Denk nicht, schau!

„Denk nicht, schau!“ lautet der Titel der Ausstellung im Wiesbadener „Museum Reinhard Ernst“ (mre) über den österreichischen Maler Wolfgang Hollegha (1929-2023) und spiegelt gleichzeitig dessen künstlerische Maxime. Hollegha war bis ins hohe Alter tätig, und das letzte in dieser Ausstellung gezeigte Bild malte er im Alter von 92 Jahren. Seine Bilder leben vor allem von den intensiven Farbflächen, die man durchaus mit dem Klischeebild der „Farbexplosion“ assoziieren kann, sowie von ihrer raumfüllenden Größe, die Flächen wie die im „mre“ geradezu fordern.

Daniel Hollegha vor eine m Bild seines Vaters

Zur Eröffnung war die steiermärkische Kunstprominenz in Gestalt von Kuratoren und Kulturpolitikern sowie Holleghas Sohn Daniel Hollegha in Mannschaftsstärke angereist, um diesen eindrucksvollen Auswärtssieg einzufahren. Der kleine Unterschied zum hier assoziierten Sport besteht jedoch darin, dass gleichzeitig das „mre“ damit einen deutlichen Heimsieg verbuchen kann, also eine echte Win-win-Situation.

Nach einem kurzen Film, in dem Daniel Hollegha das abgelegene Sommeratelier seines Vaters tief im steirischen Bergwald bei Rechberg vorstellte, skizzierten Hollegha und Kurator Günther Holler-Schuster in einem Podiumsgespräch Leben und künstlerisches Profil von Wolfgang Hollegha. Dabei wies Holler-Schuster auf Holleghas von Wittgenstein übernommenen Leitsatz hin, nach dem man über Dinge, über die man nicht sprechen könne, schweigen solle. Daher rührt auch Holleghas Spruch, der dieser Ausstellung als Titel dient.

Nach Jahren in urbaner Umgebung bis hin zu New York entschied sich Hollegha für den Umzug in die Natur und erwarb einen heruntergekommenen Bauernhof in der einsamen Berglandschaft bei Rechberg, weil er nur dort die Nähe zur Natur und damit zu echten Motiven erleben und verarbeiten konnte. Jahrelange Renovierungsarbeiten und Umbauten wechselten sich mit künstlerischem Schaffen ab. In der Ausstellung nimmt ein – wie ein Gemälde anmutendes – Foto seines Rechberger Sommerateliers mit dem vierzehn Meter hohen Atelierraum einen prominenten Platz ein und versendet damit eine implizite Botschaft an die Besucher.

Ein vielgestaltige Farbfläche

Hollegha schuf mit Vorliebe großformatige Bilder von bis zu fünf Metern Höhe und/oder Breite, was ihn bei jeder Ausstellungsanfrage zu der Frage veranlasste, ob man denn dort auch die entsprechenden Wände habe. Das „mre“ hat sie auf jeden Fall und war damit von vornherein prädestiniert für diese Ausstellung. Seine Bilder erstellte er durchweg in der Horizontale auf dem Atelierboden, was zu der Entwicklung eines eigenen Schlittens führte, mit dem Hollegha in Armlängenabstand über das Bild fahren und unbehindert arbeiten konnte.

Hollegha war kein Meister der Selbstvermarktung, sondern lebte mehr für seine Kunst als für seine – nationale und internationale – Sichtbarkeit. Umso erstaunlicher und bedeutsamer ist seine frühe Präsenz auf dem nordamerikanischen Kunstmarkt zu bewerten, denn hier entdeckten US-amerikanische Kritiker den österreichischen „Eigenbrötler“ und luden ihn zu Ausstellungen ein, in denen auch angesagte abstrakte Künstler der frühen Sechziger vertreten waren. Drei Jahre lang präsentierte er seine Werke in verschiedenen Ausstellungsorten, unter anderem in Pittsburgh und New York, bevor er sich zum Umzug nach Rechberg entschied und den kosmopolitischen Großstädten ein „Good Bye“ nachrief.

„Blaue Mütze“, 2010

Holleghas – nur teilweise übertitelte – Bilder gehen meist von einem bestimmten Motiv aus, das er erst in großzügigen Grafikskizzen entwarf und dann auf sehr freie Art in Farbflächen umsetzte. Dabei ist das jeweilige Motiv nur anhand der Skizzen noch identifizierbar – wenn überhaupt. Natürlich ging es ihm nicht um figurative Darstellung, sondern um die Umsetzung von Eindrücken und kreative Weiterentwicklung. Dabei verzichtete er weitgehend auf den herkömmlichen Pinsel und schwappte die Farbe(n) aus kleinen Schalen direkt auf die Leinwand. Das geschah jedoch nicht willkürlich, sondern war minutiös geplant. Lappen und bisweilen auch die Hände dienten dann zur weiteren Bearbeitung der Farbflächen wie Abschwächung, Konturierung und Überlagerung.

Dem deutschen Publikum bringt diese Ausstellung in 27 Exponaten einen weitgehend unbekannten Künstler nahe, wobei diese Unkenntnis weniger auf der Qualität der Arbeiten als auf der selbstgewählten Abgeschiedenheit des Künstlers beruht. Es ist dem Museum Reinhard Ernst sowie den steirischen Kulturbehörden hoch anzurechnen, dieses deutsche Aufmerksamkeitsdefizit zu beenden und Wolfgang Hollegha an prominenter Stelle, nämlich in der hessischen Landeshauptstadt, eine angemessene kulturelle Präsenz zu verschaffen.

Die Ausstellung ist bis zum 25.10.2026 geöffnet. Näheres ist unter der Webseite des „mre“ zu erfahren.

Frank Raudszus

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar