Romane über historische Personen und Ereignisse sind stets mit dem Problem der Realität konfrontiert. Die tatsächlichen Abläufe – soweit sie allgemein bekannt sind – eröffnen wenig Freiraum bei der Entwicklung der Handlung und dämpfen die Spannung, und eine Nichtbeachtung der tatsächlichen Geschehnisse lässt die Wahl eben dieses Sujets widersinnig werden. Zweifelt aber ein solcher Roman die bekannten Ereignisse an, muss er schon starke Argumente liefern.
Mit diesem Problem hat auch das vorliegende Buch zu kämpfen, das wenige Wochen im Frühjahr 1913 in dem damals noch zur k.u.k-Monarchie gehörenden Prag schildert. Im Mittelpunkt stehen zwei historische Personen: Der Geheimdienst-Oberst Alfred Redl und der als „rasender Reporter“ bekannte Journalist Egon Erwin Kisch. Ersterer wurde im Mai eben dieses Jahres als Verräter entlarvt und nahm sich das Leben, letzterer arbeitete für die Prager Zeitung „Bohemia“ und war aufregenden Geschichten auf der Spur.
Das Autorenduo schreibt Kisch von Beginn an großes Misstrauen gegenüber Redls bis hin zum Geheimnisverrat zu. Das ist nicht ganz abwegig, weil Redls aufwändiger Lebenswandel nicht seinem Offiziersgehalt entsprach. Als nach dem nächtlichen Brand eines Ausflugsdampfers die verbrannte Leiche eines bald als Verräter enttarnten Belgiers gefunden wird, vermutet Kisch sofort Redl als Verursacher, der am Abend vorher auf diesem Schiff ein Fest gefeiert hat. Doch handfeste Beweise kann er auch in den seine subjektiven Sicht wiedergebenden Kapiteln nicht präsentieren. Auch Bredls Perspektive wird in einer Art impliziter Ich-Form dargestellt, die Autoren vermeiden dabei jedoch jegliche Erwähnung verräterischer Aktivitäten. Im Gegenteil, Redl ist der Monarchie gegenüber absolut loyal, vermutet aber konspirative Aktivitäten der ihm vorgesetzten Heeresführung gegenüber dem Thronfolger. Seine damals noch – besonders für einen höheren Offizier – strafbare Homosexualität kommt zwar implizit zur Sprache, bildet aber keinen erzählerischen Hintergrund für etwa eine Erpressung. So erwecken die Autoren – bewusst? – den Eindruck, dass Redl kein Verräter ist, ohne jedoch diese realitätswidrige Sicht zu thematisieren.
Um den Roman nicht auf dieses Duo zu reduzieren und mehr Zeit- und Ortskolorit einzubringen, gibt es noch zwei weitere Handlungsstränge, die jedoch inhaltlich so gut wie nichts mit der Redl-Handlung zu tun haben. Die titelgebenden Feuer sind rein fiktional und dienen lediglich zur Verstärkung von Kischs Verdacht, und die Täter haben nur einen sehr indirekten Bezug zu den handelnden Personen. Die mit Kischs Redaktionskollegen nur formell verheiratete lesbische Psychotherapeuthin Lenka soll wohl sowohl Siegmund Freud und dessen Psychoanalyse als auch eine weitere, alternative sexuelle Orientierung ins Spiel bringen, weil das gerade „en vogue“ ist, trägt aber nichts zur eigentlichen Handlung bei, ebenso wie ihre blass bleibende Lebensgefährtin und deren kleine Tochter.
Und zu allem Überfluss kommt dann mit dem unbekannten Prager Schriftsteller Franz Kafka noch ein Freund von Kisch ins Spiel, der an einer gemeinsamen Autofahrt teilnimmt, einige mehr oder minder kluge Sätze von sich gibt und dann nicht mehr auftaucht. Auch dieser Name sollte wohl den Roman noch anreichern.
Am Schluss endet die Redls-Geschichte wie in der Realität, wobei Kisch noch einen genialen journalistischen Coup landet, der die von den obersten Behörden so gern unter den Teppich gekehrte Redl-Geschichte ans Tageslicht bringt. Doch im Epilog gesteht das Autorenduo ein, dass dieser Coup wohl von Kisch viel später zwecks Erhöhung seines journalistischen Egos erfunden wurde. Sozusagen ein Treppenwitz der Weltgeschichte.
Fazit: Dieser Roman liefert keine neuen Hintergründe geschweige denn Fakten und wärmt nur die bekannten Umständen des Redl-Skandals mit einigen psychologischen Impressionen auf. Eine authentische Wiederbelebung der Vorkriegszeit gelingt schon wegen des nüchternen Journalistenstils nur in sehr überschaubarem Maße.
Das Buch ist im Kanon-Verlag erschienen, umfasst 311 Seiten und kostet 24 Euro.
Frank Raudszus

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