Eine szenisch-chorische Lesung – kurios!

Im Jahr 2008 brachte das Staatstheater Darmstadt Thomas Manns Roman „Die Buddenbrooks“ auf die Bühne und erntete damit einigen Beifall, obwohl die typischen Fragen bezüglich Bühnenversionen epischer Romane auch in dieser Inszenierung offen blieben. Jetzt hat das Schauspiel Frankfurt diesen Klassiker noch einmal unter anderen Vorzeichen inszeniert, und die Regisseurin Johanna Wehner nimmt dabei das zentrale Gegenargument für Romanbearbeitungen ernst und geht konsequent von einer anderen Seite an den Stoff heran.

Ensemble

Bei ihr steht nicht die Familie Buddenbrook in dem Sinn im Mittelpunkt, dass durchgängig handelnde Protagonisten mit unverwechselbarem Charakter die Handlung prägen, sondern der Autor, der das Geschehen aus seiner auktorialen Perspektive schildert. Vor allem bei Thomas Mann spielt die Sprache eine zentrale Rolle, und die gerät bei einer dialogisierten Bühnenversion meist unter die Räder einer spannenden oder „authentischen“ Handlung. In dieser Inszenierung trägt das Ensemble den Text des Autors vor und flicht wichtige Dialoge als solche ein, wobei die Darsteller dann fallweise zu den jeweiligen Personen werden. Dabei wird der Romantext nicht im Sinne einer Lesung von einer einzelnen Person vorgetragen, sondern überwiegend in chorischer Form, mal gleichzeitig, mal versetzt durch mehrere Stimmen gehend und dabei wiederholt.

Diese „Konstruktion“ der Handlung durch den Autor, hier in Gestalt des Ensembles, schlägt sich schon im Bühnenbild nieder. Das Ensemble spielt nicht verschiedene wohldefinierte Rollen in einer bestehenden Lebensbühne, sondern schafft diese erst mit den Worten des Autors. So senken sich die einzelnen Wände und Türen zu dem beschreibenden Text des Autors vom Bühnenhimmel und bleiben dort als unverbundene Symbole eines herrschaftlichen Hauses stehen. Dieses Prinzip setzt sich in der Romanhandlung fort. Wichtige Themen – etwa „die Firma“ – trägt das Ensemble wie in einem antiken Chor vor, wiederholt und skandiert sie in abgewandelter Form, um dann einzelne Szenen nachzustellen. Doch auch diese werden in den meisten Fällen nicht als realistische Abläufe, sondern in stilisierter Form von den Mitgliedern des Ensembles gespielt, die in die Haut des Erzählers schlüpfen und dessen Gedanken in Gestalt von Textelementen zitieren. Dabei kreisen diese Texte zu Beginn beharrlich um die seltsame Redewendung „kurios“ des alten Johann „Jean“ Buddenbrook wie um eine Ikone der Vergangenheit.

v.l.n.r.: Johanna Link, Tanja Merlin Graf und Anna Kubin

Mit dieser Inszenierung erreicht die Regisseurin, dass die epische Struktur des Romans sowie dessen Subtext zum Vorschein kommen. Thomas Mann brachte seine Sicht des Abstiegs des Handelshauses Buddenbrooks weniger durch die Dialoge seiner Figuren als durch seine Schilderungen der Umgebungsbedingungen und der allgemeinen gesellschaftlichen Situation zum Ausdruck. So gesehen spielt der Roman selbst auf zwei Ebenen: erstens auf der vordergründigen Handlungsebene und zweitens auf der Metaebene der Autoren-Perspektive, sprich: Thomas Manns Sicht, die er zum Beispiel durch Ironie zum Ausdruck bringt. So kann die Sicht der handelnden Romanpersonen durchaus der des Autors widersprechen, der dann durch seine auktoriale Macht die Personen ins Verderben rennen lässt.

Romane, vor allem die von Thomas Mann, weisen oft liturgischen Charakter auf, wenn sich der Autor über die Niederungen des Lebens erhebt und in weitem Bogen die Höhen und Tiefen des Lebens aus seiner ganz persönlichen Sicht beschreibt. Das ist hier nicht polemisch gemeint, sondern spiegelt die Erfahrung wider, dass jeder große Literat stets etwas von einem Priester in sich spürte und vermittelte, heiße er nun Cervantes, Musil oder eben Thomas Mann. Johanna Wehner hat dieses Phänomen erkannt und bringt es in Form liturgischer Elemente auf die Bühne. So versammelt sich das gesamte Ensemble in wichtigen Momenten links an der Rampe und trägt eine zentrale Erkenntnis oder Frage des Autors ähnlich einem Chor in der Kirche vor, wenn auch weniger feierlich und eher mit ironischem Einschlag. Wenn ein Familienmitglied stirbt, ordnet sich das Ensemble zu einer Reihe und steigt gemessenen Ganges hinunter in den Unterbau des großbürgerlichen Anwesens und umrundet die schnöde Anordnung von Stützen und Stangen mit viel jenseitigem Symbolpotential in trauernder Haltung.

Das Ensemble steht vor der gar nicht so einfachen Aufgabe, einerseits den eher allgemeinen Ansatz der Regie mit der Auffächerung von Meinungen und Haltungen zu realisieren, andererseits die wichtigsten Charaktere dieses Romans nachzuzeichnen. So treten die einzelnen Darsteller immer wieder aus dem chorisch agierenden Kollektiv als klar konturierende Figuren heraus, halten ihre Monologe oder führen die entsprechenden Dialoge, um dann wieder Aufgaben im szenischen Chor zu übernehmen. Das gilt vor allem für Christoph Pütthoff, der den Firmenchef Thomas glaubhaft spielt, jedoch darauf verzichtet, die ganz unmittelbaren menschlichen Eigenschaften dieser Figur gegenüber seiner Stellung im Roman überzubewerten, sprich: sein Thomas bleibt stets Romanfigur des Autors und verselbständigt sich nicht. Ähnliches gilt für Christoph Bornmüller, der den Christian zwar als leidenden Hypochonder spielt, aber ihm weder Mitleid erregende Charakterzüge verleiht noch ihn der Lächerlichkeit preisgibt. Auch sein Christian ist mehr ein Geschöpf der auktorialen Ironie denn aus Fleisch und Blut. Für die Frauenrollen – Heidi Ecks, Tanja Merlin Graf, Anna Kubin und Johanna Link – gilt dies noch konsequenter, was wohl auch daran liegt, dass die Frauen eine deutlich geringere dramaturgische Rolle spielen als die Männer. „Jean“-Johann, Thomas und Christian gegenüber Elisabeth und Toni, die beide am Rande des Geschehens agieren. So übernehmen die vier Darstellerinnen wechselnde Rollen, die sich nur bei Toni (Tanja Merlin Graf) zu einer geschlossenen Figur verdichten.

Ensemble

Johanna Wehners Inszenierung dieses Romans gleicht eher einer Choreographie für Sprache und Körper denn dem üblichen Sprechtheater, und statt der Musik regieren Thomas Manns Texte dieses – man möchte fast sagen: „Tanztheater“. Sogar die zentralen Dialoge, etwa der zwischen Thomas und Christian, werden mehr zelebriert denn einfach gesprochen. Diese distanzierte Darstellung ist nicht nur als künstlerische Distanzierung von dem Inhalt – der Abstieg einer Familie – zu verstehen, sondern auch als Hommage an Thomas Mann zu verstehen, der ja seinerseits auch durch seine feine Ironie eine gewisse Distanz zwischen sich und der Familie Buddenbrook geschaffen hat. Und so, wie Mann seinen Roman auch als Metapher für den – zumindest gefühlten – Abstieg der Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert gesehen hat, hat Johanna Wehner ihre Inszenierung wiederum als Metapher auf die aktuelle Abstiegsgrundierung gestaltet. Und ihre Weigerung, sich mit der Familie Buddenbrook zu solidarisieren, schlägt sich in der ironischen, streckenweise fast kabarettistischen Distanzierung von den Protagonisten der untergehenden Familie nieder. Fast könnte man in dieser Bühnenversion des berühmten Romans eine subtile Kapitalismuskritik sehen, die den scheiternden Großbürgern keine Träne nachweint. Das wäre dann aber ein etwas billiger Triumpf der Nachgeborenen. Sehen wir es also eher als die Beschreibung des natürlichen Vorgangs von Wachsen und Vergehen.

Bleibt noch ein Rätsel zu lösen: wenn sich die herrschaftliche Villa auf ihre – maroden? – Stützen erhebt, wird dort eine lebensgroße Kopie der Kopenhagener „Kleinen Meerjungfrau“ sichtbar, die kopfunten am Boden der Villa hängt. Wir mögen nicht glauben, dass diese erst spät erkennbare Skulptur dort zufällig von einer anderen Inszenierung hängen geblieben ist, sondern vermuten eine dramaturgische Absicht. Doch welche? Was verbindet die untergehende Lübecker Kaufmannsfamilie mit der träumenden Nixe aus dem Norden? Wir denken darüber nach.

Frank Raudszus

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