Ferdinand von Schirach: „Alexander“

Alexander hat Glück mit seinem Vater, der ihm die Wand seines Kinderzimmers mit Tierbildern bemalt hat, darunter ein großer Elefant mit lustigen Augenbrauen und liebevollen Augen. Dieser Elefant wacht nachts über den Jungen, so dass Alexander sich sehr geborgen fühlt.

Doch dann kommt es plötzlich zum Krieg. Der König von Kaliste, dem Wohnort des Jungen, fängt mit dem Nachbarland Streit an. Alexanders Vater wehrt sich anfangs, weil er persönlich keinen Streit mit dem Nachbarland hat, muss aber leider in den Krieg ziehen. Er ist dann einer der ersten, die sterben. Damit endet Alexanders Kindheit, und er wird einsam.

Die Einwohner von Kaliste jagen bald nach Beendigung des Krieges ihren König und dessen Minister aus der Stadt. Sie nennen ihn nur noch den „Tyrannen“ und wollen nie mehr einen solchen Herrscher haben. Doch was soll folgen? In Zukunft sollen „gerechte Gesetze“ die Basis des neuen Staatswesens von Kaliste sein.

Ausgerechnet Alexander – das Kind! – wird mit der Suche nach gerechten Gesetzen beauftragt. Er kann lesen, schreiben und ein wenig rechnen, aber zunächst muss er ein Rätsel lösen, das der Leuchtturmwärter allen Kindern von Kaliste stellt. Während alle anderen Kinder, auch die klügsten, scheitern, hat Alexander die Lösung schnell parat und wird beauftragt, gerechte Gesetze zu finden. Drei gute Charaktereigenschaften besitzt Alexander von Natur aus: Er ist mutig, tapfer und sanft. Aufgrund dieser Basis wird es ihm gelingen, auf seiner Reise gerechte Gesetze zu finden.

Das erste Gesetz vermittelt ihm ein Winzer. Aufgrund seiner Lebenserfahrung ist er der Meinung, dass jeder Mensch frei geboren ist, frei bleiben und nicht als Sklave gehalten werden sollte. Die Begegnung mit dem Modeschöpfer bringt Alexander das zweite Gesetz, demzufolge alle Menschen gleich sind, obwohl sie sehr unterschiedlich sein können. Aber vor dem Gesetz müssen alle nach den gleichen Regeln gleich behandelt werden. An dritter Stelle begegnet Alexander dem Philosophen Diogenes in der Tonne. Dieser besitzt nichts, was ihn frei und nicht zum Sklaven seines Besitzes macht.

Alexander findet noch ein weiteres wichtiges Gesetz: „Meine Freiheit und Deine Freiheit“. Demnach ist es mein Recht, mich frei zu entfalten, solange ich dadurch nicht die Freiheit eines anderen Menschen einschränke. Doch Alexander muss weiterziehen und kommt am Orakel vorbei. Bei zwei Tempelinschriften wird er fündig: „Erkenne Dich selbst“ und „Nichts im Übermaß“. Diese neuen Erkenntnisse bereichern Alexanders zusätzlich. So sammelt Alexander weitere Erkenntnisse ein, bis er schließlich beim Thema „Würde des Menschen“ ankommt. Die Würde darf niemandem genommen werden, indem er von anderen benutzt wird.

So schickt Ferdinand von Schirach seine jungen Leser auf den Weg der Erkenntnis. Das ist alles sehr kindgerecht aufgearbeitet und regt immer wieder zum Nachdenken an, besonders über die Demokratie. Ein wunderbarer Lesestoff zum Selbstlesen oder Vorlesen sowie als Diskussionsgrundlage für Familien oder Schulklassen. Sehr empfehlenswert, da hier philosophisches Basiswissen mit einer spannenden Erlebnisgeschichte verknüpft wird. Sehr reduzierte, oft humorvolle Zeichnungen vom Autor selbst bringen immer wieder wesentliche Dinge auf den Punkt.

Das Buch ist im Penguin-Verlag erschienen, umfasst 150 Seiten und kostet 18 Euro.

Barbara Raudszus

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