Das Wasser gilt als Geburtsstätte und notwendige Voraussetzung allen Lebens auf der Erde. Diese Erkenntnis hat John Cage in einem Gedicht – ja: er war nicht nur Komponist! – über die Musik des Komponisten Lou Harrison zum Ausdruck gebracht: „Listening to it we become ocean“. Dieses Gedicht haben sich die taiwanesische Choreografin Chen-Wei Lee und ihr ungarischer Kollege Zoltán Vakulya zu Herzen genommen und zu der Musik des Komponisten John Luther Adams für das Hessische Staatsballett eine Choreografie für das Tanztheater entwickelt, das als Titel die letzten beiden Worte von Cages Gedicht trägt: „become ocean“.
Wenn sich der Vorhang des Großen Hauses im Staatstheater Darmstadt hebt, zieht ein bühnenfüllendes Objekt die Blicke auf sich, das man als gläserne Muschelhälfte interpretieren könnte. Die Muschel gilt nicht zuletzt wegen der berühmten Perle als eine der zentralen Metaphern für die Welt unter Wasser, und wenn sie zu ganz feinen Klängen aus dem Hintergrund der Bühne langsam gen Bühnenhimmel steigt, denkt man unwillkürlich an die Erschaffung der Meere in der Genesis. Dann ist es das langsam steigende Wasser, das die glitzernde Welt des beginnenden Lebens nach oben trägt.
Dann schält sich auch die Quelle der Musik heraus, wenn im Hintergrund sich hinter einem Gazevorhang schemenhaft erst der Dirigent (Nicolas Kierdorf) und dann einzelne Personen des Staatsorchesters herausschälen, während die Bühne noch leer bleibt, denn das Leben wurde noch nicht erschaffen.
Adams´ Musik zeichnet sich durch langsam auf- und abschwellende Klangwellen aus, die keine typischen Motive oder Themen enthalten, sondern lediglich die Bewegungen der Welt unter Wasser nachzeichnen. Hier gibt es keinen heulenden Sturm und keine sich auftürmende und zusammenfallende Brecher, hier unten spürt man nur einen in langen Zügen sich entwickelnden Rhythmus. Um noch einmal die Genesis zu bemühen: die Erschaffung dieser Welt spielt sich in der Musik von feinsten Anfängen bis zum voll entwickelten Weltmeer ab. Aus den anfangs zarten Bewegungen entstehen immer kräftigere, die allerdings stets von der trägen Natur des Wassers gedämpft werden und sich nur in der Fülle des Klangs niederschlagen. Dann setzt Brandung ein, die oberhalb der Wasseroberfläche als laut aufbrausendes und mit einem kräftigen Schlag endendes Rauschen die unverändert mäandernde Musik überlagert.
Nach dem Aufstieg der metaphorischen Muschel beginnt das Leben am Meeresgrund in Gestalt zögerlich auftretender Mitglieder des Tanzensembles, die wie Halme des Seegrases langsam im Wechsel der Wellen hin- und herschwanken. Die Musik erinnert an die „minimal music“ eines Philipp Glass, ist jedoch noch getragener und trancehafter, und in dieser scheinbar nie endenden musikalischen Umgebung entwickelt sich das Leben des Meeres. Die tänzerischen Figuren erweitern sich, es entstehen Kreistänze, die kleine Unterwasserstrudel imaginieren, dann kommen andere Lebewesen dazu, man trifft sich, kämpft miteinander oder liebt sich zwecks Fortpflanzung, aber all das ist nur angedeutet und der Interpretation anheimgestellt. Das Leben jedoch hier unter Wasser nimmt vielfältige tänzerische Gestalt an, wobei das elegant Gleitende, nie ins Hektische oder Harte Umschlagende im Vordergrund steht. Das Wasser dämpft jegliche Hektik und fördert die Geschmeidigkeit. Dazu glitzern die einzelnen Glas- und Lichtelemente der metaphorischen Muschel hoch oben wie die Wasseroberfläche aus der Sicht eines Tauchers an einem schönen Sommertag.
Dies Apotheose des Wassers dauert etwa eine Stunde, und das Wunder besteht darin, dass keinen Augenblick Langeweile aufkommt, obwohl im Grunde genommen nichts geschieht. Die Musik jedoch ist von solch trancehafter Intensität, und das Tanzensemble steigert diese Stimmung durch die genau abgestimmten Bewegungen auf solch kongeniale Weise, dass man als Zuschauer buchstäblich in diese Trance hineingezogen wird und sogar ein wenig von dem Tiefenrausch erfasst wird, der für Taucher lebensgefährlich werden kann und den schon Goethe beschrieben hat: „halb zog sie ihn halb sank er hin…“.
Das Publikum im ausverkauften Großen Haus zeigte sich begeistert und spendete lang anhaltenden Beifall.
Frank Raudszus



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