Edgar Wallace also – da denkt man als alter Bundesrepublikaner doch sofort an Joachim Fuchsberger und Karin Dor sowie an gemeinsames Familiengruseln vor einem kleinen Schwarzweiß-Fernseher. Diese Zeit lässt jetzt die Neue Bühne Darmstadt in ihrem Theaterstück „Die seltsame Gräfin“ nach dem Roman des britischen Allround-Autors wieder auferstehen. Der Krimi entstand zwar im Jahr 1925 nach der Desillusion des Ersten Weltkrieges, spiegelt aber dennoch auf etwas nostalgische Art die Stimmung im Vorkriegsempire mit Lord und Lady samt Butler wider.
Die junge Margeritta (Nicole Klein) freut sich auf ihre neue Anstellung als Privatsekretärin auf dem Schloss der Gräfin Moron (Gabriele Reinitzer), sieht sich aber mit seltsamen Drohanrufen eines anonymen Anrufers konfrontiert. Außerdem verfolgt sie ein ungeschickter junger Mann, der sich später als Kriminalpolizist Mike Dorn herausstellt und der bereits früh ahnt, dass sie in höchster Gefahr ist. Doch Margeritta und ihre Freundin Lizzy (Anna Baum) halten ihn – wie anfangs das Publikum – für einen lästigen Stalker.
Auf dem Weg zum Schloss der Gräfin entgeht Margeritta – mit der Hilfe des sie verfolgenden Mike Dorn – zwei direkten Mordanschlägen, um dann zu erfahren, dass sie Tochter einer Gefängnisinsassin ist, die lange wegen eines angeblichen Mordes gesessen hat und jetzt von der Gräfin in scheinbarer Großherzigkeit im Schloss aufgenommen werden soll. Dann ist da noch der dubiose Berater – und Liebhaber? – der Gräfin Chesney Prane (Axel Raether), und der im Schloss ein- und ausgehende Arzt Tappatt (Jens Hommola) weckt auch einige Zweifel.
Schon am ersten Tag auf dem Schloss der Gräfin häufen sich die seltsamen Ereignisse, die immer eine Gefährdung für Margeritta mit sich bringen, und dabei taucht auch immer wieder der ihr nicht als Polizist bekannte Mike Dorn auf. Der Zuschauer ahnt langsam, dass diese zunehmende Dramatik mit Margerittas aus dem Gefängnis entlassenen Mutter zu tun hat und das der ihr vorgeworfene und von ihr immer bestrittene Gattenmord vielleicht mit irgendwelchen Familiengeheimnissen der gräflichen Familie zu tun hat.
Dann überschlagen sich die Ereignisse, wobei der Butler eine seltsame Rolle spielt, der gräfliche Berater und der Arzt entpuppen sich als schmierige und geldgierige Gesellen und auch die Gräfin zeigt ganz andere als die sozialen Charakterzüge. Da ist ihr Sohn Selwyn (Stefan Pescheck) ganz anders gestrickt, rebelliert er doch offen gegen die ihn als krankes Kind behandelnde Mutter und schlägt sich auf die Seite der beiden jungen Frauen. Schon hier sieht man die bei Wallace übliche Bildung von Paaren der „Guten“ sich anbahnen.
Wir wollen hier nicht zu viel über die dunklen Triebe und Absichten der Protagonisten sowie die Auflösung verraten, können aber guten Gewissens auf die Spannung verweisen, die diese Inszenierung trotz einiger Längen vor der Pause entwickelt. Edgar Wallace war halt ein Profi im Krimigewerbe des frühen 20. Jahrhunderts, und Renate Renken bringt die Verwicklungen übersichtlich und glaubhaft auf die Bühne. Dabei verzichtet sie weitgehend auf Requisiten – eine Bank, ein paar Café-Tische und -Stühle sowie ein gräfliches Sofa-Ensemble reichen schon. Gabriele Reinitzer spielt die Gräfin mit selbstbewusstem, sozialpathetischem Auftreten – natürlich alles falsch -, obwohl sie noch etwas berechnender und machtbewusster agieren könnte. Man sollte als Zuschauer ihren eigentlichen Charakter erahnen können. Nicole Klein ist eine so frische wie lebenstüchtige, dann aber auch höchst verängstigte und um ihr Leben fürchtende junge Frau, und Anna Baum steht ihr als liebenswerte und treue Freundin Lizzy in nichts nach. Maximilian Friedel legt seinen Mike Dorn als Mann in der undankbaren Doppelrolle des Polizisten und Verliebten an, wobei er die Ungeschicklichkeit des jungen Mannes wohl bewusst übertreiben muss, um Margerittes abweisendem Spott Glaubwürdigkeit zu verleihen. Axel Raether wechselt geschickt zwischen den beiden Rollen des gestörten jungen Mannes, der auf Margeritta angesetzt ist, und der des eiskalten Planers Prane, der glaubt, alles im Griff zu haben. Jens Hommala bewährt sich in der Rolle des ambivalenten Arztes Tappatt, und Stefan Pescheck als sich stetig emanzipierender Sohn Selwyn ist noch etwas mehr darstellerische Durchschlagskraft zu wünschen.
Alles in allem ein unterhaltsamer nostalgischer Abend, der ältere Zuschauer in die Fernseh- und Kinowelt der Jugend zurückführte. Viel Beifall im ausverkauften Zuschauersaal.
Frank Raudszus

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