Der zerbrochene Kleist…

In Heinrich von Kleists Komödie „Der zerbrochene Krug“ steht eindeutig der mehr als zwielichtige Dorfrichter Adam im Mittelpunkt. Als Richter über ein Delikt, dass er selbst begangen hat, sucht er die verwegensten Ausflüchte und Verdächtigungen, nur um den Verdacht nicht auf sich zu zu lenken. natürlich letztlich ohne Erfolg. Doch die Komik seiner verbalen und mimischen Verrenkungen ließ diese Komödie zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Theaterstücke aufsteigen.

Die Regisseurin Theresa Thomasberger hat Kleists Komödie jetzt für das Staatstheater Darmstadt als feministisches Kampfstück inszeniert. Das fängt bereits bei der Besetzung an, die alle Figuren außer den Dorfrichter (Florian Donath) von Frauen spielen lässt. Gabriele Drechsels aufgesetzter Schnurrbart soll den Gerichtsrat Walter glaubwürdiger machen, Alisa Kunina spielt den Schreiber Licht im grauen Anzug und Krawatte, und Lamis Ammas gibt einen eher zerbrechlichen Ruprecht, dem man eigentlich nicht zutraut, den gestandenen Adam aus Eves Zimmer zu prügeln.

Ensemble

Diese Verweiblichung des Ensembles, wobei die Rollen bewusst männlich bleiben, scheint eher einem politischen Impetus als einem Mangel an männlichen Schauspielern geschuldet zu sein, als praktische Folge dieses feministischen Verständnisses ergibt sich jedoch eine verringerte Verständlichkeit der Texte, denn die weiblichen Stimmen sind eindeutig weniger raumfüllend als etwa die von Florian Donath als Dorfrichter.

Diese Ausrichtung der Regie zeitigt jedoch noch weitere Konsequenzen, die sich lähmend auf die Bühnenhandlung auswirken. Bei Kleist liegt der Fokus eindeutig auf der Person des Dorfrichters und dessen vielfältigen verbalen, mimischen und gestischen Versuchen, seinen Kopf aus der langsam sich schließenden Schlinge zu ziehen. Im Prinzip ist dieses Stück eine „Einmann-Show“ für begabte Komödianten, während die Figuren ringsumher eher als dramaturgische Stichwortgeber agieren. Marthe Rull (Laura Eichten) darf etwas empört über den Krug und ihren Verdacht schwadronieren, steht aber als Zeugin eher am Rande des Geschehens, und Eve äußert sich lange Zeit aus ängstlich verborgenen Gründen gar nicht. Um dieses Defizit zu kompensieren, vervierfacht die Regisseurin diese Rolle und lässt vier junge Damen – Johanna Gütlich, Fenja Lischka, Melissa Koch und Merle Deschamps – als stumm mahnendes Quartett in den Ecken der Bühne posieren.

Florian Donath als Dorfrichter Adam

Offensichtlich will die Regisseurin Eve als weibliches Opfer im Sinne von „MeToo“ inszenieren. Das gibt die Handlung jedoch nur in beschränktem Maße her. Zwar belästigt der Dorfrichter Adam das junge Mädchen und versucht, sie zu erpressen, aber Ruprecht schiebt dem einen tätlichen Riegel vor. So fällt dieses Verhalten eher dem Dorfrichter als Fehltritt zur Last, als dass es Eves Rolle aufwertet. Um dies dennoch zu erreichen, schiebt die Regisseurin eine Szene „Eve am Spinnrad“ ein, in der die vier Doubles nacheinander im stillen Kämmerlein spinnen, Handy-Nachrichten auslesen oder marxistische Texte über Produktionsbedingungen zitieren. Dabei soll die Spannbreite verschiedener Epochen offensichtlich auf die ewige Unterdrückung der Frau verweisen. Das ist durchaus ein ernstes Thema, doch gibt gerade Kleists Stück dazu eine vergleichsweise schwache Vorlage. Marthe Rull ist das Paradebeispiel einer selbstbewussten und wehrhaften Frau, und Eve dient eher als dramaturgischer Anlass für die Handlung denn als Beispiel eines ausgefeilten Charakters.

Im abschließenden Höhepunkt versammeln sich alle Figuren dieses Stücks – außer dem Dorfrichter – zu einem Festmahl, bei dem sie genüsslich Adams aufgebahrten Körper verspeisen. Diese so metaphorische wie makabre Annihilierung des (männlichen) Antihelden ist als bewusste Provokation vor allem eines als patriarchalisch gesehenen Publikums gedacht, leidet jedoch unter dem Gewöhnungseffekt, etwa dem aus „Seid nett zu Mr. Sloane„, und konnte das Publikum auch nicht erschüttern.

Ensemble

Anhand dieser Inszenierung stellt sich wieder einmal die klassische Frage nach Sinn und Zweck des Regietheaters. Wenn Regisseure ein bestimmtes Thema auf der Bühne bearbeiten wollen, dann sollten sie sich ein passendes Stück aus dem Repertoire aussuchen, das dieses Thema bedient. Bei Stücken wie „Der zerbrochene Krug“ drängt sich dem Zuschauer der Verdacht auf, dass man ein quotenträchtiges Stück ausgesucht hat, um das Publikum ins Theater zu locken, ähnlich den üblichen Verdächtigen bei einer politischen Talkshow. Hier soll´s der Titel richten.

Das Ensemble ist dennoch um eine lebendige Aufführung bemüht. Laura Eichten gibt eine fast schon etwas zu weltgewandte Marthe Rull, die an der Rampe die Blicke auf sich zieht, und Florian Donath agiert zwar mit angezogener Handbremse, will und kann aber offensichtlich mehr. Anscheinend wollte die Regie die Beherrschung der Bühne durch den Hauptdarsteller vermeiden. Die gehört in diesem Stück nämlich den Frauen. Gabriele Drechsel, bekannt als ausgesprochene Charakterdarstellerin, fühlt sich jedoch in der etwas trockenen Rolle des Gerichtsrats sichtlich nicht besonders wohl. Nicht einmal bissige Ironie ist ihr erlaubt, nur die verhaltene zwischen den Worten. Alisa Kunina verleiht dem Schreiber Licht eine gewisse Quirligkeit, und Lamis Ammars Ruprecht ist eher eine verlorene Seele.

Frank Raudszus

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