Markus Gabriel: „Ethische Intelligenz“

Der Untertitel dieses neuen Buches des derzeit bedeutendste deutschen Philosophen lautet „Wie KI uns moralisch weiterbringen kann“ und setzt damit schon ein handlungsweisendes Zeichen. Die Philosophie hat sich lange Zeit an das Objektivitätsmantra der Naturwissenschaften gehalten, das den Wissenschaftler als außenstehenden Beobachter definiert, der ohne eigenes Interesse die Wahrheit – was immer das ist – zu erkennen versucht. Schon die Frankfurter Schule und mit ihr Habermas stritten diese unbeteiligte Beobachterposition ab und unterstellten dem Wissenschaftler – also auch dem Philosophen – ein eigenes Interesse als Mensch und Teil der Gesellschaft. Man müsse dieses Interesse halt nur „richtig“ gestalten. Die ungelöste Frage, wer welches Interesse als „richtig“ bezeichnet, bestimmt seitdem den Diskurs und hält den Objektivitätsanspruch weiterhin im Spiel. Die in letzter Zeit sich meldenden wissenschaftlichen „Aktivisten“, die eigene Forschungsergebnisse im Sinne ihres politischen Programms deuten, spielen dabei auch eine Rolle.

Ganz anders dagegen Markus Gabriel, der bereits in seinen letzten Büchern – „Gutes tun“ und „Der Mensch als Tier“ eindeutig politisch Stellung bezieht und konkrete Handlungsempfehlungen entwickelt. Er begibt sich damit auf den schmalen Grat zwischen engagiertem Aktivismus und „positivistischer“ Objektivität, weiß aber wohl um die steilen Hänge links und rechts und geht seinen Weg entschlossen und mit klarer Ausrichtung.

Wenn Geisteswissenschaftler über naturwissenschaftliche und technische Phänomene schreiben, dann tun sie das gerne und bewusst aus dem Blickwinkel des interessierten Laien, der nur die Auswirkungen der jeweiligen Forschungen analysiert und ethisch-moralisch bewertet. Eigene Kompetenz scheint bei vielen geradezu als Makel zu gelten. Nicht so Markus Gabriel: er hat sich offensichtlich tief in die Materie eingearbeitet und präsentiert sich in diesem Buch als Kenner der KI. Ausführlich beschreibt er nicht nur die drei Phasen der KI, sondern auch die jeweiligen Konzepte und ihre Stärken: die Effizienzorientierung und die übersteigerten Erwartung der ersten, rein regelbasierten Systeme und die Enttäuschung danach; die Datenorientierung und Mustererkennung der zweiten, die schon einen großen Schritt nach vorne darstellten; und auch hier wieder die Ernüchterung nach nur mäßigem Erfolg. Hier greift er auch Armin Nassehis Buch „Muster“ auf, in dem dieser die Digitalisierung zwar schon als Spiegelung typisch menschlicher Digitalität sieht, aber nur als statische, nicht als dialogisch sich entwickelnde.

Die typische Reaktion der Politik und des moralischen Mainstreams auf disruptive Technologien besteht üblicherweise in Verbot und Regulierung. Dieser Akt der Hilflosigkeit zeigt seine Nutzlosigkeit laut Gabriel besonders in der KI, da diese aufgrund mangelnder Definitionen und des rasanten Entwicklungstempos jeglichem bürokratischen Regulierungsmonster ausweichen würde. Schon heute ist es schwer wenn nicht unmöglich, technisch eine scharfe Trennlinie zwischen Prozesssoftware und KI zu ziehen, und in Zukunft wird sich diese Schere zwischen Entwicklung und Einordnung noch weiter öffnen. Gabriel erkennt deutlich, dass die Regulierung sich hier in einen quichottehaften Kampf mit den Windmühlenflügeln der KI-Oberfläche stürzen würde und schlägt daher vor, sich stattdessen politisch für die aktive Mitgestaltung einer zukünftigen KI einzusetzen.

Im Übergang der KI zu digitalen neuronalen Netzen sieht Gabriel den entscheidenden Schritt vorwärts, der das Lernen der KI aus dynamischen – menschlichen – Umgebungen ermöglicht. Die daten- und musterorientierten Verfahren ermöglichen zwar umfangreiches statisches „Wissen“ über die Menschen und ihre Gesellschaft, doch eine normative Bewertung kann nur aufgrund vorgegebener ethischer „Werte“ erfolgen. Da diese von den Entwicklern eingegeben werden müsste, sind Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Daher setzt er auf die Möglichkeiten der fortschrittlichen KI, die alle Parameter in die Gestaltung der Systeme einfließen lassen kann. So kann eine dialogische KI – etwa in der Pflege oder Erziehung – aus der Wortwahl, der Satzstruktur, der Pausen und der Stimmausprägung des Dialogpartners permanent neue psychologische Schemen entwerfen und sich auf dessen emotionale Lage einstellen. Ohne selbst so etwas wie ein „Bewusstsein“ zu entwickeln, kann eine solche KI laut Gabriel aus dem Gesamtbild der Gesprächspartner deren innere Wertesysteme ermitteln. Widersprüche, Ängste und Wünsche werden aus dem Dialog erkannt und dienen als Bausteine eines solchen Wertesystems, und da Gabriel im Prinzip an die Werthaltigkeit des menschlichen Geistes glaubt, verwirft er auch den Psychopathen als Grundmuster des typischen KI-Partners. Gabriel glaubt an den Menschen und zitiert als Beleg dieses Glaubens die bisherige Geschichte der Gattung Mensch vom frühen Indien und China über Ägypten bis hin zur europäischen Geistesgeschichte.

Dieser – nicht metaphysische! – Glaube an die menschliche Gesellschaft eröffnet Gabriel auch die Möglichkeit zum eindringlichen Appell an Politik und Gesellschaft, sich der KI-Aufgabe – wir wollen hier nicht von „Problem“ reden – aktiv zu stellen und eine neue Generation von menschenfreundlichen und moralisch reagierenden KI-Systemen zu entwickeln. Angesichts der Dominanz der rein ökonomisch orientierten US-Plattformen sieht er für Europa eine große – wenn auch letzte! – Chance, sich aus den Fängen der US-Software zu befreien und gleich auf den neuesten technologischen Zug aufzuspringen. Dabei sieht er den größten Bedarf und die größten Chancen in der Bildungspolitik, die schon Kindern KI-Avatare zur Seite stellen sollten, die einfühlsam und innerhalb eines wohl definierten ethischen Rahmens jedes einzelne Kind nach seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten weiterbilden und – ja! – erziehen.

Im Gegensatz zu vielen Kassandra-Rufern, die den Kampf „Mensch gegen Maschine“ propagieren oder fürchten, steht Markus Gabriel eindeutig für ein Miteinander, das man auch als „Maschine mit Menschen“ bezeichnen kann.

Das Buch ist im Ullstein-Verlag erschienen, umfasst 190 Seiten und kostet 22,99 Euro.

Frank Raudszus

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar