Marc Albrecht in Darmstadt – mit Pauken und Trompeten

Im 6. Sinfoniekonzert der laufenden Saison stand nur ein Werk auf dem Programm: Anton Bruckners abendfüllende Sinfonie Nr. 8 in c-Moll, entstanden im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Dazu kam mit Marc Albrecht ein alter Bekannter an den Ort früherer Erfolge zurück. Vor gut einem Vierteljahrhundert hat er als GMD des Staatstheaters Darmstadt so manche erinnerungsträchtige Aufführung in Oper und Konzert geleitet. Da wirkt es geradezu metaphorisch, dass er die Erinnerung an diese Jahre mit einem monumentalen Werk beschwört.

Dirigent Marc Albrecht

Bruckners achte Sinfonie erstreckt sich nicht nur über eine Dauer von eineinhalb Stunden, sondern sie erfordert auch ein großes Orchester, in dem vor allem die Blechbläser stark vertreten sind. Das mag nicht zuletzt daran liegen, das diese Musikinstrumente eine starke religiöse Bedeutung in sich tragen; man denke nur an die „Trompeten von Jericho“. Und der tiefreligiöse Anton Bruckner nutzte die Blechbläser denn auch als Fanfaren jenseitiger Instanzen. Seine tiefe Religiosität spiegelt sich in allen vier Sätzen in Gestalt eines allumfassenden Gestus wider, der sowohl eine endzeitliche Abrechnung mit der Welt, wie sie ist, als auch eine transzendentale Sehnsucht nach Erlösung zum Ausdruck bringt.

Die ersten Takte des Kopfsatzes steigen aus der Tiefe der Seele wie ein morgendliches Erwachen auf und gehen dann in Fanfaren der Blechbläser über. Langgezogene Motive, auf- und absteigenden Tonleitern ähnelnd, ziehen sich in variierten Wiederholungen durch alle Instrumentengruppen. Andere, kürzere Motive wiederholen sich auf geradezu ostinate Weise und vermitteln damit existenzielle Dringlichkeit. Lyrische Passagen der Streicher kontrastieren mit dem immer wieder durchbrechenden Stolz der Bläser.

Der zweite Satz – ein Scherzo – beginnt mit einem dramatischen Motiv, das auf ostinate Weise mit leichten Abwandlungen durch die Instrumentengruppen wandert. Eine lang anhaltende orchestrale Verzögerung schafft Spannung und mündet nach stetiger Steigerung in einen fast schon wild zu nennenden Ausbruch mit einem unveränderten, beharrlich wiederholten Motiv. Nach einer Fermate setzt ein langsamer Neubeginn mit lyrischen Passagen ein, der schließlich wieder zum Anfangsmotiv dieses Satzes zurückkehrt. Die Metaphorik dieses Satzes verweist auf innere Kämpfe, die nach einer scheinbaren Beruhigung erneut ausbrechen.

Das „Adagio“ des dritten Satzes bringt dann den Seelenfrieden, den das Scherzo schon erhofft hatte. Feierliche lange Streicherbögen entführen in ferne Welten, und in einer schwebenden Welt der Entrücktheit lässt die Klarinette ihr einsames Lied erklingen. Für Anton Bruckner muss das „fin de siècle“ gleichzeitig ein „fin du monde“ gewesen sein, so intensiv bringt er das Gefühl der Endzeitlichkeit zum Ausdruck. Zwar steigert sich dieser Satz gegen Ende noch zu einer gewissen Dramatik, doch das mindert nicht den Eindruck einer Apotheose der Einsamkeit.

Der Finalsatz überfällt das Publikum buchstäblich mit einem orchestralen Ausbruch im wahrsten Sinne „mit Pauken und Trompeten“. Es folgen ruhigere Passagen, doch teilweise mit dissonanten Sequenzen. Fermate und Neubeginn in anderer Dynamik, das ist fast schon das Markenzeichen nicht nur dieses Satzes. Bruckner grenzte damit ganze Ausdrucksblöcke gegeneinander ab. Gegen Ende nimmt dann dieser Satz typische Züge eines Finalsatzes an, die in diesem Fall fast schon auf das jüngste Gericht hinweisen. Setzen doch Hörner und Pauken noch einmal gewaltige Zeichen, bevor die Sinfonie in einem eher nachdenklichen Schlussakkord endet.

Für Dirigent und Orchester stellten diese neunzig Minuten eine einzige Herausforderung dar, gibt es hier doch kaum aussagelose Übergangsphasen. Jeder Takt, ja geradezu jede Note trägt hier ihre eigene , transzendente Bedeutung in sich und will entsprechend gewürdigt, sprich: interpretiert werden. Bruckner kannte nur „alles oder nichts“, und in dieser Sinfonie verhandelt er sein Weltverständnis, das sich aus dem Glauben speist und mit der Realität der Welt abrechnet. In diesen vier Sätzen spiegelt sich die Verzweiflung eines Menschen, der um seinen Glauben kämpft.

Diesen Kampf spüren auch nichtgläubige Zuhörer, vor allem, wenn er so intensiv und gleichzeitig transparent vorgetragen wird wie von Marc Albrecht und dem Orchester des Staatstheaters an diesem Abend. Es gab keinen Augenblick des Leerlaufs, die Intensität begann mit den ersten Takten des Kopfsatzes und endete erst mit dem letzten Akkord des Finalsatzes. Trotz aller orchestralen Fülle ist vor allem die Transparenz hervorzuheben, die auch einzelnen Instrumenten den für sie vom Komponisten vorgesehen Freiraum eröffnete, und weder die langgezogenen Streicherbögen noch die plötzlichen Aufwallungen vermittelten auch nur ansatzweise den Eindruck von selbstbezüglicher Sentimentalität oder orchestraler Effekthascherei.

Das Publikum erkannte die große Leistung von Dirigent und Orchester und spendete nicht nur lang anhaltenden, kräftigen Beifall, sondern sogar stehende Ovationen.

Frank Raudszus

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