Eine Frau um die vierzig verbringt wegen einer Neurodermitis einige Woche in einer Kurklinik auf einer ostfriesischen Insel, wegen der Kassenleistung natürlich im antitouristischen November. Das Zimmer eng, Speisesaal und Aufenthaltsraum eher karg-kühl wie das Klinikpersonal und die anderen Patienten. Die Ich-Erzählerin begegnet ihren Leidensgenossen – nur so kann man sie wegen ihrer gesundheitlichen Probleme nennen – eher distanziert bis abwehrend, weil sie schließlich nicht als erlebnishungrige Touristin hier weilt.
So wandern ihre Gedanken zwischen der Allgäuer Heimat und der aktuellen Umwelt hin und her. Dabei fallen zwei Männer auf: Johannes scheint ein verflossener Liebhaber zu sein, da er immer wieder in den Gedanken der einsamen Frau auftaucht, und André ist ein Soldat und ehemaliger Afghanistankämpfer, der hier offenbar posttraumatische Belastungen auskurieren soll. Doch im Laufe der zähen, sturm- und regengepeitschten Inseltage stellt sich heraus, dass sie schon als junge Frau aus der Enge des landwirtschaftlichen Betriebs der Eltern ins Studium geflohen ist und heute als Lektorin arbeitet. Sie selbst hat den von ihrer Mutter als „gute Partie“ ausgewählten Sohn des Nachbarhofes – eben Johannes – verschmäht und zieht dem harten Landleben ein intellektuelles Dasein vor. Insofern scheint die permanente Erinnerung an diesen mittlerweile verheirateten Bauern nach zwanzig Jahren etwas unglaubwürdig, da die gesamte Diktion ihrer inneren Monologe alles andere als ein Heimweh nach dem Bauernhof zum Ausdruck bringt. Einerseits – aber andererseits scheint sie auch mit ihrem Lektorat nicht ausgefüllt zu sein, denn keine einzige Erinnerung gilt ihrer Arbeit oder ihren Kollegen. Sie wirkt im Gegenteil vereinsamt und entwurzelt, denn auch von einer aktuellen Beziehung ist keine Rede.
Dafür entwickelt sich jedoch Tag für Tag und Gespräch für Gespräch so etwas wie eine Beziehung zu André, von beiden Seiten jedoch bewusst kühl-distanziert, da er sich als verantwortungsvoller Familienvater präsentiert und sie auf keinen Fall so etwas wie – erotische – Gefühle zeigen will. Sie hat sich in ihrer intellektuellen Vereinsamung den Panzer einer kühlen Beobachtungsposition umgelegt, den sie bis zum Schluss trotz eines „Vorfalls“ mit André nicht ablegen will.
So seziert sie für sich im Stillen die anderen Patienten der Klinik: den schlichten aber freundlichen Bosnier, der ihr allerdings seine Ehe verschweigt, die junge Nelli, die mit ihrem Aufmerksamkeitsbedürfnis und ihren eher peinlichen Suaden allen auf die Nerven geht, die etwas ältere Nadine, die gerüchteweise eine Techtelmechtel mit André hatte und das gerne fortsetzen würde, die alte Friedchen, die den Männern endgültig abgesagt hat, und der prahlende Proll im Jogginganzug. Im Mittelpunkt steht jedoch André, der als virtueller Liebhaber aller jüngeren Frauen und aufrechter Soldat – so seine unpathetische Selbstdarstellung – eine seltsam schillernde Position einnimmt. In Büchern wie diesem endet das natürlich weder in einem „Happy End“ noch in einer Katastrophe, sondern eher sang- und klanglos mit dem Ende der Kurperiode und dem endgültigen Beginn des Winters.
Die Autorin zeichnet mit ihrer Protagonistin das seltsame Portrait einer Frau in Selbstisolation, die jegliche Bindung ablehnt und in alten familiären Traumata gefangen ist. Wenn sie nach dem Ende ihrer Kur alleine nach Hause – wohin? – zurückkehrt, hat sich für sie nichts geändert, und eine Gruppe verschiedener auf eigene Art leidender Menschen geht lautlos auseinander. Ein „Zauberstrand“, der wie sein thematisches Vorbild auf eine ungewisse Zukunft verweist.
Das Buch ist im Verlag danube-books erschienen, umfasst 129 Seiten und kostet 22 Euro.
Frank Raudszus

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