Die sexuelle Identität vor allem junger Menschen ist seit einiger Zeit Dauerthema in bestimmten Medien und in der Kulturlandschaft. Ob das bei einem Anteil zwischen 0,3% („konservativ“) und 3% („progressiv“) der Bevölkerung zu den zentralen Problemen der Gegenwart zählt, darüber lässt sich sicher streiten, doch für die Betroffenen trifft das auf jeden Fall zu. Das Staatstheater Darmstadt hat dazu jetzt das Jugendstück „Paul“ von Eva Rottmann inszeniert, das diesen Themenkreis vor allem Jugendlichen nahe bringen soll.
Der Schüler Chris (Daniel Krimsky) ist in Paula verliebt, wagt aber nicht, sich ihr zu nähern. Als er jedoch eine zufällig sich ergebende Mutprobe besteht, nimmt sie ihn positiv wahr, und die beiden werden erst einmal Freunde. Erotik wird hier bewusst ausgespart, es bleibt bei der Stufe einer noch unklaren Verliebtheit. Doch dann erklärt ihm Paula eines Tages, dass sie sich eigentlich als Mann fühlt und künftig als Paul durchs Leben gehen will. Man kann sich Chris´ Verwirrung vorstellen, und Daniel Krimsky spielt diesen verunsicherten Jugendlichen mit einem treffsicheren Gespür für Sprache, Gestik und Selbstwertgefühl eines Halbwüchsigen. Sein Monolog im Foyer des Kleinen Hauses kommt bei den jungen Zuschauern sofort an, wobei die Wortwahl – „Alter“, „voll cool“ – sicher eine wesentliche Rolle spielt. Um etwas Auflockerung in diesen Monolog zu bringen, spielt er einen Teil hinter einem Schrank, auf dessen Vorwand sein Spiel als Live-Video erscheint, und führt sogar einen Tanz im Trans-Kostüm vor.
Das ist unterhaltsam und sehr lebendig gemacht, und es ergeben sich auch spontane Lacher oder Beifall aus dem Publikum. Doch sein Text enthält auch pädagogische Elemente, wenn er etwa sexistische Angriffe seitens seiner Fußballfreund auf eine zufällig vorbeikommende Transperson als respektlos und diskriminierend brandmarkt. Am Schluss kommt dieser Chris zu der Überzeugung, dass die Freundschaft – ja: Liebe! – zu Paul wichtiger ist als dessen Geschlecht und dass er ihm dies persönlich sagen werde.
Die Botschaft dieses Stücks ist eindeutig: Toleranz gegenüber anderen Lebensentwürfen und sexuellen Orientierungen. Dazu gehört zwar auch die Geschlechtsumwandlung, doch rein inhaltlich ist hier Kritik angesagt. So behauptet die Autorin in dem Monolog, dass die Wissenschaft – die Biologie – längst die Existenz anderer Geschlechter als „Mann/Frau“ anerkannt habe. Das entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Die Biologie beruht auf empirischen Untersuchungen, und die hat keinerlei Evidenz gegen die binäre Unterscheidung von Mann und Frau gefunden. Auch die in diesem Text unterschwellig vorhandene Bagatellisierung der Geschlechtsumwandlung entspricht nicht dem Stand der Wissenschaft, weisen doch zahlreiche namhafte Mediziner auf die unbekannten Spätfolgen sowie die Irreversibilität einer Umwandlung hin.
Da sich dieses Stück im Wesentlichen an Jugendliche richtet, scheint uns die Marginalisierung der Folgen einer Geschlechtsumwandlung in diesem Text zumindest diskussionswürdig. Auch wenn die Umwandlung eher implizit thematisiert wird, steht sie doch als selbstverständliche Alternative unausgesprochen im Raum. Der Wirkung auf Jugendliche sollte man sich bewusst sein.
Das Publikum spendete dem Solo-Darsteller und seinem Team zu Recht kräftigen Beifall.
Frank Raudszus

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