Elizabeth Strout: „Erzähl mir alles“

Elizabeth Strout, eine Meisterin der psychologischen Spurensuche, steigt mit ihrem Roman „Erzähl mir alles“ in die Gesellschaft des kleinen Küstenstädtchens Crosby in Maine ein. Es beginnt die Jahreszeit des „Indian Summer“. Die Blätter der Bäume verfärben sich von Grün in eine knallgelbes Leuchten. Eine neue Jahreszeit kündigt sich mit Farbenpracht an, um dann schließlich ins graue Winterhalbjahr überzugehen.

Bob Burgess, der hauptsächliche Protagonist des Romans mit einem großen Herzen und offenen Ohren für die Sorgen und Nöte seines Freundeskreises, trifft sich häufig mit Lucy Barton, die aus New York vor der Pandemie nach Crosby gezogen ist. Sie lebt mit ihrem Ex-Mann hoch oben auf einem Felsen am Ende der Landspitze und hat den meist stürmischen Atlantik im Blick.

Lucy ist Schriftstellerin und findet ihren Stoff in Gesprächen mit den Bewohnern des Ortes. Anfangs blickten diese skeptisch auf die zugereisten New Yorker, doch nach und nach bekommt Lucy Besuch von Einwohnern, die ihre persönlichen Geschichten mitbringen.

Olive, eine alte Dame, lädt Lucy zu einem ersten Gespräch ein. Die beiden Frauen treffen aufeinander und tasten sich vorsichtig gegenseitig ab. Das beschreibt die Autorin auf herrlich prägnante Weise. Olive erzählt schließlich von ihrer Mutter Sara, die ihre Tochter nie geliebt habe, weil sie kein Kuscheltyp gewesen sei. Umso mehr habe die Mutter die jüngere Tochter Isa geliebt, die den Bedürfnissen der Mutter eher entgegengekommen sei. Aber Olive hatte Glück mit ihrem Vater, einem einfachen Arbeiter, der aus schrecklichen Verhältnissen gekommen und von seinem Vater ständig verprügelt worden sei. Im Alter von 57 Jahren habe er zu einer Schrotflinte gegriffen und sich damit erschossen. Drei Jahre später sei Olives Mutter an einem Gehirntumor gestorben, und beim Durchsehen des Nachlasses habe sie, Olive, in einer Handtasche der verstorbenen Mutter einen kleinen Zeitungsausschnitt aus dem „Shirley Falls Journal“ über einen Dr. Stephen Turner aus Boston gefunden, der sich mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern in der Stadt aufgehalten habe. Die Namen der Mädchen hätten Olive und Isa gelautet. Als junger Mann sei genau dieser Stephen die große Liebe von Olives Mutter gewesen, doch die Schwiegermutter habe damals die beiden auseinander getrieben, da ihr Olives Mutter nicht standesgemäß erschienen sei. Damals seien die beiden derart verliebt ineinander gewesen, dass sie sogar schon die Namen ihrer zukünftigen Töchter ausgesucht hätten.

Das ist eine unglaublich traurige Geschichte, wenn man bedenkt, dass in beiden Ehen die Liebe zum Vorgänger/in ein ständiger Begleiter ist, von dem die neuen Ehepartner nichts ahnen, aber mit deren oft unerklärlichen Schwingungen sie zurechtkommen müssen. Das ist Programm für diesen Roman: Welche Vorgeschichte schleppt jeder der Protagonisten mit sich herum, die sein Leben oft massiv – manchmal versteckt – beeinflusst!

Wir Leserinnen folgen Strout auf ihrer Spurensuche durch die Gesellschaft von Crosby in Maine und staunen immer wieder darüber, mit welchen Farbtönen das Leben das Innerste der Protagonisten ausmalt und dabei wahrhafte Farborgien entwickelt – genau wie der Indian Summer in Maine.

Passend dazu sind im Moment die abstrakten Gemälde von Wolfgang Hollegha im „Museum Reinhard Ernst“ zu empfehlen. Wie Hollegha die Farben über die Leinwände tanzen lässt, so agiert Elizabeth Strout mit der Sprache.

Das Buch ist im Luchterhand-Verlag erschienen, umfasst 292 Seiten und kostet 25 Euro.

Barbara Raudszus

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