Mit offener Bühne und selbstvergessen mit Luftballons spielenden Darstellerin beginnt die neue Darmstädter Inszenierung von Anton Tschechows Komödie „Der Kirschgarten“. Dabei hat Regisseur Philipp Preuss mehrere aktuelle Hintergedanken eingebracht, die jedoch latent im Hintergrund lauern. Zum Einen verweist dieses russische Stück aus dem Jahr 1903 auf die derzeitige Verfassung Russlands, die man trotz heftiger Kriegsanstrengungen durchaus als Niedergang betrachten kann, und das nicht nur moralisch. Deutlich erinnert das Anklammern der Gutsbesitzerin Raniewskaja (Karin Klein) an vermeintlich goldene alte Zeiten an Putins Traum, die imperiale Sowjetunion wiederherzustellen. Zum Anderen zielt Preuss jedoch auch auf die westeuropäische, speziell deutsche Naivität, die eine bequeme „Normalität“ der letzten achtzig Jahre nicht nur als selbstverständlich, sondern sogar als Rechtsanspruch betrachtet und in Teilen Putins Aggression wahlweise als verhandelbar oder gar gerechtfertigt – NATO-Erweiterung – betrachtet, nur um mit dieser Argumentation jegliche unangenehmen Veränderungen ablehnen zu können. Und so wie die Raniewskaja nach dem Verlust des heimatlichen Gutes einfach nach Paris zurückkehrt, tröstet sich wohl so mancher Bewohner Westeuropas mit dem illusionären Gedanken, im Notfall einfach auszuwandern. Fragt sich nur, wohin.
Zugegeben, diese Assoziationen ergeben sich nicht zwingend aus der Handlung und dem Text, denn die aktualisierte Fassung von Thomas Brasch und Philipp Preuss verzichtet auf jegliche explizite Aktualisierung, wohl auch in der berechtigten Überzeugung, dass sie sich bei entsprechender Inszenierung aus Tschechows Original ableiten lässt.
So setzt Preuss von Anbeginn auf den illusionären Charakter der Protagonisten und verzichtet auf eine Handlung im üblichen Sinn. Bei ihm agieren die Figuren trotz aller die Gemeinschaft und Familie beschwörenden Worte durchweg für sich und spinnen nur die eigenen Illusionen fort. Karin Kleins Raniewskaja verbringt einen Großteil der Aufführung als nostalgisch an der Rampe schwelgende Diva, die sich der Realität konsequent verweigert, weil sie mit diesem sozialen Absturz nicht leben könnte. Stefan Schuster agiert als ihr Bruder Leonid meist abseits, und die distanzierten Monologe der beiden zeigen, dass es keine echte Kommunikation mehr gibt und beide in einer eigenen Blase der Illusionen leben. Die beiden Töchter Anja (Aleksandra Kienitz) und Warja (Samia Dauenhauer) zeigen wegen dieser krankhaften Realitätsverweigerung von Mutter und Onkel deutliche Anzeichen großbürgerlicher Verwahrlosung und äußern sich entweder in hilflos-sarkastischen Kommentaren oder Ausbrüchen naiver Hoffnung auf eine reiche Heirat. Ihre eventuell vorhandene Dynamik ist längst durch die Erstarrung der älteren Generation abgetötet worden. Das gilt auch für den ewigen Studenten Trofimow (Niklas Herzberg), der einfach auf einen Unterschlupf bei den vermeintlich wohlhabenden Gutsbesitzern hofft, ohne selbst aktiv zu werden. Und auch der Gutsbesitzer Simeonow (Hubert Schlemmer) wiederholt nur in einer Dauerschleife seine Lobeshymnen auf die guten alten Zeiten und die Tradition. All diese Figuren eines untergehenden Systems sind in mehr oder minder phantastische Kostüme (Eva Karobath) gekleidet, die auf eine fast schon höfische, unveränderbare Tradition verweisen.
Dagegen setzt Preuss dann zwei radikal diametrale Figuren. Da ist einmal der Kaufmann Lopachin, den Sebastian Schulze im modernen grauen Anzug als entschlussfreudigen „Macher“ spielt, ohne der Versuchung zu erliegen, ihn als kapitalistischen Fiesling zu denunzieren. Angesichts der Tendenzen heutigen Regietheaters ist es schon ein lobenswertes Wagnis, den erfolgreichen Kaufmann als Vertreter einer neuen Zeit und nicht als habgierigen Bösewicht anzulegen. Das zeigt sich auch in seiner fast schon penetranten Weigerung, der hoffenden Warja gegen Ende den alle Probleme lösenden Heiratsantrag zu machen. Das kann man als miese Missachtung, aber auch als konsequente Entscheidung gegen das sich an seine Privilegien klammernden Establishments alter Art betrachten.
Vor der Pause legt Preuss das Stück als fast schon surreale Aufführung illusionären Lebens an, die keine wirklichen Dialoge zwischen Menschen, sondern nur nostalgische Selbstbespiegelungen kennt. Hier zerfällt die Handlung gezielt in einsame Klagen über den Lauf der Welt. Die Bühnentechnik mit einem Rahmen aus Lichtstäben als „leuchtendes“ Gutshaus einer großen Zeit steht genauso dafür wie die vermeintlich edle Selbstdarstellung in Kleidung und Attitüde. Wer das Stück nicht kennt, hat in dieser ersten Hälfte durchaus einige Schwierigkeiten mit der Handlung.
Nach der Pause geht es dann zur Sache, wenn Lopachin zu der vorher mehrere Male warnend erwähnten Versteigerung geht und das Gut samt Kirschgarten ersteht. Seine Ankündigung des Abholzens des Kirschgartens und eventuellen Abrisses des Gutshauses trifft die Illusionisten ins Mark, und je mehr Lopachins pragmatische Machermanier das Kommando auf der Bühne übernimmt, desto hilf- und kopfloser reagieren die ehemaligen Bewohner, die sich schließlich nach mehr oder minder lukrativem Verkauf letzter Habseligkeiten in die Büsche schlagen und damit der nächsten Generation eine „tabula rasa“ hinterlassen.
Das alles betrachtet als sozialer Gegenpart der Diener Firs (Jörg Zirnstein), den alle anderen Figuren als soziale Randfigur gerade noch wahrnehmen, ohne ihn als Mensch zu achten. Er ist die durchlaufende Konstante dieser Inszenierung und konterkariert damit das Spiel der privilegierten Oberschicht. Im Gegensatz zu anderen Stücken mutiert er am Ende nicht zum triumphierenden Gewinner, sondern wird nach dem sozialen Kahlschlag seiner Herrschaft von dieser schlicht vergessen. Denn – jeder ist sich selbst der Nächste.
Am Ende steht dann Jörg Zirnstein beim Schlussapplaus zwar zentral, aber ganz alleine in der Mitte der Bühne, während die anderen Darsteller zur Entgegennahme des kräftigen Beifalls kommen und gehen. Er stellt somit die Konstanz der Unterprivilegierten und ihrer Ausgrenzung dar.
Frank Raudszus



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