„Ein Sommer mit Goethe“ – welch ein Versprechen! Der Autor Gustav Seibt hat sich vorgenommen, seine eigene Goethe-Begeisterung weiterzugeben. Dafür legt er dieses kleine Buch vor, mit dem er seinen potenziellen Leserinnen und Lesern, gerade auch den „zögernden oder vielbeschäftigten“, einen Sommer mit Goethelektüre vorschlägt. In täglichen kleinen Häppchen könne man durch Texte von Goethe pilgern, das solle „Freude machen, erheitern, staunen lassen und vor allem das Entzücken an einer grenzenlos vielfältigen Sprache wecken“.
Schon mal vorab: Das ist Gustav Seibt vorzüglich gelungen!
Gustav Seibt selbst ist in den 1970er Jahren ohne eine Zeile Goethe durch ein berühmtes Münchner humanistisches Gymnasium zum Abitur gekommen. Gerade die intellektuell anspruchsvollen Lehrer hätten damals anderes reizvoller gefunden. Dass sie damit bei ihren Schülerinnen und Schülern eine „Goethe-Lücke“ schufen, daran hätten sie wohl nicht gedacht.
Gustav Seibt selbst kam dennoch schon als Schüler durch die verschiedensten Anregungen zu Goethe, gepackt hat ihn als 16-Jährigen der Beginn des West-Östlichen Diwans, und seitdem hat Goethe ihn nicht mehr losgelassen.
Vorbild für „Ein Sommer mit Goethe“ ist die französische Radio-Serie „Un été avec …“ . In dieser Serie werden einen Sommer lang in 40 kurzen täglichen Beiträgen von jeweils einer Viertelstunde große Klassiker vorgestellt.
Nach diesem Vorbild ist Seibts Buch angelegt: Kurze Kapitel, die jeweils unter einem Oberbegriff stehen, stellen verschiedene Textauszüge vor, die sich in 15 bis 30 Minuten lesen lassen. Selbstverständlich kann man, wenn man Lust hat, sich auch mehr Zeit lassen, die Texte noch einmal lesen, länger darüber nachdenken, vielleicht auch in der – möglicherweise eingestaubten – heimischen Goethe -Ausgabe nachblättern.
Die Kürze der Kapitel sei auch durch Goethe selbst motiviert worden, der selbst ein „Meister der Kürze“ sei, dessen Texte konzentriert seien und auf das Wesentliche zielten, die die Resultate „in Form“ brächten.
Das alles erzählt Seibt in seinem kleinen Vorwort, mit dem er sich für sein Vorhaben fast zu entschuldigen scheint. Das hat er aber gar nicht nötig, denn allein dieses Vorwort ist so ermutigend, dass seine Leserinnen und Leser ihm gerne folgen werden. Die Überschrift des Vorworts lautet „Das Unternehmen wird entschuldigt“. Auch dieser Titel ist ein Goethe Zitat, wie Seibt anmerkt: Goethe beginne seine „Hefte zur Morphologie“ von 1817 mit eben diesem Satz.
Gustav Seibts Buch dürfte nicht nur diejenigen anziehen, die noch nie eine Zeile Goethe gelesen haben, sondern auch diejenigen, die ihren Goethe eigentlich ziemlich gut zu kennen meinen – wie auch die Autorin dieser Zeilen.
Ich gehöre zu denen, die noch pflichtgemäß in der „Oberprima“ (so hieß damals die Jahrgangsstufe 13 am Gymnasium noch) den Faust I gelesen haben, die natürlich das „Mailied“, „Willkommen und Abschied“, „Prometheus“ und „Ganymed“ und viele weitere Gedichte auswendig gelernt und interpretiert haben. Aber gerade weil ich so vieles kenne und auch mehrfach gelesen habe, hat mich dieses Buch so erfreut, weil es mit einer Leichtigkeit Goethe durch seine Texte selbst sprechen lässt, dadurch vieles auffrischt, wieder in Erinnerung bringt, zum Nachlesen reizt und auch Neues entdecken lässt.
Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis macht diese Leichtigkeit und auch Modernität der Darstellung sichtbar, damit gleichzeitig auch, wie sich Goethe immer noch unter modernen Begriffen verstehen lässt. Da gibt es Kapitel wie „Evergreen“, „Krieg, Geld, Papier“, „No Sympathy For The Devil“, „Ein frecher Höfling“, „Freiheit“, „Die Wolke Schuldbewusstsein“, „Safer Sex“, „Sex und Lügen“, „Lange leben heißt vieles überleben“. Wenn das nicht neugierig macht!
Bei aller Leichtigkeit der Darstellung ist Seibt jedoch philologisch sehr genau. Alle Textstellen, die er zitiert, erläutert er in gut verständlicher Sprache, bezieht sie sowohl auf die persönlichen Lebensumstände Goethes als auch auf die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der jeweiligen Entstehungszeit. So gelingt es Seibt, auch den völlig unvorbelasteten Leserinnen und Lesern über die Texte die zentralen Fragen bewusst zu machen, die Goethe in seinen verschiedenen Lebensaltern bewegten.
Gleichzeitig ist Seibt ganz frei davon, Goethe zu verklären, vielmehr lässt er ihn in seiner menschlichen Gestalt lebendig werden.
Nur an einer Textstelle soll hier Seibts Vorgehen veranschaulicht werden.
Er beginnt das 1. Kapitel, das sinnigerweise mit „Kürze“ überschrieben ist, mit der Ballade „Der Schatzgräber“, dessen erste Zeilen lauten „Arm am Beutel, krank am Herzen / Schleppt‘ ich meine langen Tage. / Armut ist die größte Plage / Reichthum ist das höchste Gut …“. Seibt zitiert die ganze Ballade, um sie dann in ihrer Quintessenz zu erläutern. Diese „moralische Feier eines gelingenden Alltags und heilsamer Normalität“ solle aber nicht von der Kunstfertigkeit dieses Gedichts ablenken, dessen Meisterschaft gerade in seiner Kürze bestehe. Die Lehre dahinter ist, dass wir nicht auf Zauberei hoffen sollen. Am Ende der Ballade heißt es: „Grabe hier nicht mehr vergebens. / Tages Arbeit! Abends Gäste / Saure Wochen! Frohe Feste / Sei dein künftig Zauberwort.“ Seibt kommentiert; „Der Zauberspuk ist vertrieben, die helle Welt von Arbeit und Genuss, von Anspannung und Abspannung, von Ein- und Ausatmen ist wiedergewonnen.“ Das verstehen alle heutigen Leserinnen und Leser, hören sie doch dasselbe in ihren Gymnastik- und Yogakursen. Seibt schlägt noch den Bogen zu Goethe selbst, der sich wohl auch einmal als – vergeblicher – Schatzjäger versucht hat. Und der Versuch, mit Hilfe der Magie Grenzen zu überschreiten, lässt ihn locker die Brücke zu Fausts Pakt mit dem Teufel schlagen, die Schlussworte stellt er in Bezug zum Ende des Faust II.
An den Abschluss dieses 1. Kapitels „Kürze“ setzt Seibt den Goethe-Satz „Getretner Quark / Wird breit, nicht stark“.
Wenn das kein Einstieg ist in ein Buch, das ich nur von ganzem Herzen empfehlen kann!
Lesen Sie dieses Buch, Sie werden Ihre Freude daran haben. Und noch eine Empfehlung: Lesen Sie –-mal wieder oder zum ersten Mal – den Faust, und Sie werden eine noch größere Freude haben.
Elke Trost
Gustav Seibt, Ein Sommer mit Goethe. Verlag C.H.Beck 2026, 272 Seiten, 25 Euro.

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