In dem zweiten Band der Roman-Trilogie des Schauspielers Christian Berkel hatten die Leser die 1954 geborene „Ada“ kennengelernt, die Titelgeberin eben dieses Romans. Wir hatten dort bereits vermutet, dass die Lücke von etwa 25 Jahren im Leben der jungen Frau dem dritten Band vorbehalten war, der jetzt unter dem Titel „Sputnik“ erschienen ist. Die Vermutung trifft zu, denn in dem vorliegenden Hörbuch schildert Berkel Kindheit und Jugend von Adas zwölf Jahre jüngerem Bruder, der bereits bei der Geburt im Jahr 1957 den Spitznamen „Sputnik“ – der sowjetische Satellit! – erhielt und diesen bis zum Ende des Romans nicht ablegt.
Als Sputnik eingeschult wird, ist Ada bereits achtzehn und verlässt bald darauf den elterlichen Haushalt, so dass Sputnik seine Kindheit und Jugend weitgehend ohne die Schwester durchlebt. Zwar verschwindet sie nicht aus seinem Gesichtskreis, besucht ihre Familie jedoch nur in größeren Abständen und spielt für sein Leben keine maßgebliche Rolle.
Nach mehr oder minder unbeschwerten Kindertagen erfährt er schließlich, dass er über seine Mutter Halb- oder Vierteljude ist. Das verunsichert ihn stark, obwohl es sich in seinem Kinderalltag kaum auswirkt. Doch er fühlt sich nicht zugehörig und läuft sozusagen freischwebend durchs Leben. Nach ersten erotischen Abenteuern im Alter von dreizehn Jahren erhält er die Einladung zu einem längeren Schüleraustausch in Paris und zieht geradezu mit Begeisterung dorthin, da er gerne Franzose werden möchte. Er kommt in einer Familie der Oberschicht unter und lernt deren drei Söhne kennen, von denen vor allem der älteste intellektuell seinem Alter weit voraus ist und den kleinen Deutschen unter seine Fittiche nimmt. Diese Passage baut Berkel zu einer eigenen „coming of age“-Geschichte aus, die allerdings ein wenig unrealistisch anmutet. Es erscheint doch unwahrscheinlich, dass sich die Unterhaltungen der Halbwüchsigen mitten in der Pubertät weitgehend um Marcel Proust und seine „Recherche“ oder um Camus´ „Sisyphus“ und ähnliche literarische und philosophische Themen drehen. Daneben erlebt der gerade einmal vierzehnjährige Sputnik erotische Abenteuer, die eher einem Achtzehnjährigen zuzutrauen wären. Vielleicht lässt Berkel hier der „dichterischen Freiheit“ freien Lauf, um bestimmte Jugendthemen miteinander zu verknüpfen.
In die Pariser Zeit fällt auch die ernsthafte Beschäftigung mit der Schauspielerei, wobei Sputnik feststellen muss, dass er für die Franzosen trotz perfekter Sprachbeherrschung ein Deutscher ist und niemals dort als Schauspieler reüssieren wird. Auch dieser Erkenntnisprozess scheint ein wenig vorgezogen zu sein, denn anschließend, zurück in Berlin, wirkt er in seiner Selbstbeschreibung eher wie ein typischer Siebzehnjähriger denn wie ein frühreifer Denker.
Der zweite Schwerpunkt dieses Buches liegt dann auf der Schauspielausbildung und der Zeit als junger Schauspieler an verschiedenen Theatern. Gerade in seinen Beschreibungen von Schauspielern, Regisseuren, Dramaturgen und Intendanten zeigt Berkel nicht nur viel Ironie und Humor sowie eine genaue Beobachtungsgabe, sondern er stellt sich selbst auch als einen jungen, etwas unerfahrenen aber wissbegierigen Schauspieler dar, der alles andere als kopfgesteuert handelt und die Dinge mehr aus einer sicheren Distanz betrachtet als sich Hals über Kopf in ideologische oder utopistische Abenteuer zu stürzen. Die RAF-Zeit der späten Siebziger beschreibt er ebenso aus dieser Perspektive wie die Rolle seiner Eltern in der Zeit des Dritten Reiches. Im ersten Fall schildert er mit bissigem Humor die übersteigerten Attitüden damaliger Regisseure hinsichtlich endzeitlicher Gesellschaftskritik, im zweiten Fall die Sprachlosigkeit und die Abwehrhaltung der Generation seiner Eltern gegenüber der Vergangenheit. Höhepunkt ist hier ein Besuch bei seinen Eltern im Kreise ihrer Freunde, bei dem ein gemeinsamer Fernsehabend über den Holocaust zu einer für die Älteren so entlarvenden wie peinlichen Diskussion zwischen Schuldabwehr und Anklagen gegen die jüngeren „Besserwisser“ führt.
Doch Berkel hütet sich, die Generation seiner Eltern einfach zu denunzieren und seine Generation als die moralisch leuchtende Zukunft darzustellen. Ohne es explizit auszudrücken, gesteht er den Älteren ein schlechtes Gewissen zu, das aber von der Angst der Selbstentblößung überdeckt wird, und bei sich und seiner Schwester sieht er auch einen Anflug von moralischem Zeigefinger. Für Nachgeborene ist es halt immer leicht, aus der sicheren Perspektive des Unbeteiligten zu urteilen. Doch diese Schlussfolgerung überlässt er den Lesern.
Wie der „Ada“-Roman endet auch dieses Buch mit dem Fall der Mauer und den damit einsetzenden Umbrüchen. Sputnik erlebt noch einige Abenteuer mit Drogen und seltsamen Theaterkollegen, doch die Lücke zwischen 1968, die noch im „Ada“-Roman klaffte, ist jetzt ausgefüllt.
Und auch der autobiographische Charakter kommt hier deutlich zum Ausdruck, wenn der Ich-Erzähler – Sputnik – nicht nur Schauspieler ist, sondern auch von den rötlich leuchtenden Haaren seiner Frau erzählt. Christian Berkels Frau Andrea Sawatzki – auch Schauspielerin – ist bekannt für ihre roten Haare.
Zusammen ergeben die beiden Bücher ein gelungenes Abbild der gutbürgerlichen Kreise in den ersten fünfzig Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, wobei sowohl die Bürden der Vergangenheit als auch besondere Schicksale wie die der Juden eine Rolle spielen.
Christian Berkel liest seinen Roman selbst und kann daher seinem Text stets die richtige Intonation angedeihen lassen.
Frank Raudszus

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