Moderne Musik im Museum – ein Widerspruch?

Mit dem jährlichen Kammermusikfestival „Neuland“ im Frühjahr versucht der Kulturfonds Rhein-Main, dieser in weiten – auch musikalischen – Kreisen eher unbekannten Musikgattung mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Nach dem eher klassischen Beginn in der Orangerie ging es am zweiten Tag mit einem „Wandelkonzert“ im Hessischen Landesmuseum eher um moderne Klänge, wobei dieser hintergründige, fast humoristische Widerspruch dem Zufall geschuldet sein mag.

Nach dem erfolgreichen Start dieser neuen Art des Konzertes im Städel-Museum hat auch das Hessische Landesmuseum entdeckt, dass man durch die Mischung aus optischen und akustischen Kunstreizen einerseits neue Zielgruppen ansprechen und andererseits das „Graukopf“-Image der Kammermusik etwas auffrischen kann. Dabei hatten die Programmersteller allerdings die mutige Entscheidung getroffen, in diesem Konzert vor allem moderne Musik zu präsentieren.

Alexi Kenney beim Eröffnungsstück

Es begann mit einer kurzen Einführung in der Eingangshalle des Museums, dem die Eröffnungsmusik folgte. Anschließend kamen in fünf verschiedenen Räumen des Museums unterschiedliche Kammermusikwerke zu Gehör, die genau drei Mal wiederholt wurden, um dem Publikum ein Wandeln mit verschiedenen Musikerlebnissen zu ermöglichen. Die Pausen von etwa fünf Minuten sollten für den Ortswechsel reichen. Ob das angesichts einiger gehbehinderter Gäste immer so einfach war, sei dahingestellt.

Das mit „X Suite“ betitelte Eröffnungsstück des Amerikaners Paul Wiancko – nicht Elon Musk! – ist wie eine barocke Tanzsuite organisiert – Prelude, Allemande, Canon, Courante, Nocturne, Bourré, Orison – und folgt wohl auch ansatzweise den metrischen Vorgaben der einzelnen Tanzarten. Doch der Geiger Alexi Kenney bewies mit seinem virtuosen, etwa 20minütigen Solo-Vortrag, dass Wiancko die Barockmusik wohl nur noch als Hintergrund im Kopf hatte. Die sieben Sätze sind metrisch weitgehend frei und wecken kaum Assoziationen an frühneuzeitliche Tanzfiguren. Dafür entschädigen aber die hochvirtuosen und teilweise aberwitzigen musikalischen Figuren, wobei die Violine streckenweise ein ganzes Streichquartett zu ersetzen scheint. Dazu erschienen auf der Saalwand Videos, die zu der Musik passende synästhetische Sequenzen zeigten, mal feingliedrige Skulpturen zu gläsernen Tönen, dann weite Landschaften zu leicht verträumten, lang gezogenen Motiven. Gerade diese Verbindung von akustischer und visueller Kunst passte nicht nur zum Veranstaltungsort, sondern vermittelte dem Publikum auch zusätzliche Eindrücke performativer Kunst.

Jack Hancher an der Gitarre

In der „Schatzkammer“ des Mueseums trug Jack Hancher auf seiner Gitarre ein Präludium, die Fantasie G-Dur und das Stück „Forlorne Hope Fancy“ von John Dowland vor. Seine Interpretation brachten die Introvertiertheit und die Melancholie nicht nur dieses Barock-Komponisten, sondern seiner ganzen Epoche zum Ausdruck. Ein gutes Pendant zu dem modernen Eröffnungsstück, das die Zuhörer eine gute Viertelstunde in seinen Bann zog.

Gegenüber der Schatzkammer, am römischen Mosaik, spielten Suyoen Kim und Alexander Sitkovetsky Johanna Senfters „Suite für zwei Violinen“ aus dem späten 19. Jahrhundert. Auch dieses Stück ist als barocke Tanzfolge von „Allemande“ bis „Gigue“ komponiert, verwandelt jedoch diese alten Tänze in die schwelgerischen Klangfarben der Spätromantik. Statt der gemessenen und stetigen Tanzmuster des Barock herrscht hier die grenzenlose Emotion mit ihren langen Bögen und feinen Verästelungen. Das Duo legte Wert auf Dynamik und Präsenz, und die Akustik des mit viel Steinflächen ausgestatteten Raums ließ die Musik zu einem raumfüllenden Ereignis werden.

Das Interesse des Publikums lässt hoffen, dass dieses Wandelkonzert kein einmaliges Museumsevent war.

Frank Raudszus

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