Der Titel dieser Ausstellung der Kunsthalle Schirn befreit den Rezensenten von der Findung einer eigenen Überschrift, denn im Gegensatz zu den oft sachlich-informativen Überschriften übermittelt er das – wenn auch vielleicht leicht sarkastische – Lebensmotto eines zeitgenössischen Künstlers, der sich sein Leben lang mit seiner lokalen und globalen Umwelt kreativ auseinandergesetzt hat.
Thomas Bayrle, geboren 1937, durchlief erst eine Lehre als Maschinenweber und wandte sich dann der Druckgrafik zu. Von 1975 bis 2002 lehrte er als Professor an der Städelschule und pflegte während dieser Zeit einen engen Kontakt zu der jungen Generation seiner Studenten. Das brachte ihn auch deren Konsum- und Kommunikationsgewohnheiten näher, die dann wiederum Eingang in sein künstlerisches Werk fanden.
Konsum und Technologie sind zwei zentrale Bereiche in Bayrles künstlerischer Welt. Den Konsum fasst er weit bis hin zur individuellen Mobilität – Auto! – oder zur Kommunikation, die heute weitgehend vom Smartphone geprägt ist. Bayrle hat dabei eine dialektische Sicht auf beide Bereiche entwickelt, die von der reinen Faszination bis hin zur kulturellen Kritik reicht. Dabei reiht er sich jedoch nicht in den wohlfeilen Chor der Klimaschützer ein, der sich mittlerweile längst zu einer Moralistenfront entwickelt hat, sondern konfrontiert die allgegenwärtige Technologien mit den menschlichen Archetypen, wodurch sich zwangsläufig das Bild einer Entfremdung aufbaut. Statt moralische Plakativität auszustrahlen, stellen seine Werke eher Fragen an den Betrachter, der ja selbst als Individuum Nutzer der Technologie, aber als Teil des gesellschaftlichen Kollektivs auch Opfer einer Entwicklung ist, die nicht nur das Klima im weitesten Sinne, sondern auch die Beziehung zwischen Kollektiv und Individuum und damit massiv letzteres beeinflusst.
Bayrles künstlerische Technik besteht zu einem wesentlichen Teil in der strukturellen Wiederholung gewisser Mikrosymbole, die wiederum konkrete Konsumgegenstände darstellen. So hat er etwa Vermeers „Mädchen mit dem Perlohrring“ in eine Collage aneinandergereihter Abbildungen eines Lippenstiftes umgewandelt. Ein Portrait des Papstes – welcher spielt keine Rolle – besteht aus farblich abgewandelten Halbschuhen, die sich nur aus der unmittelbaren Nähe als solche erkennen lassen, und Michelangelos „Pietá“ setzt er aus einer Unzahl von Totenschädeln neu zusammen.
Doch der zentrale Blick fällt auf die Alltagstechnologie. Wie ein „Statement“ wirken dabei mehrere – teilweise sogar kontinuierlich betriebene – Maschinen ohne erkennbaren ökonomischen Zweck, die den (Leer-)Lauf der Technik an sich darstellen. So treibt eine entfernt an einen Fahrradantrieb erinnernde Mechanik zwei sinnlos die leere Luft reinigende Scheibenwischer an, und andere, ähnliche Apparaturen vermitteln andere technische Fähigkeiten ohne praktischen Zweck. Hier treffen sich Faszination und Kritik in einem geradezu dialektischen Spannungsbogen. Man steht davor und spürt diesen Kontrast hautnah.
Das Auto beschäftigt Bayrle ganz besonders, und so sieht man es immer wieder als Teil anderer Collagen, und man muss sich dem Werk schon nähern, um das Auto als gestaltenden Teil zu erkennen. Damit bringt der Künstler zum Ausdruck, wie weit dieses technische Konsumprodukt unsere Weltwahrnehmung unterwandert hat. Dass eine „Pietá“ aus roten Autos auf grauen Autobahnen besteht, verweist implizit auf den geradezu heiligen Status des Autos.
Besonders aber hat es dem Künstler jedoch das Smartphone angetan, was wohl nicht länger begründet werden muss. Doch statt hier in vordergründige – selbst wenn berechtigte – Denunziation dieses Gerätes zu verfallen, nutzt er es nur als „allgegenwärtigen“ Bestandteil seiner Collagen. So besteht ein in mehreren Varianten vorhandener Roboter-Arm ausschließlich aus kleinen Smartphones, die mit verzerrten Konturen den Elementen des Geräts folgen. Nicht zuletzt die drängende Problematik der (a)sozialen Medien hat Bayrle offensichtlich dazu veranlasst, unterschiedlich Collagen aus eben solchen Smartphones zusammenzusetzen.
Bei all diesen Arbeiten fällt angenehm auf, dass Bayrle niemals den moralischen Zeigefinger hebt oder wohlfeile Entrüstung – auch nicht künstlerisch – äußert, sondern „lediglich“ typische Elemente neuer Technologien in andere Zusammenhänge setzt und in ironischer Weise als Bestandteile kultureller Symbole erklärt. Die Schlussfolgerungen müssen die Besucher jedoch selber ziehen, Bayrle sieht sich dabei nicht als moralischen Oberlehrer.
Die Ausstellung ist bis zum 10. Mai 2026 geöffnet. Näheres ist über die Webseite der Schirn zu erfahren.
Frank Raudszus



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