Die Hybris des Films im Auge des Theaters

Das Kino liebt den großen Auftritt des menschlichen Egos, nicht zuletzt aufgrund seiner Reichweite und Massenkompatibilität, die eine weitgehende Identifikation der Kinobesucher mit der latenten Hybris des Menschen ermöglichen. Im Gegensatz dazu bedient das Theater bewusst die kleine Zielgruppe körperlich anwesender Zuschauer und fordert deren kritische Reflexion – oder sollte es zumindest tun. Das Staatstheater Darmstadt hat sich jetzt mit Klaus Gehres Bühnenfassung des Films „Jurassic Park“ von Steven Spielberg aus dem Jahr 1993 dieses kontroversen Themas angenommen, und der Zweitautor agiert dabei auch als Regisseur. Diese Rezension basiert auf der Generalprobe zwei Tage vor der Premiere und kann daher eventuelle finale Änderungen nicht mehr berücksichtigen.

v.l.n.r.: Patrick Balaraj Yogajaran, Stefanie Steffen und Torsten Loeb

Der Film handelt von einem Dinosaurier-Park auf einer pazifischen Insel, in dem aus fossilem Gen-Material neu gezüchtete Saurier verschiedener Arten als touristische Attraktion mit hohem ökonomischen Potential gezeigt werden. Man kann hier durchaus von einer Metapher für die menschliche Hybris im Sinne von „anything goes“ sprechen, auch wenn Steven Spielberg vielleicht eher den Reiz des erfolgreichen Blockbusters im Auge gehabt haben mag.

Klaus Gehre stellt an seine Bühnenfassung einen besonderen Anspruch dadurch, dass er sie auf mehreren Ebenen spielen lässt. Da ist einmal die eigentliche Filmhandlung, die sich auf einem zentralen Bildschirm abspielt. Dieses Kino auf dem Theater trägt jedoch insofern selbstreferentielle Züge, als es auch implizit die Produktion des Films auf die Bühne bringt, jedoch nicht in Gestalt von herkömmlichen Filmproduzenten als Theaterfiguren, sondern durch die Darsteller der Filmfiguren selbst. Dabei stellt das dreiköpfige Ensemble – Torsten Loeb, Stefanie Steffen und Patrick Balaraj Yogajaran – die Videosequenzen des Films eigenhändig anhand einfacher Requisiten wie Spielzeugautos und -puppen, Baumzweigen und einfachen Modellen von Inseln und Hubschraubern her. Selbst für ein Publikum, das die Herstellung dieser Sequenzen unmittelbar miterlebt, ist deren Realitätsnähe erstaunlich beeindruckend, so dass man die Angst der Protagonisten miterlebt, die vor den eigenen Augen scheinbar in einem von einem Saurier bedrohten Auto, real jedoch vor Kamera und Mikrofon sitzen.

Patrick Balaraj Yogajaran

Diese Dopplung der Szenen auf unterschiedlichen Ebenen bringt einerseits die Unterschiede der beiden Welten – Film und Theater – zum Tragen, spricht aber andererseits auch die Verantwortung des Filmemachers für seine Arbeiten und deren Folgen an. Die emotionalen Wellen des Kinos schaukeln sich wesentlich höher auf als die des Theaters. Doch Klaus Gehre geht noch weiter: er verdichtet das umfangreiche Personaltableau des Films auf drei Personen, die immer wieder andere Rollen spielen müssen. Das erfolgt jedoch nicht wie üblich durch Kostümwechsel im Hintergrund, sondern lediglich durch minimale Kleidungsänderungen wie Hut und Stock sowie eine veränderte Sprache und Tonlage. Besucher sollten den Film kennen, um sofort zu wissen, ob Torsten Loeb gerade John Hammond oder Dr. Grant spielt, oder ob der seine Kleidung so gut wie nicht ändernde Patrick Balaraj Yogajaran den nerdigen Verräter Dennis Nedry oder eine andere Figur spielt. Da hat es Stefanie Steffen besser, da mit Ellie Sattler nur eine zentrale Frauenfigur zu spielen ist.

Doch als ab diese Zuordnungsprobleme noch nicht ausreichten, flicht Gehre noch Paul Verhoevens Klassiker „Basic Instinct“ von 1992 in die Handlung ein. Torsten Loeb muss also zwischendurch noch in die Rolle des Detektivs Nick Curran schlüpfen, der erst die Schriftstellerin Catherine Tramell als Mörderin ihres Freundes verdächtigt und ihr dann verfällt. Da muss Stefanie Steffen auch noch von der aufrichtig-positiven Ellie Sattler in das eiskalt überspitzte Ego dieser so gefährlichen wie undurchschaubaren Frau schlüpfen, nur um sich gleich wieder als Ellie vor den Sauriern zu fürchten. Wer „Basic Instinct“ nicht kennt, wird als Zuschauer bei den schnellen Szenenwechseln Schwierigkeiten haben. Das erfordert hohe Aufmerksamkeit bezüglich Stimmlage, Mimik und Gestik.

Stefanie Steffen und Torsten Loeb

Doch es geht Klaus Gehre offensichtlich nicht um die Nachvollziehbarkeit der Handlung beider Filme, sondern um die grundlegende „Ideologie“, wenn man sie denn so nennen will. Bei „Jurassic Parc“ spielen die Männer die zentrale Rolle, von dem öko-nomisch-logischen Größenwahn der Investoren und Wissenschaftler bis zum rachsüchtigen Verrat eines Nerds. Allerdings kommt diese Aussage nur implizit zum Tragen, da die Charaktere aufgrund des Skizzencharakters kaum greifbar sind. So wird allein aus der Bühnenhandlung nicht klar, dass die Planung der Übergabe von Saurierembryos einen schwerwiegenden Betrug darstellt, und andere Szenen bringen aufgrund ihrer Kürze den Allmachtswahn der Investoren nicht deutlich zum Ausdruck. Oftmals überdecken die Spannung der Handlung und der bewusst kalkulierte Witz der Spielzeuglandschaften – ironisch? – eine klare Aussage zum Inhalt des Stücks.

Bei „Basic Instincts“ dagegen steht das übergroße Ego einer Frau im Mittelpunkt, die alle Regeln missachtet und Männer nur als nützliche Werkzeuge betrachtet. Gehre beleuchtet damit eine Grundeigenschaft des Kinos, das auf die eine oder andere Weise stets auf die Identifikation mit einem großen Ego abzielt. Man denkt dabei auch sofort an die „James Bond“-Filme. Und gerade die kleinteilige Inszenierung zeigt dagegen die Mühen des Theaters, das die Zwischentöne zeigen will. Auf der anderen Seite karikiert diese Inszenierung die größenwahnsinnige Effekthascherei des Kinos, indem sie dessen gewaltigen Investitionen in eine monumentale Schein-Realität – gerade in „Jurassic Parc“ – durch billige Spielzeug-Requisiten der Lächerlichkeit preisgibt.

Die Kleinteiligkeit hat allerdings auch ihren Preis. So müssen die Darsteller nicht nur die diversen „Mini-Sets“ betreiben und diese auch noch filmen, sondern außerdem dabei noch jederzeit genau wissen, welche der schnell wechselnden Rollen sie gerade spielen. Das erledigen sie weitgehend souverän und fehlerfrei, wobei sie von dem Vorteil zehren, dass die Zuschauer gar nicht wissen können, wie eine Szene aussehen muss und den Ablauf daher als gegeben hinnehmen (müssen): „Ist der Text erst ruiniert, spricht´s sich völlig ungeniert“ – aber das wollen wir nicht unterstellen.

Zwar kommt die grundsätzliche Aussage dieser „Bühnenperformance“ nicht immer klar zum Ausdruck und öffnet weite Spielräume der Interpretation, doch die Eindringlichkeit und Doppelbödigkeit der ineinander verwobenen Handlungsstränge sowie das Tempo des Stücks entschädigen für so manches Fragezeichen hinsichtlich der Absichten des Autors und Regisseurs.

Frank Raudszus

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