber mit dem Fortgang der Geschichte lassen sich die Bezüge zu den tatsächlichen reaktionären Kräften der Gegenwart – in Europa und jenseits von Europa – nicht verdrängen. Noch gelingt es dem Staat, die Oberhand zu behalten, jedoch auch nur mit dem Einsatz von Gewalt. Eine politische Auseinandersetzung mit diesen Menschen gibt es nicht, nur Wegsperren. Muss sich die Demokratie so wehren? Oder ist Ungarn schon weit davon entfernt? Das Lachen vergeht der Leserin zunehmend.

Insgesamt ist das ein sehr lesenswerter Roman, der uns ungarische Mentalität und Geschichte näher bringt.

László Krasznahorkai, Zsömle ist weg, Roman, aus dem Ungarischen von Heike Fleming. S. Fischer Verlag 2025, 304 Seiten, 25 Euro.

Elke Trost

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