Nach ihrem ersten Auftritt vor gut zwei Jahren gastierte im 8. Kammerkonzert wieder das junge „Simply“-Quartett in Darmstadt, dieses Mal jedoch mit der Chinesin Suyeye Park als erste Violinistin. Auf dem Programm standen dieses Mal mit Mozart, Brahms und Wolf Klassik und Spätromantik.
Mozarts „Jagdquartett“ – die Bezeichnung stammt nicht von ihm – entstand im Jahr 1785 als Hommage an Joseph Haydn, den eigentlichen „Erfinder“ der klassischen Gattung des Streichquartetts. Mozart setzt hier Haydns Forderung, allen vier Instrumenten gleichberechtigte Rollen zuzugestehen, mit dem für ihn typischen Geschick und Witz um. Teilnehmer an der damaligen Erstaufführung in Anwesenheit von Haydn selbst dürften die vielfältigen Anspielungen an Haydns Stil erkannt und goutiert haben.

Schon das markante Einführungsthema kommt zwar deutlich, aber nicht forsch im Sinne einer Jagdfanfare daher. Und hier kommt auch der „Unterhaltungs“-Charakter dieses Stücks zum Tragen, wenn die vier Instrumente sich auf Augenhöhe über dieses musikalische Thema unterhalten. Da bricht die Unterhaltung – wie im echten Leben – auch mal kurz ab, um dann wieder neu in einer anderen Konstellation zu beginnen. Im zweiten Satz endet das erste Thema mit einem veritablen BREAK, um dann das zweite Thema aus dem Nichts ertönen zu lassen. Hier ist vor allem der intime Charakter dieser Unterhaltung von vier Instrumenten hervorzuheben. Obwohl als Menuett eigentlich ein Tanz, wirkt dieser Satz eher wie ein vertrautes Gespräch. Das „Adagio“ des dritten Satzes wirkt in dieser Interpretation besonders fein und zurückhaltend, und man könnte es in seiner engen Verwobenheit der Motive fast schon als „minimale Musik“ bezeichnen, wäre dieser Begriff nicht bereits vergeben. Erst der Finalsatz bringt dann die pralle Präsenz zum Tragen, die man von Mozart kennt, und das Quartett lässt dann zu Beginn dieses Satzes auch die Leinen los. Dennoch herrscht auch hier eine feinsinnige Interpretation, und mit dem Fortgang des Satzes überlagert die Betonung der Klangfarben und des Zusammenspiels die eventuelle Effekte der Dynamik. Der intime Unterhaltungscharakter setzt sich im Laufe des Satzes immer wieder durch, und erst die letzten Akkorde sorgen für einen markanten Abschlusseffekt.
Hugo Wolfs einsätzige Serenade schloss den ersten Teil des Abends ab. Man merkte dieser Musik sofort den Sprung von einhundert Jahren an. Statt Mozarts von der Aufklärung geprägter Optimismus des späten 18. Jahrhunderts herrscht nun das Verlustgefühl des „Fin de siècle“. Nach einem dynamischen Beginn dominiert eine flirrende Abfolge kurzer Motive ohne markantes Thema. Die klangliche Abbildung einer komplexen, widerstreitenden Gefühlslage lässt liedhafte, wiederkehrende Themen in den Hintergrund treten. Man spürt den Einfluss Richard Wagners mit seinen durchkomponierten Emotionsfeldern, und die Klangfarben dienen viel stärker als Ausdrucksmittel denn die Melodie.
Dem Quartett gelang dieser Übergang von der Lebensfreude des Rokokko zur Melancholie des nächsten Jahrhundertendes hervorragend. Als Zuhörer ließ man sich schon nach wenigen Takten in diese geschlossene Welt einfangen, und die vier Musiker auf der Bühne zeigten auf überzeugende Weise, welche Bandbreite an Ausdrucksmitteln ihnen zur Verfügung steht.
Nach der Pause setzte sich diese Stimmung mit Johannes Brahms´ Streichquartett a-Moll op. 51 Nr. 2 fort. Gleich der erste Satz verzichtet weitgehend auf ein markantes Thema und legt den Schwerpunkt auf den Klang gleitender Figuren. Für einen Eingangssatz wirkt das Tempo fast zu langsam, aber diese klassische Abfolge spielte für Brahms sowieso keine so große Rolle mehr. Die musikalische Vermittlung einer emotionalen Grundstimmung der verlorenen Illusionen – Industrialisierung! – überwiegt hier die eventuelle Idee musikalischer Lebensfreude. Der zweite Satz verstärkt diese Tendenz noch mit deutlichen Spuren von Trauer, Verlust und Sehnsucht, die dann jedoch in Aufbegehren umschlagen. Dieses fortlaufende Abbild gebrochener Emotionen ändert sich im dritten Satz ein wenig in Richtung Lebhaftigkeit, die sich jedoch nie zur reinen Lebensfreude entwickelt, sondern diese grundsätzlich in Frage stellt. Auch das Finale bleibt in Tempo und Dynamik den ersten drei Sätzen verhaftet und verleiht somit dem Werk einen stimmigen Gesamteindruck. Brahms hat sich offensichtlich genau überlegt, was er mit diesem Streichquartett zum Ausdruck bringen wollte, und die „Naivität“ der Klassik, die in jedem Satz ein anderes Lebensgefühl verbreiten konnte, war ihm nicht mehr gegeben.
Das „Simply“-Quartett intonierte dieses musikalische Zeitdokument der Spätromantik auf überzeugende Weise, indem es die teilweise selbstquälerische Gefühlslage des Komponisten klanglich bis ins Detail nachzeichnete. Die langgezogenen Motive mit ihren klagend fragenden Ausklängen entwickelten genau diese Emotionalität, die Brahms und mit ihm eine ganze Generation von Musikern beherrschte. Die jugendliche Aufbruchsstimmung der Klassik war ein für allemal dahin.
Der kräftige Beifall des Publikums führte dann noch zu einer Zugabe aus einer chinesischen Operette, die zum Abschluss noch eine andere emotionale Perspektive zeigte.
Frank Raudszus
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