Anna Seghers Roman „Das siebte Kreuz“ schildert die Flucht des Häftlings Georg Heisler aus dem Konzentrationslager Osthofen südlich Mainz im Jahr 1937, wobei der fiktive Lagernamen deutlich auf das reale Lager Westhofen bei Worms verweist. Noch verbreitete dass Kürzel „KZ“ nicht den apokalyptischen Klang heutiger Zeit, sondern bezeichnete für breite Kreise eher ein Erziehungslager für Ewiggestrige. Heisler flieht mit sechs anderen Häftlingen nach langer Planung durch den Mithäftling Wallau, und der Kommandant des Lagers schwört, alle Flüchtlinge innerhalb einer Woche an den Kreuzen zu fixieren, die er extra zu diesem Zweck aus den Platanen im Hof des Lagers anfertigen lässt. Das Staatstheater Mainz hat jetzt diesen Roman unter der Regie von Alina Fluck auf die Bühne des Kleinen Hauses gebracht und erinnert dabei in zweierlei Hinsicht an das Schauspiel Frankfurt.
Dessen Inszenierung von Anna Seghers Roman im Jahr 2017 haben wir hier vorgestellt, und der Vergleich zeigt deutlich die veränderte Herangehensweise. Auf der anderen Seite ähnelt die Mainzer Inszenierung der Frankfurter Aufführung eines anderen Romanklassikers des 20. Jahrhunderts im Schauspiel Frankfurt, Thomas Manns „Die Buddenbrooks“, der laufenden Saison.
Auch Alina Fluck zieht den Hut vor der Roman-Autorin, indem sie die Handlung nicht einfach in eine Reihe von Bühnenszenen umsetzt, sondern den Originaltext selbst auf die Bühne bringt. Dazu tritt Kruna Savic als Anna Seghers vor den noch geschlossenen Vorhang und beginnt, aus „ihrem“ Roman zu lesen. Hier wird nicht nur Anna Seghers Sprache gewürdigt, sondern implizit auch noch ihre Autorenschaft. Kruna Savic begleitet bis zum Schluss alle Szenen als für die Schauspieler unsichtbare, aber stets präsente Autorin, wirkt streckenweise fast wie eine aufmerksame, jedoch nie eingreifende Autorität, und die handelnden Personen suchen in zentralen Szenen ihre Nähe, jedoch ohne sie als Person der Bühnenhandlung wahrzunehmen. Man kann darin durchaus eine Hommage an Anna Seghers sehen, die zum Ausdruck bringt, wie sehr sich diese Inszenierung um die Intentionen der Autorin bemüht und sie in die Handlung einfließen lässt. Regietheater war gestern, auktoriale Authentizität ist heute!
Alina Fluck baut ihre dreistündige Inszenierung langsam und sorgfältig auf – eine Vorgehensweise im Sinne des Romans, weil auch dieser die Hintergründe der Handlung und der Personen systematisch entwickelt, wenn auch nicht in der epischen Breite wie etwa „Die Buddenbrooks“. Anna Seghers wollte einerseits die Verunsicherung und die Rechtlosigkeit der Verfolgten veranschaulichen, gleichzeitig aber auch die schillernde Ambivalenz der Mitläufer und sogar der Führer-Verehrer aufzeigen. Um dies zu verdeutlichen, besetzt Alina Fluck zwei Rollen, die gegensätzlicher nicht sein könnten, mit demselben Schauspieler. Adrian Weinek spielt einerseits Georgs treuen Freund Paul Röder, der die Hilfsbereitschaft gegenüber dem alten Freund höher einschätzt als die Loyalität zu dem bewunderten politischen System, das ihm so viele Vorteile einbringt, andererseits den brutalen Leutnant Bunsen, der sich als Lageraufsicht immer neue Grausamkeiten ausdenkt und sich geradezu in einen sadistischen Rausch hineinredet und -prügelt. Das ist nur vordergründig eine Herausforderung an den Schauspieler und verweist dahinter auf den schmalen sozialen Grat zwischen dem aufopfernden Freund und dem gnadenlosen Mörder. Jeder kann von einem Augenblick zum andern vom guten Freund zum Verräter werden.
Der Roman spielt zwar Ende der dreißiger Jahre, also im Dritten Reich, aber Alina Fluck vermeidet jeden expliziten Verweis auf das politische Umfeld. Der Name „Hitler“ fällt kein einziges Mal, und ebenso der Begriff „Nazi“. Weder ein Hakenkreuz noch braune Uniformen sind zu sehen; die Polizisten tragen zwar die typischen Uniformstücke totalitärer Organe – Stiefel, Koppel -, lassen sich jedoch keinem historischen Kontext zuordnen. Damit distanziert sich die Regisseurin deutlich von dem selbstgerechten Moralismus vieler „Nachgeborener“ und deren verdammendem Fingerzeigen auf die Kriegsgeneration. Alina Flucks Inszenierung könnte nicht nur hinsichtlich Bühne und Kostümen in jedem modernen Kontext spielen, vor allem in einem Land, in dem eine rechtsextreme Partei sich anschickt, die erste Landesregierung zu übernehmen.
Das Bühnenbild ist bewusst puristisch angelegt und besteht aus wenigen assoziativen Elementen. Eine bühnenbreite Wand trennt die Hinterbühne vom vorderen Teil, der die existenziell bedrohliche Gegenwart der Handlung darstellt, während der hintere Teil für die stabile Vergangenheit steht, in der Georg Heisler es nur mit erotischen Konkurrenten und enttäuschten Mädchen zu tun hatte, während er jetzt ums nackte Überleben kämpft. David T. Meyer steigert sich langsam in Georgs existenzielle Not hinein. Spielt er anfangs noch den lässigen Frauenheld mit Händen in den Hosentaschen und wechselnden Beziehungen, hetzt er vor allem im zweiten Teil nur noch von einem Versteck zum nächsten, wohl wissend, dass die Polizei alle seine möglichen Anlaufstationen überwacht und ihn immer weiter einkreist. Dass er am Ende überlebt, verdankt sein Georg nicht seiner Cleverness und seiner mentalen Stärke, sondern nur der selbstlosen Unterstützung seines alten Freundes – und freudig bewegten Nazis – Paul sowie purem Glück. Auch hier bürstet die Regisseurin diesen Stoff ein wenig gegen den Strich, werden doch solche Rettungsgeschichten gerne als kleine Heldentaten dargestellt, frei nach dem Motto „David gegen Goliath“. Gerade das Regietheater erlag gerne der Versuchung, den verfolgten Systemgegner zum „Sieger“ zu krönen. Nicht so Alina Fluck, die Georg Heisler alias David T. Meyer noch in der letzten Szene nahezu hoffnungslos auf der Bühne stehen lässt. Nur dank Romankenntnis oder Programmheft weiß der Zuschauer, dass Heisler davonkommt.
Das zweite assoziative Bühnenelement sind die sieben Baumstämme, die von Zeit zu Zeit vom Bühnenhimmel herabschweben und die Kreuze für die eingefangenen Flüchtlinge darstellen, wobei die Kreuze nur im Text und in der Vorstellung der Zuschauer erscheinen. Auch hier verfährt die Regie nach dem Prinzip „weniger ist mehr“ und überlässt dem Publikum die bildliche Vorstellung der Kreuze. Die Zahl der Kreuze verringert sich dabei mit jedem eingefangenen Flüchtling um eins, so dass zum Schluss nur ein einzelner Baumstamm auf der Bühne stehenbleibt als Symbol für den einzigen Davongekommenen. Doch so etwas wie Triumph oder auch nur Genugtuung will nicht aufkommen, da die Inszenierung die Schicksale der anderen Flüchtlinge bis hin zu deren echtem oder impliziertem Tod in allen physischen und psychischen Details nachzeichnet. Ein Geretteter kann sechs Opfer nicht aufwiegen, sondern nur einen kleinen Spalt Hoffnung offenhalten.
Das zahlreich antretende Ensemble verleiht dieser Inszenierung einen hohen Grad von Intensität, sowohl im intimen Bereich der Not als auch im öffentlichen der freigegebenen Gewalt. Hier bilden vor allem Stephanie Kämmer und Carlotta Hein als Lagerpolizist(inn)en ein im wahrsten Sinne des Wortes unschlagbares Paar, das sogar – Höhepunkt der Perversion – noch einen vordergründig lustigen „Tanz der Grausamkeit“ präsentiert. Benjamin Kaygun glänzt gleich in mehreren Rollen, vor allem als psychisch ermüdeter Flüchtling Füllgrabe, der sich in der – natürlich falschen – Hoffnung auf Verschonung der Polizei stellt. Leandra Endres verleiht der Elli Heisler Kontur, Vincent Doddema ist in einem halben Dutzend Rollen zu sehen, und Klaus Köhler beeindruckt vor allem als Wallau.
Alina Flucks Inszenierung lässt nicht nur die scheinbar noch gemäßigte Vorkriegszeit als Anlaufphase des reinen Grauens aufscheinen, sondern verweist ganz bewusst auf die aktuelle Situation, die ebenfalls noch geordnet erscheint, aber sehr schnell umschlagen kann wie in Anna Seghers Roman.
Das Premierenpublikum zeigte sich beeindruckt und spendete lang anhaltenden, kräftigen Beifall.
Frank Raudszus



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