Laut einer weit verbreiteten Definition der westlichen Linken gibt es keine rechten Intellektuellen, ja, eine solche Bezeichnung sei geradezu ein innerer Widerspruch. Dahinter steht die Annahme, dass ein Intellektueller grundsätzlich progressiv ist, „rechte“ Weltanschauungen jedoch per se regressiv oder gar reaktionär sind.
Der Autor dieses kleinen Buches zeigt, dass die linke Verortung des Intellektuellen zu kurz greift und letztlich nicht mehr als eine Autoimmunisierung darstellt. Ferdinand Knauss, in seiner Funktion als Redakteur von Handelsblatt, Wirtschaftswoche und Cicero nur für „Hardcore“-Linke ein recht(extrem)er Journalist, zeigt gerade in diesem Buch mit seinem argumentativen, abwägenden Diskursstil, dass er zur Gemeinde der Intellektuellen gehört, und das bei einem Thema, das ihn zumindest in die „rechte“ Ecke bringt.
Knauss geht nämlich mit dem linken Mainstream der letzten dreißig Jahre – und auch davor – hart ins Gericht. Ihm zufolge stellt der Siegeszug eines Donald Trump oder der AfD nicht eine schicksalhafte Entwicklung dunkler Kräfte dar, sondern ist als Reaktion auf den linken Zeitgeist der letzten Jahrzehnte zu verstehen. Für die Linke gelte daher „die ich rief die Geister….“, und nur ein radikales Umdenken der westlichen Linken könne die Gesellschaften wieder in ruhigere Gewässer führen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich eine skeptische Generation herausgebildet, die allen Ideologien gegenüber Abstand gewahrt und sich auf eine pragmatische Weltsicht geeignet habe. Spätestens mit den „68“ern jedoch hätten sich wieder utopische Heilsversprechungen etabliert, wobei bis 1990 der Sozialismus ein Alleinstellungsmerkmal hatte. Schon hier seien selbstzerstörerische Tendenzen zu erkennen gewesen, etwa die Proteste gegen die nukleare Nachrüstung oder die Verdammung der Atomenergie. Im ersteren Fall habe die westliche Linke den aggressiven Charakter des real existierenden Sozialismus bagatellisiert oder gar geleugnet, im letzteren die Atomkraft mit dem verhassten – westlichen – Kapitalismus gleichgesetzt.
Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Welt habe die Linke relativ schnell umgeschaltet und die Unterdrückten dieser Welt auf den Sockel der alleinigen Opfer des kapitalistischen Westens gehoben. Spätestens seit der Jahrtausendwende habe man bei der Linken eine kohärente Ideologie entwickelt, in der westlich Kolonisierung per se sowie der Kapitalismus für alles Unglück dieser Welt verantwortlich seien. Daraus habe die westliche Linke die Forderung nach unbegrenzter Wiedergutmachung sowie Aufgabe aller westlichen Privilegien – seien es ökonomische oder moralische – gefordert. Das sei soweit gegangen, die Abschaffung des Nationalstaates zu fordern und ein globales „offenes“ System zu schaffen, in dem vor allem die indigenen und farbigen Gesellschaften unbeschränkte Rehabilitation erfahren sollten, und zwar auf Kosten des Westens. Dass dies schon rein wirtschaftlich gar nicht möglich war und ist, sei von Beginn an ausgeblendet worden.
Mit dieser Ideologie des Selbsthasses, der weit über historische Selbstkritik hinausgeht, hat sich der Westen für Knauss systematisch klein gemacht, was sich besonders in der Vernachlässigung der Verteidigungsbereitschaft im europäischen Westen niedergeschlagen habe. Die Doppelmoral eines hehren Pazifismus und eines blinden Vertrauens auf den Schutzschirm der USA sei in der europäischen Linken, die lange die Regierungen stellte, bewusst nicht thematisiert worden.
Die Geringschätzung der (eigenen) Nation habe breite Kreise in den europäischen Ländern von der Regierung entfremdet, da sie ihnen den für ein loyales Zusammenkleben lebenswichtigen Rahmen genommen habe. Diese hätten die zunehmende Abwertung der gesellschaftlichen Traditionen schließlich mit dem Entscheidung für rechte, populistische Parteien beantwortet.
Knauss geht dabei auch direkt auf politische Persönlichkeiten der letzten Jahrzehnte ein. Ein Joschka Fischer etwa gebe sich heute als „elder statesman“, bagatellisiere aber die Tatsache, dass er in den siebziger Jahren mit gewaltsamen Protesten gegen Aufrüstung und Atomkraft gekämpft hat. Seine Generation habe den „Marsch durch die Institutionen“ proklamiert, der nun mit desaströsen Folgen vollzogen worden sei. Ebenso erzähle ein Olaf Scholz noch heute, nach der „Zeitenwende“-Rede, gerne mit Augenzwinkern, wie er sich erfolgreich vor der Wehrpflicht gedrückt habe. Wenn Regierungschefs über mangelnde (eigene) Wehrfreudigkeit Scherze machten, habe das seine unmittelbare Wirkung auf die junge Generation.
Und auch vor großen intellektuellen Namen macht Knauss nicht Halt. So zitiert er das Diktum von Habermas, in einem sachlichen Diskurs müsse sich stets das „zwingende“ Argument durchsetzen, wobei er trocken festhält, dass die Ablehnung der von Habermas stammenden und damit natürlich „zwingenden“ Argumente den Diskurspartner automatisch ausschließe. Hier habe sich auf höchster politischer und philosophischer Ebene längst ein automatischer Selbstbestätigungsmechanismus etabliert, der in der AfD etwa nur noch renitente Ewiggestrige sehe. Ob das zur Befriedung der Gesellschaft beitrage, dürfe bezweifelt werden.
Knauss sieht sogar die Gefahr eines Bürgerkrieges, wie immer der auch aussehen mag, wenn auch nicht als quasi deterministische Entwicklung. Wenn die handelnden Regierungsparteien wieder ein einheitliches Gesellschaftsbild entwerfen könnten, dem eine große Mehrheit zustimmen kann, dann lasse sich eine solche Entwicklung verhindern. Die USA, die uns seit fünfzig Jahre immer um etwa zehn Jahre voraus sind, lassen angesichts der augenblicklichen Situation jedoch nichts Gutes ahnen.
Ein Buch, das die gegenwärtige politische und gesellschaftliche Situation gegen den Strich bürstet und die Gründe für die politische Entwicklung auch und besonders bei denen sucht, die sie lautstark beklagen. Das Buch ist im Verlag zu Klampen erschienen, umfasst 162 Seiten und kostet 20 Euro.
Frank Raudszus

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