Burleske mit Fragezeichen

Im reißerischen Stil der frühen 50er oder gar 40er Jahre prangt der Schriftzug „Don Pasquale“ auf dem Vorhang im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt, und daneben verweist die Preisangabe „30 ct“ auf das US-Kino und die Gangsterfilme dieser Zeit. Humphrey Bogart lässt grüßen.

Doch eigentlich könnte das Sujet dieser Oper von Gaetano Donizetti aus Bocaccios „Decamerone“ stammen. Der reiche, aber alte Junggeselle Don Pasquale (Oliver Zwarg) sucht eine Frau und beauftragt seinen angeblichen Leibarzt Malatesta (David Pichlmaier) mit der Auswahl. Gleichzeitig verbietet er seinem Neffen Ernesto (Eleazar Rodriguez) die Heirat mit der mittelosen Witwe Norina (Ofeliya Pogosyan) und schlägt ihm eine andere, lukrative Heirat vor. Als Ernesto sich dagegen wehrt, wirft er ihn hinaus. Malatesta jedoch ist weder Arzt noch Freund, sondern kalt kalkulierender Krimineller, der mit der ebenso berechnenden Norina einen perfiden Plan ausgeheckt hat. Norina soll als seine bescheiden-ängstliche Schwester einer Heirat mit Don Pasquale zustimmen, um diesen dann um sein Vermögen zu bringen. Das klappt dank der Vertrauensseligkeit des so naiven wie verliebten Don Pasquale, der „stante pede“ einen sehr einseitigen Heiratsvertrag unterschreibt. Unmittelbar darauf wird Norina von der schüchternen Klosterschülerin zur Xanthippe, baut das Haus um, tätigt teure Anschaffungen und geht aufwändig shoppen. Am Ende stimmt Don Pasquale einer Hochzeit mit Ernesto zu, nur um dieser Ehehölle zu entrinnen.

v.l.n.r.: Ofelija Pogosyan, Oliver Zwarg, David Pichlmaier und Theodore Browne

Die üblichen Inszenierungen dieser Geschichte stellen Don Pasquale als unerträglichen Geizhals und Frauenfeind dar, um die Gaunerei zur edlen Tat umzudefinieren. Außerdem sind Ernesto und Norina dort ein liebend-romantisches Pärchen, dessen Glück geradezu axiomatischen Charakter hat, und Malatesta kommt eher als schlauer Vermittler des guten Endes daher.

Regisseurin Geertje Boeden verlagert diesen Schwank in eine moralisch ambivalente Form, die unter anderem wohl aus einem Widerspruch des heutigen „progressiven“ Zeitgeistes folgt, Zwar predigt dieser Geist die Gleichwertigkeit aller erotischen Orientierungen und kämpft gegen jegliche Diskriminierung, nimmt jedoch gleichzeitig den „alten weißen Mann“ als Schuldigen allen Übels aufs Korn. Bei Boeden ist Don Pasquale zwar ein solcher Mann, aber sie zeichnet ihn nicht als lüsternen, herrschsüchtigen Geizhals, sondern einfach als jemanden, der meint, sich Glück – was immer das ist – kaufen zu können. Das macht ihn nicht unbedingt sympathisch, aber auch nicht zum absoluten Bösewicht. Auf der anderen Seite skizziert die Regie Ernesto als zwielichtigen jungen Mann, der seine Tage schlafend oder im Morgenrock im Haus des Onkels verbringt und sich klischeehaften Phantasien über ein Liebesleben mit Norina hingibt. Diese wiederum erscheint in dieser Inszenierung vom ersten Augenblick als kühl kalkulierende Strategin, die ihren Möchtegern-Liebhaber Ernesto als Mittel zum Zweck einsetzt. Das wird gleich in der ersten Szene klar, wenn sie Malatesta in einem „Underground“-Quartier das Projekt „Don Pasquale“ an einem Flipchart erklärt. Diese Norina changiert zwischen finaler Emanzipation und krimineller Energie, während Malatesta hier weniger als zentraler Intrigant denn als ausführendes Organ agiert.

Opernchor, Theodore Browne

Um die kriminelle Atmosphäre noch anzureichern, lässt Boeden drei Chormitglieder als Gangsterbande in den Kostümen vermeintlichen Hauspersonals herumschleichen, mit erhobenem Spaten hinter Don Pasquale oder mit Blutflecken auf der Kleidung, die von der gewaltsamen – und in kleinen Szenen gezeigten – Entfernung des ursprünglichen Personals stammen. Mit dieser durchlaufenden Nebenhandlung einer gewaltsamen Übernahme von Don Pasquales Haus schlägt die Regie der Aktion von Norina und Malatesta die letzten moralischen Rechtfertigungen aus der Hand.

Boedens Inszenierung ist im wahrsten Sinne des Wortes unmoralisch, denn hier hat keiner mehr Recht, und es gilt nur das Recht des Stärkeren. Das liest sich fast wie ein impliziter Kommentar zur aktuellen Weltlage, wo Putin, Trump und Xi nach Macht und nicht nach Moral agieren. Wenn man den Interpretationsspielraum so weit öffnet – es gibt keine expliziten Aktualisierungen! -, gewinnt das Stück sogar an politischer Aussage.

Ensemble und Opernchor

Dennoch behält Boeden bewusst die Elemente der Komödie bei. Alle Figuren tragen latent karikaturhafte Züge, die jedoch nie platt überzeichnet werden. Oliver Zwarg spielt einen im Grunde genommen gutmütigen älteren Herren, der zwar meint, alle müssten nach seiner pekuniären Pfeife tanzen, der sich aber nur nach einem angenehmen Leben sehnt. In der stärksten Szene, dem großen Ehekrach mit der wundersam emanzipierten Norina, zeigt er die ganze Hilflosigkeit des alternden Don Pasquale gegenüber seiner schneidend argumentierenden Frau. David Pichlmaier spielt auf unnachahmliche Weise den halbseidenen und -schmierigen Malatesta mit gezwirbeltem Schnurrbart, gegeltem Haar und einem eine Spur zu modischen gestreiften Anzug. Seine Mimik und Gestik runden diese Figur zu einem Archetypus der Komödie ab. Eleazar Rodriguez schwankt dagegen ein wenig zwischen ambitionslosem Berufsneffen und schmachtendem Liebhaber, wobei diese Unentschiedenheit durchaus Teil der Rolle sein mag. Ofelija Pogosyan wiederum zieht in ihrer Rolle alle Register einer emanzipierten und kühl kalkulierenden Frau, die sich auch noch verstellen kann. Doch dabei überschreitet sie nie die Grenze zur unsympathischen Figur und kann ihrer Norina durchaus komödiantische Züge verleihen.

Bei den sängerischen Leistungen stechen vor allem Ofelija Pogosyan mit ihrer ausgesprochen variablen und ausdruckstarken Stimme sowie David Pichlmaier mit seiner Präsenz und seiner komödiantischen Phrasierung hervor, was nicht heißt, das Oliver Zwarg und Eleazar Rodriguez dagegen abfallen. Aber letztere haben nicht ganz so dankbare sängerische Rollen.

Das Bühnenbild von Robert Schweer zeigt Don Pasquales Haus erst in biederer Holzausstattung, dann in Norinas greller Popaufmachung. Dazu fährt aus dem Untergrund (!) von Zeit zu Zeit die Gangsterzentrale mit Revolver-Graffitti und Abhöranlage hoch, um dann wieder in der Versenkung zu verschwinden. Ein Höhepunkt ist das geheime Treffen im Garten mit einer ganzen Herde exotischer Insekten und übergroßen Blumen. Hier feiert die Komödie wirklich einen Triumph.

Das Orchester unter der Leitung von Johannes Zahn intoniert die eingängige, bisweilen „süffige“ Musik Donizettis mit viel Schwung und Gespür für die jeweilige Situation und lässt dem Sängerensemble zu jeder Zeit genug akustischen Raum zur Entfaltung.

Viel Beifall des Premierenpublikums.

Frank Raudszus

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