Florian Freistetter: „Die Farben des Universums“

Schaut man nachts in einen wolkenlosen Himmel, dann sieht man nur schwarzes Nichts und weißgelbe Sterne. Schaut man sich jedoch Bildliteratur astronomischer Objekte an, dann leuchten die in spektakulären, wenn nicht abenteuerlichen Farben. Beide Eindrücke entsprechen nicht der Wahrheit, sondern sind dem begrenzten Auflösungsvermögen des menschlichen Auges einerseits und bewussten Filtertechniken der Weltraumforschung andererseits geschuldet. Florian Freistetter zeigt dies in seinem Buch recht deutlich, indem er den Begriff der Farbe erst einmal als elektromagnetische Welle definiert, deren „sichtbarer“ Teil nur einen kleinen Teil des Spektrums abdeckt.

Anschließend klopft er die Palette der wichtigsten Farben des Regenbogens auf ihre astronomische Bedeutung ab. Das Rot des Mars führt er auf Rost zurück, dessen Entstehung sich jedoch aufgrund des fehlenden Wassers wesentlich komplizierter gestaltet. Weiterhin geht er auf die sogenannte „Rotverschiebung“ ferner Galaxien ein, die er jedoch nicht als sichtbares Rot des jeweiligen Sternensystems definiert, sondern lediglich als die Verschiebung typischer Spektrallinien in Richtung der Farbe Rot. Fliehende Galaxien leuchten also nicht für uns Menschen rötlich, sondern werden nur durch diese Verschiebung als solche definiert.

„Gelb“ ist die Farbe der Sonne, wie Kinder sie malen. Da die Sonne jedoch das gesamte sichtbare Spektrum ausstrahlt, ist sie eigentlich weiß; doch da große Teile der Atmosphäre vor allem das kurzwellige, d.h. violette Licht absorbieren bzw. reflektieren, erscheint uns das durchgehende Licht gelb. Da der Weg durch die abendliche Atmosphäre wegen des flachen Winkels länger ist und durch mehr Feuchtigkeit gehen muss, werden noch mehr kurzwellige Strahlen zerstreut, und die Sonne erscheint uns orange oder gar rot.

So lassen sich auch ferne Sterne an ihrem Licht näher bestimmen. Junge Sterne brüten noch „hochdotierte“, d.h. besonders energiereiche Kernfusionen aus und strahlen daher weiß bis bläulich, bei älteren dagegen lassen diese Kernfusionen nach und bewegen sich eher im unteren Bereich, was viele Sterne, etwa unsere Sonne, dann erst zu „roten Riesen“ und dann zu „roten Zwergen“ macht.

Bei den Planeten spielt die Atmosphäre bei der Farbgestaltung eine wichtige Rolle. So reflektiert Sauerstoff das einfallende Licht anders als Kohlendioxyd oder etwa Methan. Aber nicht nur die Farbe der Planeten wird weitgehend durch die – jeweilige – Atmosphäre bestimmt, sondern auch die Farbe der Sterne aus der Perspektive der Bewohner eines Planeten, also aus unserer Sicht. Die unterschiedlichen Brechungs- und Reflexionsgrade der einzelnen Bestandteile unserer Atmosphäre führen dazu, dass die vielfältigen Spektren der einzelnen Sterne unserer Galaxis – unsere Sonne wegen ihrer Präsenz einmal ausgenommen – unseren bescheidenen Augen nur noch weiß erscheinen. Schließlich hat die Evolution unsere Augen auf die Entdeckung naheliegender Gefahren („Säbelzahntiger“) und Chancen („Beute“) ausgelegt und nicht auf die Entdeckung fremder Galaxien.

Bleiben noch die wunderschönen weil vielfarbigen Bilder ferner Astralnebel oder der tiefblaue Neptun, unser äußerster Planet. Erstere würden wir auch bei einem Ausflug ins Weltall so nicht sehen, weil dort viele Frequenzbereiche außerhalb unseres Sichtbereichs durch künstliche Farbgebung unterschieden werden. Die Bilder sind deshalb nicht falsch sondern simulieren lediglich ein „Lese-Wesen“ mit weitaus größerem Spektralbereich. Ähnliches gilt für den Neptun, der eigentlich beige-gelb leuchtet, dessen erste Aufnahmen durch die Voyager-Sonde in den achtziger Jahren aber bewusst durch ein spezielles Filter liefen, das den Blau-Effekt hervorrief. Der entsprechende Hinweis unter diesen Bildern ging dann im Laufe der Jahrzehnte verloren, so dass der Neptun für uns blau ist.

Dies sind nur ein paar Beispiele für die komplexe und oft nur mathematisch zu erfassende Farbgebung des Universums. Als Leser lernt man nicht nur viel über Farben und deren Entstehung, sondern auch über das Weltall, die Abläufe in großen und klein(er)en Sternen – zu letzteren gehört unsere Sonne – und deren Lebensdauer: etwa, dass große Sterne wegen ihrer intensiveren Fusionsvorgänge deutlich kürzer leben als kleine, die weniger hell, dafür aber wesentlich länger leuchten. Das ergibt unbewusst eine Assoziation an das menschliche Leben, von dem man ja auch sagt, dass Genies früher verbrennen – Mozart! – als Durchschnittsmenschen wie der hundertjährige Bauer irgendwo in einer fernen Gebirgslandschaft.

Das Buch ist im Hanser-Verlag erschienen, umfasst 255 Seiten und kostet 24 Euro.

Frank Raudszus

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