Im 7. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt spielte die russische, seit 2010 in Deutschland lebende Pianistin Yulianna Avdeeva Werke bekannter Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts, genauer: von Johann Sebastian Bach, Franz Liszt und Fréderic Chopin. Alle drei zeichnen dabei der hohe Bekanntheitsgrad, die unbestrittene Zugehörigkeit zum Kanon und eine weitgehend eindeutige stilistische Einordnung aus. Doch gerade letztere Eigenschaft stellte die Solistin an diesem Abend in Frage, indem sie zwei dieser musikalischen Größen von einer anderen, ungewohnten Seite zeigte. Auf so manchen Zuhörer dürften die vorgetragenen Werke – zumindest bei zwei der drei Komponisten – wie aus der Zeit gefallen gewirkt haben, nicht hinsichtlich der Qualität, sondern wegen der ganz speziellen Eigenarten dieser Musik.
Johann Sebastian Bachs Musik – hier speziell die Klaviermusik – ist in erster Linien durch ihre thematische wie harmonische Klarheit geprägt, die trotz höchster Komplexität stets eine souveräne Transparenz ausstrahlt. Die von Yulianna Avdeeva vorgetragene „Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903“ jedoch zeichnet sich vor allem – zumindest im ersten Teil – durch ihre bewusste Regellosigkeit aus. Da spielen Tonarten keine Rolle mehr, und die Läufe wandern – eben chromatisch – durch die unterschiedlichsten Harmonien, ohne einem bestimmten Harmoniesystem zu folgen. Man fühlt sich förmlich auf einer Bachs Epoche vorausseilenden musikalischen Zeitreise. Erst der zweite Teil gewinnt mit dem Einsetzen der Fuge thematische Struktur, wenn auch eine höchst verdichtete, und auch hier waltet noch eine recht freie Harmonik.
Yulianna Avdeeva interpretierte diese „abseitige“ Musik mit energischem Zugriff und verzichtete darauf, dieser Musik die übliche Bach´sche distanzierte Kühlheit zu oktruieren. Sie mag sich gesagt haben, wenn schon Bach seine eigene Linie mal verließ, dürfe auch sie diesem Ausflug in die freie Fantasie folgen. Man erahnte daraus bereits eine vage Ahnung der Klassik und vielleicht einen Hauch der Romantik.
Diese Tendenz setzte sich mit vier Stücken von Franz Liszt noch markanter fort. Man kennt Liszt – sowohl den Komponisten als auch den Pianisten – als Virtuosen, der das rauschende Fest der Töne liebte und dem keine musikalische Konstruktion zu komplex war, der jedoch stets mehr oder minder den musikalischen Regeln seiner Zeit folgte. Hier nun zeigt er sich plötzlich von einer ganz anderen Seite.
Die „Bagatelle sans tonalité“, entstanden 1885 kurz vor seinem Tod, besteht aus suchenden, zögernden Einzelfiguren, die geradezu vereinsamt und mit Brüchen daherkommen und bisweilen fast an Debussy erinnern. Der „Csárdás macabre“ (1881-82) konterkariert die allgemeine Vorstellung – Klischee? – dieses ungarischen Tanzes und macht dagegen dem zusätzlichen Adjektiv alle Ehre. Statuarische, bisweilen marschartige Figuren und ein tiefes Grübeln in einzelnen, verlorenen Akkorden prägen dieses ebenfalls „aus der Zeit gefallene“ Musikstück. Das als „lento“ charakterisierte „“Unstern! Sinistre“ (1881) folgt ebenfalls seinem Titel und wirkt wie eine einzige Klage, und die abschließende „Légende No. 2 „St. Francois marchant sur les flots“ aus dem Jahr 1862/63 wirkt wie ein abschließender Choral, der Frieden mit der Welt schließt, obwohl er das jüngste der vier Stücke ist.
Yulianna Avdeeva interpretierte alle vier Stücke auf ihre ganz eigene Art, die das Virtuose zwar mit Leichtigkeit bedient, wo es erfordert wird, aber nie zum Selbstzweck werden lässt. Sie zeigte mit diesen vier musikalischen Juwelen einen ganz anderen Liszt, der streckenweise schon auf das 20. Jahrhundert verweist.
Nach der Pause kam dann doch noch etwas „in der Zeit Bleibendes“, nämlich Fréderic Chopins „Préludes op. 28 aus den Jahren 1836-39. Das sind, ein wenig Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ ähnelnd, 24 Präludien, die von No. 1 (C-Dur) bis 9 in Quinten aufsteigend und von 15 (Des-Dur) bis 24 in Quarten absteigend jeweils die Dur- und parallele Moll-Tonart abbilden und dazwischen eine zwar abwechselnde, aber eher frei gewählte Abfolge von Dur- und Moll-Versionen beinhalten. Chopin hat in diesen vierundzwanzig teils recht kurzen Präludien die jeweilige Tonartfarbe und Klangwirkung zur vollen Wirkung gebracht und wandert dabei auch durch alle Ausdrucksformen vom „Largo“ bis zum „Presto con fuoco“. Dabei entdeckt man so manches bekannte Stück, das diesen Status vor allem durch sein eingängiges oder ausgefallenes Thema erlangt hat.
Yiluanna Avdeeva genoss diese Wanderung durch die Tonarten sichtbar und kniete sich – im übertragenen Sinne – tief in diese musikalischen Kleinodien hinein. Dabei gestaltete sie jedes einzelne Präludium auf eigene Weise und ließ ihm die entsprechende Aufmerksamkeit zukommen. Da konnte sich ihr Blick auch schon mal zur Decke heben, ohne deswegen der eitlen Pose des Virtuosen zu verfallen, wie sie Liszt vielleicht gepflegt hat. Aber hier ging es ja auch um Chopin, und der hat in diesen Präludien auf jeden Fall nicht am Leben gelitten. Mit diesem Abschluss des Abends bescherte Yulianna Avdeeva dem Publikum noch einmal einen geschlossenen und dabei facettenreichen musikalischen Genuss, den man so schnell nicht vergessen wird – und nicht missen möchte.
Mehr als kräftiger Beifall und noch zwei Zugaben beendeten diesen denkwürdigen Klavierabend.
Frank Raudszus

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