Der neue Roman „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ von Bodo Kirchhoff ist in den Feuilletons schon viel diskutiert worden, viele Rezensenten sehen den Roman eher kritisch: zu konstruiert; ein männlicher Erzähler, der sich in eine Frau einfühlt, wenig plausibel; die Sprache „verschwurbelt“.
Ich kann mich dieser Sicht nicht anschließen, im Gegenteil, mich hat der Roman von Anfang bis Ende gefesselt. Vielleicht ist der Blick auf diesen Roman auch abhängig von der jeweiligen Lesergeneration. Möglicherweise können jüngere Leser und Leserinnen sich mit dem Lebensrückblick eines älteren Paares – sie 69, er etwa Mitte 70 – nicht so identifizieren wie Leserinnen und Leser, die ebenfalls in fortgeschrittenem Alter sind.
Worum geht es?
Dr. Viktor Goll, Mitte 70, Soziologe und Pazifist, sitzt allein in der gemeinsamen Wohnung und versucht sich über die letzte gemeinsame Zeit mit seiner Frau Terese Klarheit zu verschaffen, indem er über sie schreibt, „das aber so, als wäre Terese die Heldin in einem Roman“. Das sieht er selbst als Anmaßung und erkennt das als seine „alte Schwäche“, denn damit macht er sie zum Objekt seiner Reflexion, statt über sich selbst nachzudenken.
In diesem Roman ist er der personale Erzähler, der die Welt mit den Augen seiner Protagonistin sieht. Alles gemeinsam Erlebte kann er authentisch erzählen, aber was sie unabhängig von ihm denkt, fühlt und erlebt, muss er sich vorstellen, d.h. insbesondere auch ihren Blick auf seine Person.
Das ist ein komplizierter Ansatz und nach der Lektüre fragt sich die Leserin, ob es dieser Konstruktion bedurft hätte, um als männlicher Autor das Leben einer Frau zu schildern. Die Weltliteratur ist voll von Romanen über Frauenschicksale, die von Männern geschrieben sind: Madame Bovari, Effi Briest, Anna Karenina, um nur die bekanntesten zu nennen.
Lassen wir also die Konstruktion beiseite und schauen uns Tereses und Viktors Geschichte an.
Terese ist 69 Jahre alt, sie war Kinder- und Jugendtherapeutin, mittlerweile betreut sie jedoch nur noch junge Therapeutinnen in ihrer Arbeit, eigene Patienten hat sie nicht mehr. Sie ist immer noch attraktiv, ist sich aber der Treue ihres Mannes nicht sicher. Er hat bis zu seinem Ruhestand einen pazifistischen Think-Tank geleitet und war in dieser Funktion ein gefragter Berater auf vielen öffentlichen Ebenen. Nun im Ruhestand plant er ein Buch über eine Welt ohne Waffen.
Zu diesem Zweck muss er nach Indien reisen, um dort einen Schweizer Waffenhersteller zu treffen. Viktor kennt sich in allen Waffensystemen aus, so dass man ihn eigentlich als Waffennarren bezeichnen könnte, denn er lässt keine Gelegenheit aus, um über die verschiedensten Systeme zu dozieren, allerdings immer mit dem pazifistischen Hintergrund, dass er stets auf das weltweite Leid verweist, das durch Waffen entsteht.
Terese misstraut dieser angeblichen Recherchereise und macht sich Hals über Kopf auf die Reise nach Mumbai, als er für sie gar nicht mehr erreichbar ist.
Diese Reise wird zu einem Aufbruch zu sich selbst, zu einem Rückblick auf ihr Leben mit Viktor und zu einer Affäre mit dem Besitzer des kleinen Hotels, dessen Adresse Viktor ihr angegeben hatte. Sie erfährt sich auf eine ganz neue Art als Frau angenommen. Es scheint wirklich um sie zu gehen, nicht, wie sie es bei Viktor und auch bei ihrem Doktorvater und späteren Liebhaber erfahren hat, um Selbstdarstellung des Mannes. Ihr wird immer klarer, dass sie in ihren Beziehungen die Projektionsfläche für die „großen“ Ideen und Theorien der Männer war, dass sie diese Intellektuellen bewundert hat und ihnen ideologisch gefolgt ist, sich dabei aber trotz ihrer eigenen Klugheit und ihres beruflichen Erfolgs selbst verloren hat.
Aus dem wütenden Aufbruch, um Viktor aufzuspüren, wird immer mehr die Frage, ob sie mit diesem Mann auch das Alter verbringen will. Ist ein Leben in Indien mit dem Deutsch-Inder Rana Walter Panjabi eine Alternative? Während der von dem kleinen Hotel am Meer träumt, das er mit ihr führen möchte, treibt sie durch diese chaotische Stadt, ohne wirklich ein Ziel oder irgendetwas zu tun zu haben.
In Gedanken lässt sie die gemeinsame Vergangenheit mit Viktor Revue passieren, wie sie beide als junge Akademiker die Welt verbessern wollten. Als zweite Generation der 68er-Bewegung sind sie auf Ostermärschen mitgezogen, haben ihren Pazifismus vor sich her getragen, stemmten sich gegen die spießige bürgerliche Welt, reisten in Latzhose und T-Shirt und mit wenig Geld, natürlich übernachtete man im Zelt. Es war wie ein großes Versprechen, dass man anders leben wollte.
Die Wirklichkeit hat sie dann eingeholt. Mit regelmäßiger Arbeit und gutem Geld und mit einer Tochter hat sich die Bürgerlichkeit eben doch eingeschlichen mit dem festen Freundeskreis, mit dem man jedes Jahr Silvester feiert, natürlich im angemessenen Rahmen, mit gemeinsamen Reisen und viel Rotwein und dennoch immer im Bewusstsein, dass man doch ganz anders ist als die Mehrheit.
Dass die Tochter dabei emotional vernachlässigt wird, merken sie erst, als die Symptome der Vereinsamung bei dem Kind sichtbar werden. Aber auch das kann man verdrängen, als die Tochter eine steile Karriere als Bankerin in London macht. Darauf kann sogar der linke Vater stolz sein.
Zu einer komischen Situation kommt es, als die Tochter die Eltern nach London einlädt, um ihnen ihren Verlobten vorzustellen, ausgerechnet einen Offizier der Bundeswehr, der in Litauen stationiert ist. Hier treffen die gegensätzlichen Auffassungen unmittelbar aufeinander. Viktor kann es nicht lassen, mit seinem radikal-pazifistischen Ansatz zu provozieren, während die jungen Leute dagegen halten, dass es gelte, die Freiheit zu verteidigen.
Diese Begegnung ist eine der glänzendsten Passagen des Romans. Kirchhoff stellt hier unsere gegenwärtigen Fragen unmittelbar zur Diskussion. Für die Leserinnen und Leser eine Herausforderung, sich selbst zu positionieren. Das ist Kirchhoffs Strategie, die den Roman durchzieht. Mit seinen Protagonisten müssen wir uns den großen Fragen stellen, und zwar sowohl auf der individuellen Ebene von Ehe, Liebe und Älterwerden als auch auf der politischen Ebene. Sein Leben lang hat Viktor das Leid aufgezeigt, das weltweit durch Waffen und Kriege entsteht, er kennt die genauen Zahlen, wie viele Kinder man im Sudan oder anderswo hätte vor dem Hungertod bewahren können, hätte man nicht die Milliarden in Aufrüstung investiert.
Das Leid konkretisiert sich in der Figur der Zlata, einer jungen Ukrainerin, die durch eine russische Bombe ihren Mann und ihre zwei Kinder verloren hat. Nur durch einen Zufall wurde sie nicht getroffen, weil sie in genau dem Augenblick auf der Toilette war. Dieser Frau begegnet erst Viktor und dann Terese in Mumbai. Zlata ist eine beeindruckend starke Frau, die nicht in Trauer um sich selbst kreist, sondern sich als Geflüchtete in Deutschland um traumatisierte geflüchtete Kinder und Jugendliche kümmert.
Hier verbindet Kirchhoff die individuelle mit der politischen Ebene. Er provoziert die Frage, ob wir mit unserer Selbstreflexion viel zu sehr um den eigenen Nabel kreisen, statt auf die wirklichen Nöte anderer zu sehen. Muss Viktor lernen, von sich selbst abzusehen, d.h. für andere zu handeln, statt nur zu reden und Theorien zu schwingen? Hat Terese mit ihrer therapeutischen Arbeit den Kindern und Jugendlichen zu einem aktiven Leben verholfen? Oder hat sie sie bestärkt, nur sich selbst wahrzunehmen? Wo ist die richtige Schnittmenge von eigenen Bedürfnissen und notwendigem Engagement für andere? Und was macht die Liebe mit uns, und wie verändert sich Liebe im Laufe eines langen gemeinsamen Lebens?
Es gibt zwei Bücher, die für Viktor und Terese immer wichtig gewesen sind, zum einen „Die Ballade vom traurigen Café“ von Carson McCullers, zum anderen „Der Schmerz“ von Margeurite Duras. Das eine thematisiert, was Liebe mit Liebenden und Geliebten macht, das andere das unglaubliche Leid, das durch Krieg verursacht wird. Es lohnt sich, beide Texte zu lesen (sie sind nicht lang!).
Kirchhoff ist mit seinem Roman ganz nah an unserer Gegenwart, die jüngsten politischen Entwicklungen, Krieg in Europa, Trump in den USA, auch die Situation im Iran – noch vor dem Krieg, beunruhigen ihn, wie er es an seinen Protagonisten zeigt. Schließlich ist auch das Alter ein Thema: Die Herausforderung nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben bedeutet eine Neuorientierung, aber welche? Muss es der Rückzug ins Private, in das Genießen sein? Oder gibt es noch einen Neuanfang mit neuen Zielen und neuer Wirksamkeit?
Terese trifft am Ende für sich eine Entscheidung. Ob es eine gemeinsame Zukunft für die letzte Lebensphase gibt, bleibt offen. Ihre Forderung an Viktor: „Was du tun kannst, damit ich zurückkomme? Von dir absehen. Einmal im Leben.“ Diesen Satz stellt Kirchhoff als Motto seinem Roman voran.
Nehmen wir uns das zu Herzen!
Bodo Kirchhoff, Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt. dtv Verlagsgesellschaft 2026, 575 Seiten, 28 Euro.
Elke Trost

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