Monet und die wilde Küste

Maler- zumindest die figurativ arbeitenden – sind stets auf der Suche nach starken Motiven, und dazu zählen auf jeden Fall felsige Küsten mit schroffen Konturen und bewegter See. Eine solche Umgebung existiert unter anderem in der Normandie am Ärmelkanal. Der Westwind und die von ihm aufgepeitschte See dringen hier fast ungehindert weit nach Osten vor und sorgen nicht zuletzt wegen der Verengung des Ärmelkanals am östlichen Ende bei Calais für besonders steile und hohe Wellen.

Begrüßung mit einem Raumvideo

Der Schriftsteller Guy de Maupassant stammt von dort und hat seinem Kollegen Flaubert die Besonderheiten dieses Küstenstrichs in allen Einzelheiten samt Illustrationen beschrieben, und das Frankfurter Städel hat eine Kopie dieser handschriftlichen Mitteilung am Eingang der neuen Ausstellung „Monets Küste – die Entdeckung von Étretat“ sozusagen als Einführung ausgehängt.

Der kleine Ort Étretat liegt unmittelbar neben drei sehr spektakulären Ausprägungen der Küste: das Felsentor „Porte d´Aval“ mit der Felsnadel „Aiguille“ westlich des Ortes sowie das größere Felsentor „Porte d´Amont“ etwas weiter östlich. Natürlich hat Maupassant diese Attraktionen – übrigens gar nicht schlecht – zeichnerisch dargestellt, doch das konnten bereits zu seiner Zeit verschiedene Maler wesentlich besser. Unbekanntere Künstler wie Eugène Isabey und Eugène de Poittevin hatten bereits im frühen 19. Jahrhundert Serien von Bildern der Küste angefertigt, und sogar Eugène Delacroix hatte sich hier malerisch umgesehen. In den Pariser Salons waren diese Bilder sehr beliebt, zeigten sie doch eine ganz andere Welt, als die Großstädter sie kannten. Als dann auch noch Gustave Courbet ( 1819-1877) im Jahr 1869 eine Reihe von Bildern über einen schweren Sturm an der Küste von Étretat anfertigte, sah sich selbst Claude Monet (1840-1926) genötigt, seinen eigenen, ganz speziellen Beitrag zum „Étretat-Festival“ zu leisten. Zwischen 1864 und 1886 unternahm er mindestens sechs Reisen dorthin, auf denen er etwa achtzig Gemälde erstellte, die nach eigenen Aussagen vor allem mit Courbets Gemälden mithalten können sollten. Um nicht als Epigone der oben erwähnten Vorgänger dazustehen, nahm er für sich in Anspruch, eine völlig neue Sichtweise zu entwickeln, die weniger auf die physischen Details als auf die Stimmung seiner Motive abzielte.

Gustave Courbet: „Die Woge“

Von diesen achtzig Bildern konnte das Städel-Museum etwa ein Drittel für die Ausstellung von Leihgebern ausleihen, und damit ergibt sich eine so umfangreiche wie beeindruckende Schau, die durch die Verbindung mit Exponaten der anderen, erwähnten Étretat-Maler zum Vergleich einlädt.

Der Eingangsbereich begrüßt die Besucher mit einer raumfüllenden Videolandschaft, in der die Küste von Étretat mit ihren spektakulären Felsformationen vorbeizieht, als sei sie aus einer fliegenden Drohne gefilmt worden. Die weit ausgreifenden Schwenks wecken beim Betrachter das spontane Bedürfnis, sich festzuhalten, um nicht aus der Kurve zu fliegen. Nach der Umkurvung der Porte d´Aval sieht man dann das kleine Städtchen Étretat am flachen Strand zwischen den westlichen und östlichen Fels Küsten sich ducken. Man wird es noch mehrere Male in den Gemälden der frühen Étretat-Malern wie Isabey wiedersehen, wo dann auch noch Bewohner, Gäste und Häuser im naturalistischen Stil gezeigt werden. Spätere Künstler wie Monet und Courbet werden sich ganz auf die Natur konzentrieren und die Menschen wie ihre Behausungen ausschließen.

Claude Monet: „Der Felsen von Aval“

Ein wie ein Auge geformter Raum zeigt Courbets Wellenbilder, die sich zwar alle ähneln, aber immer wieder andere Perspektiven und Stimmungen hervorheben. Die anderen Künstler sind chronologisch geordnet in jeweils eigenen Räumen versammelt, so dass man auch die stilistische Entwicklung vom frühen 19. Jahrhundert – Isabey etwa um 1830 – bis ins 20. Jahrhundert verfolgen kann. Denn mit Monet hörte die Étretat-Begeisterung durchaus nicht auf, sondern nach ihm kamen noch Eugène Boudin, Gustave Caillebotte und sogar Henri Matisse in dieses Städtchen, um ihre Eindrücke der Felsenküste malerisch festzuhalten. Man sieht hier sehr schön die Entwicklung der Malerei vom Naturalismus über den Impressionismus bis hin zur neuen Sachlichkeit des 20. Jahrhunderts, die sich die Reduktion aufs Panier geschrieben hat.

Félix Vallotton: „Der 14. Juli in Étretat“

Das Problem dieser Ausstellung besteht darin, dass man beim Besuch die Zeit vergisst und schnell das eigene zeitliche Budget aus der Sicht verliert. Jeder Maler und jedes Bild verlangen geradezu nach erhöhter Aufmerksamkeit und fesseln den Betrachter dermaßen, das man die Ausstellungsräume gar nicht mehr verlassen möchte. Wer sich für diese Ausstellung entscheidet, sollte daher von vornherein doppelt soviel Zeit einplanen wie ursprünglich gedacht. Es lohnt sich wirklich!

Die Ausstellung ist bis zum 5. Juli 2026 geöffnet. Näheres lässt sich über die Webseite des Städelmuseums erfahren.

Frank Raudszus

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