Gegensätze ziehen sich an….

Über Pfingsten bestimmt in Darmstadt das „Schlossgrabenfest“ die kulturellen Angebote und damit auch die Nachfrage. Das Staatstheater war sich dieser Tatsache offensichtlich bewusst und hat das Kammerkonzert am Eröffnungstag des Schlossgrabenfestes entsprechend leicht konzipiert. Komödiantische Musikveranstaltungen warten gerne mit instrumentalen oder stimmlichen Konstellationen auf, die auf den ersten Augenblick gar nicht zueinander zu passen scheinen. Da spielen dann Pauken und Piccolo-Flöten oder die Geige und Posaune miteinander auf und zeigen dem verblüfften Publikum, dass diese Klangkombinationen bei entsprechendem Können gar nicht so abwegig sind….

Andreas Mildner (l.) und Andreas Martin Hofmair (r.)

Im 9. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt kamen auf ähnliche Weise die Tuba des bayerischen Multitalents Andreas Martin Hofmair – Kabarettist und Musiker – sowie die Harfe des renommierten Solisten Andreas Mildner zusammen. Beide bekleiden „neben“ ihrer solistischen Karriere auch noch Professoren an bekannten Hochschulen.

Die Rollen waren an diesem Abend klar verteilt: Hofmair spielte den bayerischen Urrumpel in Jeans, offenem Hemd und barfüßig, während Mildner im gepflegten Anzug und ernster Miene auftrat. Man darf annehmen, dass diese Rollenverteilung zur kabarettistischen Planung des Abends gehörte. So übernahm dann Hofmair auch gleich die Moderation des Abends im besten Polt´schen Stil, sparte nicht mit parodistischen Anspielungen an die Musik im Allgemeinen und die verschiedenen Instrumentalisten im Speziellen und klärte auch gleich einmal, wer in dem Duo wofür zuständig ist. Die Diskrepanz der beiden Instrumente lieferte dabei ein Reihe von rhetorischen Steilvorlagen, die Hofmair gnadenlos nutzte und noch vor dem ersten Ton die Lacher auf seiner Seite hatte.

Dann spielte man auch Musik, und zwar Liebeslieder von Schumann, unter anderem „Der Nussbaum“ und „Die Loreley“ (nach Heines Gedicht). Natürlich durfte Schubert nicht fehlen. Sein „Gretchen am Spinnrad“ aus Goethes „Faust“ lieferte Hofmair auch einige Vorlagen für Scherze über die hohe Literatur. Die musikalischen Vorträge bestachen durch den weichen, fast träumerischen Klang der Tuba und die Brillanz der Harfe. Was anfangs eher wie ein musikalischer Scherz anmutete, entpuppte sich als klangliches Juwel, das die meisten Zuhörer so wohl nicht erwartet hatten. Und Andreas Mildner konnte in einem Solo mit Schuberts „Harfenspieler“ seine Virtuosität und klangliche Raffinesse beweisen.

Die zweite Hälfte war dann der Oper gewidmet, und hier konnte vor allem die Tuba ihre klanglichen Möglichkeiten ausspielen, lebt doch die Oper von der Leidenschaft, wie Hofmair in seinen Betrachtungen über diese Musikgattung so schön sinnierte. Nach dem Zwischenspiel von Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ folgte Wagners „An den Abendstern“, wobei Hofmair den großen Bayreuther auch kabarettistisch aufs Korn nahm, dann Bellinis „Norma“ mit einer brillanten Variationenfolge der Solo-Harfe. Auch die beiden Todesarien aus „Tosca“ modellierten die beiden Musiker mit bestechender Eindringlichkeit, und den krönenden Abschluss bildete ein gemeinsamer Potpourri aus Bizets „Carmen“, wobei beide Instrumentalisten sich gegenseitig überboten an Virtuosität, die aber stets den Schalk im Nacken hatte, vor allem bei Hofmairs Tuba.

Hier schafften es zwei Musikgrößen, sich selbst und die Musik ein wenig auf die Schippe zu nehmen, jedoch nie auf Kosten des Partner – höchstens scherzhaft – oder zu Lasten anderer Musiker. Selbst die gespielten Stücke hatten stets eine gewisse humoristische Note, die jedoch nie die Musik ins Lächerliche zog, sondern das „Allzumenschliche“ auch der ernstesten Musikstücke in den Vordergrund rückte.

Ein musikalischer Abend, der hinter seiner humoristischen Fassade eine durchaus ernst zu nehmendes musikalisches Programm bot, das sich unterschiedlichen Genres widmete und diese durchaus im ursprünglichen Sinne interpretierte.

Frank Raudszus

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