Die Lust am kraftvollen Sound

Das 5. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt lebte vor allem vom kraftvollen Sound, wobei das Orchester Stippvisiten im späten 19. und im mittleren 20. Jahrhundert sowie in der Gegenwart unternahm. Frauen prägten dieses Konzert besonders, denn als Dirigentin hatte man die noch junge Katharina Müllner gewinnen können, und als Solistin trat Yulianna Avdeeva auf, die drei Tage vorher schon das 7. Kammerkonzert bestritten hatte. Das Damentrio vervollständigte die junge Komponistin (und Pianistin) Hannah Eisendle, deren Stück „Heliosis“ das Konzert einleiten sollte.

Die Dirigentin Katharina Müllner

In „Heliosis“ steckt das griechische Wort „Helios“, also „Sonne“. Das erst 2022 entstandene und durchaus tonale Stück setzt dann auch – im erweiterten Sinn der Programmmusik – die Wirkung unseres Zentralgestirns in einer Wüstenlandschaft musikalisch um. Es beginnt mit einem Orchesterschlag, dem lange, lastende und von Zeit zu Zeit von Schlägen unterbrochene Figuren folgen. Man kann sich den Schlag als Ausstieg aus einer schattigen Umgebung – klimatisiertes Auto – in die Mittagshitze der Wüste vorstellen. Die musikalischen Figuren – man mag nicht von Themen sprechen – flirren wie die Mittagshitze durch die Luft, einzelne Stimmen verlieren sich in der Stille, und feinste musikalische Strukturen konkurrieren mit brummenden Lautmalereien tiefer gehender Instrumente. Dann erheben sich diese leise lauernden Hitzemotive in einem Crescendo zu einem wilden Orchester-Tutti mit Pauken und Blechbläsern, das metaphorisch als reinigendes Hitzegewitter daherkommt. Ganze sieben Minuten währt diese Komposition und durchläuft dabei die gesamte Palette musikalischen Ausdrucks, von lieblicher Lyrik einmal abgesehen.

Orchester und Dirigentin waren hier vom ersten Augenblick an voll gefordert. meisterten diese Herausforderung aber souverän und bereiteten damit den Aufmerksamkeitsboden für das nächste Stück.

Béla Bartóks 3. Klavierkonzert aus dem Jahr 1945 trägt keine Tonartbezeichnung. Die fehlende Markierung durch Dominanten-Tonika-Folgen schlägt sich in einem seltsam schwebenden Charakter nieder, der zum Einen der Zeit der Entstehung und zum Anderen der seelischen Verfassung des Komponisten geschuldet ist, der die letzten 17 Takte nicht mehr fertigstellen konnte. Dieses Schwebende spiegelt dann vielleicht auch eher die Resignation eines vereinsamten und schwer kranken Menschen, als dass es Ausdruck einer neuen Harmonietheorie sein sollte. Fast ohne Orchestervorspiel setzt das Klavier im ersten Satz mit einem nachdenklichen Motiv ein, das sich langsam belebt und eng mit dem Orchester verzahnt. Ein wenig wirkt dieser Satz wie das musikalische Gemälde einer weiten Landschaft. Das Adagio des zweiten Satzes beginnt mit einem zarten Orchestervorspiel, dem sich erst einzelne Klaviertöne, dann Akkorde zugesellen, und schließlich wechseln sich Klavier und Orchester in einem längeren Dialog ab. Eine wehmütige, ja klagende Stimmung prägt diesen langsamen Satz, und die Einsamkeit wird nur unterbrochen durch unverkennbare Tierstimmen in den hohen Lagen der Flöten und Streicher. Typische Adagio-Lyrik findet sich hier nicht. Fast „attacca“ geht das „Allegro vivace“ des Finalsatzes aus dieser Klage hervor. Kräftige Akkordketten dominieren den Beginn, dann folgt eine kurze Kadenz, in die sich das Orchester einschaltet, und der Satz endet mit einem heftigen Finale, dem die Blechbläser doch noch eine hoffnungsvolle Stimmung mitgeben.

Yulianna Avdeeva zeigte sich in allen Partien dieses Konzerts als Meisterin ihres Fachs. Die leiseren Solostellen gestaltete sie mit viel Gespür für die zwischen verschiedenen Emotionen schwebende Grundstimmung, verlieh jedem einzelnen Motiv einen ganz eigenen Ausdruck, ohne deshalb in Sentimentalität oder bloße Brillanz zu verfallen. Dadurch gewann dieses Konzert eine einzigartige Geschlossenheit des Ausdrucks und spiegelte die Lebenssituation eines großen Musikers am Ende seines Schaffens wider.

Kräftige, lang anhaltender Beifall belohnte die Solistin für diesen ausgefeilten Vortrag und entlockte ihr noch eine Zugabe, wohl auch von Bartók.

Nach der Pause gab es dann noch ein „Zuckerl“ für die Teile des Publikums, die mit dem 20. und 21. Jahrhundert nicht so ganz warm werden: Joseph Haydns Sinfonie Nr. 104 in D-Dur. Der majestätische Auftakt mit den dynamischen Kontrasten der ersten Takte erinnert ein wenig an Mozart – vielleicht war das sogar Haydns stille „Hommage“ an den erst vier Jahre vorher verstorbenen Freund. Das „Andante“ des zweiten Satzes nahm Katharina Müllner mit recht zügigem Tempo, wohl einem allgemeinen Trend folgend, und zelebrierte das zweiteilige Thema geradezu in verschiedenen Variationen. Im dritten Satz betonte sie das Tänzerische und Frische, das man bei Haydn immer wieder bewundert, und den Finalsatz versah sie mit einem recht straffen Tempo, womit sie der in der Vergangenheit beliebte Temporeduzierung eine Absage erteilte. Dadurch gewann diese Sinfonie noch einmal an Frische und Lebendigkeit, und das Orchester folgte der Dirigentin mit höchster Spielfreude und Präzision.

Noch einmal kräftiger Schlussbeifall für alle Beteiligten, vor allem aber für die noch junge Dirigentin, die sich hier hervorragend schlug.

Frank Raudszus

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