Maurice Maeterlinck war einer der herausragenden Vertreter des Symbolismus, der Ende des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die industrielle und wissenschaftliche Rationalität entstand und die Realität nur als Symbole tiefer liegender, gleichsam metaphysischer Gesetzmäßigigkeiten betrachtete. Das schlägt sich auch in seinem Stück „Pelléas und Mélisande“ nieder, dass Claude Debussy wiederum im Jahr 1902 als Oper auf die Pariser Bühne brachte. Hier trafen sich zwei Künstler, die beide eine tiefe Skepsis gegenüber dem fortschrittsgläubigen Zeitgeist an den Tag legten und in ihren Werken die nicht rational begründbaren Grundzüge des menschlichen Daseins in den Vordergrund stellten. Das Staatstheater Darmstadt hat Debussys Oper jetzt unter der Regie von Dirk Schmeding neu inszeniert und diesem oft als weltfremd und abgehoben empfundenen Werk so intensive wie packende Seiten abgewonnen.
Schmeding stellt von vornherein den symbolistischen Aspekt in den Vordergrund. Das schlägt schon im Bühnenbild nieder, das sich dem Publikum vor Beginn als das Abbild eines eisverkrusteten Fensters auf dem Gaze-Vorhang präsentiert, auf dem einzelne aufgetaute Wassertropfen nach unten rinnen. Dieses symbolträchtige Bild von kalter Welt und wenigen warmen Bahnen begleitet die gesamte Inszenierung in verschiedenen Varianten und ruft damit den Grundtenor dieser Inszenierung immer wieder in Erinnerung. In den Szenen mutiert der vermeintliche Eisrahmen dann zu zackigen Felsformationen, die sich in die Tiefe des Bühnenraums hinein fortsetzen und eine nach hinten enger werdende Höhlenlandschaft simulieren. Die Symbolik dieser abweisenden Höhlenlandschaft liegt dabei auf der Hand.
Während der mehrmals als dunkel beschworene Wald das unerforschliche Innenleben symbolisiert, steht das Meer für Offenheit und Freiheit, und die es befahrenden und von Pelléas und Mélisande beobachteten Schiffe gelten als Hoffnungschiffren. Der Symbolismus setzt sich in der Handlung fort, wenn Golaud (Georg Festl), ein Mann in mittleren Jahren, sich im Wald – sprich: Leben! – verirrt und auf die unglückliche weil leidgeprüfte Mélisande (Jana Baumeister) trifft. Diese wirkt nicht zuletzt wegen des nie geklärten Hintergrundes ihres Leids wie ein spätes Echo der Feen und Nymphen früherer Zeiten und ist damit ebenfalls symbolisch aufgeladen. Ähnliches gilt für Golauds Großvater Arkel (Johannes Seokhoon Moon) und seine Mutter Geneviève (Lena Sutor-Wernich), die beide mit ihren exaltierten Kostümen und Masken aus der „Adams Family“ entliehen scheinen: Arkel als gehbehinderter Greis mit aufgetürmter Frisur und Geneviève als „femme fatale“ mit roter Perücke, hautengem rotem Kleid und herrschaftlichem Gehabe. Großbürgerliche Familiarität ist hier ersetzt durch eingefrorene Rituale und Konventionen.
In diesem geschlossenen Kokon gesellschaftlicher Selbstbespiegelung bildet nur Golauds Halbbruder Pelléas (David Pichlmaier) mit seiner jugendlich-ungeschickten und unsicheren Verhaltensweise eine Ausnahme. Natürlich verliebt er sich sofort in Mélisande, wagt das aber nicht zu äußern. Der Zuschauer ahnt eher aus dramaturgischer Erfahrung denn aus der Bühnenhandlung, dass es Mélisande ähnlich geht.
Die eher karge Handlung läuft dann darauf hinaus, dass Golaud dieser heimlichen Liebe auf die Spur kommt und seinen Halbbruder im Affekt tötet. Mélisande bringt dann noch ihre – und Golauds? – Tochter zur Welt und stirbt ebenfalls. Auch dieser tragische Schluss trägt dann wieder symbolistische Züge, denn ein Leben – mit oder ohne Pelléas – ist für Mélisande in dieser kalten Welt nicht möglich, während die Tochter als Hoffnungsschimmer einer besseren Welt Mélisandes Aufgabe fortsetzen wird.
Man kann diese Handlung in gut einer Stunde abspulen, aber darum ging es weder Maeterlinck noch Debussy. Sie wollten vielmehr die Situation und die Emotionen der beteiligten Personen in höchstmöglicher Intensität darstellen und sozusagen die Bahnen der einzelnen Gefühlstropfen durch das Eis der Umgebung nachzeichnen. Debussy tut das mit langgezogenen musikalischen Figuren, die jede einzelne Gefühlsregungen in verschiedenen Instrumentalkonfigurationen intonieren, dabei vor allem die langsame Entwicklung der Emotionen und die inneren Widerstände und Unsicherheiten widerspiegeln und bewusst selten Tempo aufnehmen.
Das kann leicht langatmig wirken, wenn nicht Musik und Bühnenhandlung für die entsprechende Intensität sorgen. Das ist jedoch in dieser Inszenierung über weite Strecken gegeben. Dazu tragen einerseits die so konzentrierte wie intensive Darstellung des Ensembles und andererseits die stets vor Spannung vibrierende Orchestermusik bei. Da ist ein Golaud, der von Eifersucht geplagte Ehemann, der selbst seinen eigenen Sohn aus erster Ehe als Spion gegen seine vermeintlich untreue Ehefrau missbraucht, und da ist der unsichere Pelléas, der als noch halb Jugendlicher weder mit seinen Gefühlen noch mit seiner Schwägerin umzugehen weiß. Georg Festl und David Pichlmaier verleihen ihren Figuren nicht nur charakterliche Glaubwürdigkeit, sondern in ihren Schwächen vor allem höchste Intensität. Das gilt auf der anderen Seite ebenso für Jana Baumeister, die mit gleicher Intensität die schwierige emotionale Lage der in diese seltsame Familie hineingeworfene Familie überzeugend darstellt. Dass die sängerischen Leistungen höchsten Ansprüchen genügen, versteht sich bei diesen Akteuren fast schon von selbst, kennen wir sie doch aus vielen anderen großen Rollen.
Die größte Schwierigkeiten für das Ensemble bestanden offensichtlich in den lang gezogenen Szenen, denn Debussy ging es nie um die musikalische Abbildung der Handlung, sondern um die langsame Entwicklung widerstreitender Gefühle. Das erfordert jedoch lange szenische und sängerische Einstellungen, die ohne Spannungsverlust durchgestanden werden wollen. Dem Ensemble gelingt dies über weite Strecken hervorragend, und vor allem das gute Zusammenspiel lässt den emotionalen Spannungsbogen nie abreißen. Höchstens zum Schluss, wenn Mélisande schon im Gefolge ihrer Doppelgängerinnen ins Jenseits verschwunden ist und Arkel immer noch einen musikalisch umwehten Abschlussatz an den vorigen hängt, treten einige gefühlte Längen auf. Die könnte aber aber auch auf die fast dreistündige Aufführungsdauer und die begrenzte Resilienz des Publikums zurückführen.
Der Abschlussapplaus war dann trotz des langsam auslaufenden Endes recht kräftig und hielt lange an. Das Publikum wusste diese Leistung von Ensemble und Orchester in vollem Umfang zu schätzen.
Frank Raudszus




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