Der 1994 in der Lausitz geborene Schriftsteller Lukas Rietzschel gehört zu der Generation der sogenannten „Nachwende-Kinder“. Diese Generation hat die DDR nicht mehr selbst erlebt, wohl aber die Folgen der Wende. „Nachwende-Kinder“ sind in einer eigentümlichen gesellschaftlichen Situation aufgewachsen. Sie haben die ideologische Beeinflussung der DDR-Erziehung nicht mehr selbst erfahren, aber sie waren oft in einem Widerstreit zwischen westlicher Jugendkultur einerseits und andererseits den durch die DDR geprägten Werten des Sozialismus, die die Erwachsenen noch verinnerlicht hatten.
In seinem neuen Roman „Sanditz“ spürt Rietzschel diesen widersprüchlichen Gefühlen und Lebenseinstellungen von Menschen in Ostdeutschland nach. Er nimmt uns mit in die Familie Wenzel/Moschnik und gibt uns Einblick in deren Lebenssituation und Einstellungen vor der Wende und nach der Wende, genau sind es die Jahre 1978 bis 2003 und dann die Coronajahre 2021 und 2022.
„Sanditz“ ist ein fiktiver Ort in der Oberlausitz, in der Nähe des Braunkohletagebaus. Dafür musste zu DDR-Zeiten das Heimatdorf der Familie weichen, die Bewohner wurden umgesiedelt. Während die meisten in die Stadt Sanditz in Wohnsiedlungen zogen, wurden für die Familie Wenzel und zwei weitere Familien Bungalows irgendwo zwischen dem alten Dorf und der Stadt errichtet. Hier gibt es nichts von dem, was versprochen wurde: keine Schule, keinen Metzger, keinen Bäcker, keine Kirche, keinen Friedhof. Für die Großeltern Erika und Norbert wie auch für ihre Kinder Dirk und Marion bedeutet das eine Entwurzelung, wenn sie auch die Annehmlichkeiten von WC und Zentralheizung zu schätzen wissen. Marions Kinder Tom und Maria haben als „Nachwendekinder“ keine Beziehung mehr zu dem alten Dorf.
In einem zunächst merkwürdig wirkendem Prolog schlägt Rietzschel sein grundsätzliches Thema an, den Rechtsruck in der Gesellschaft. Er lässt eine Gruppe von Raben am 21. Dezember im Jahre 2021 als Menschen nach Sanditz zurückkommen, nachdem sie sich 200 Jahre zurückgehalten haben. Ihr Ziel ist es die Bismarckstatue umzustürzen, die die Sanditzer im Jahr 2003 errichtet haben. In einer Presseerklärung des Bürgermeister hieß es dazu: „Das alte Deutschland ist wieder erwacht. Es ist groß und stark und wieder bereit, die Scham über die Vergangenheit abzuwerfen. Deutschland ist wieder stolz.“
Mit dem Umstürzen der Statue setzen die Raben ein Zeichen gegen den „muffigen Geist der Vergangenheit…, bevor es zu spät ist“. Die Ironie ist, dass gerade aus der Vergangenheit gegen den neuen Geist der Vergangenheit gekämpft wird. Ganz offenbar stammen die „Raben-Menschen“ aus den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts, sie vertreten den Geist der revolutionären Bewegungen, die zur 1849er Revolution führte. Raben spielen sowohl in der antiken als auch in der germanischen Mythologie eine Rolle, sie gelten als weise, prophetische Vögel, aber auch als Zeichen von bevorstehendem Übel. In beiden Bedeutungen sind sie in unserem Roman ein wiederkehrendes Motiv, besonders auch am Schluss.
Damit sind die Weichen für den Roman gestellt. Rietzschel versucht zu verstehen, wie es nach der starken Freiheitsbewegung von 1989 gerade im Osten Deutschlands zu einem Rechtsruck kommen konnte, wie wir ihn jetzt in den 2020er Jahren als bedrohlich erleben.
Die Geschichte beginnt 2021 eben mit der auf unerklärliche Weise umgestürzten Bismarckstatue. Die junge Maria, Journalistin bei der Lokalpresse, recherchiert über das Ereignis, allerdings ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Aber nach anfänglichem, auch überregionalem Interesse geht man schnell wieder zur Tagesordnung über, für Maria also kein Durchbruch für eine Karriere.
In den ersten Kapiteln stellt uns Rietzschel die Mitglieder der Familie Wenzel/Moschnik vor. Im Jahre 2021 sind sie – wie wir alle – mit der Corona-Krise konfrontiert. Hier scheiden sich schon die Geister, was sich gerade am Weihnachtsfest zeigt. Viele Familien können nicht mehr zusammenkommen, weil Impfgegner sich nicht impfen lassen und deshalb von dem Rest der Familie ausgegrenzt werden. Die Corona-Krise lässt die Risse, die schon lange in der Familie bestehen, jetzt sichtbar werden. Über andere Konflikte wird geschwiegen, etwa über Homosexualität in der Familie, über die Nazivergangenheit des verstorbenen Großvaters, ebenso über die Rolle von Nachbarn in der DDR-Gesellschaft.
Alle Figuren wirken emotionslos und verloren, halten aber dennoch an der Familie fest, solange es irgend geht, offenbar um überhaupt einen Halt zu haben. So lebt der mittlerweile ungefähr 60-jährige Dirk immer noch mit seiner Mutter Erika zusammen in dem einen Bungalow, unfähig ein eigenes Leben zu führen oder irgendwelche Initiative zu ergreifen. Über die dahinter liegenden Konflikte spricht niemand, die Mutter hält ihn schlicht für faul, er selbst bezeichnet sich als krank. Im Übrigen wird geschwiegen, sie leben nebeneinander, nicht miteinander.
Maria ist nach einem Studium in Kassel nach Hause zurückgekehrt, hat ihr altes Kinderzimmer bezogen und lebt wieder mit ihrer Mutter zusammen in dem anderen Bungalow. Sie ist vor der Diskriminierung als „die aus dem Osten“ aus Kassel geflohen. Große Erwartungen sind einer großen Enttäuschung gewichen.
Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist auf das Nötigste beschränkt. Der Vater Roland ist schon lange ausgezogen, er lebt in einem heruntergekommenen Haus in der Stadt. Zu ihrem Vater würde Maria gerne Kontakt aufnehmen, hat aber nicht den Mut. Was dahinter steckt, erfahren wir als Leserinnen erst viel später im Roman.
Ganz verloren wirkt ihr Zwillingsbruder Tom, dem es nicht gelingt, im Leben Fuß zu fassen. Als fast 40-jähriger lebt er noch in einer heruntergekommenen WG, völlig vernachlässigt, nachdem die WG-Genossen wegen Corona zu ihren Eltern zurückgekehrt sind. Beruflich hat er es zunächst mit einer Ausbildung bei Polizei versucht, das aber abgebrochen. Nun ist er arbeitslos und verschuldet, die Freundin macht mit ihm Schluss. Perspektiven sieht er nicht.
Nach und nach enthüllt Rietzschel die jeweilige Vorgeschichte, die noch in DDR-Zeiten liegt. Man muss aufmerksam lesen, um die Sprünge in den Zeitebenen richtig einzuordnen. Damit wir als Leserinnen und Leser verstehen, warum die Menschen im Jahr 2021 so perspektivelos und resigniert erscheinen, sehen wir sie immer wieder zu DDR-Zeiten. Was auffällt, ist die große Solidarität innerhalb der Familie, in der Nachbarschaft und unter engen Freunden. Man hilft sich, soweit man nur kann, allerdings immer auf der Hut, dass das wirklich im vertrauten Kreis geschieht: „Das gehört sich so“, bestimmt die Großmutter Erika, als es darum geht, dass Marion auch das Flachdach der Nachbarin von Schnee befreien muss. Dazu gehört auch, dass man als eigentlich homosexueller Mann die gute Freundin heiratet, an der sich ein Geistlicher vergangen hat. Roland wird so zum Vater von Tom und Maria, ohne dass die beiden je erfahren werden, dass er „eingesprungen“ ist. Darüber wird geschwiegen.
Zusammenhalt ist auch das Gebot derjenigen, die sich den autoritären Maßnahmen des Regimes entziehen. Im Gemeindehaus kommt man angeblich zu religiösen Begegnungen zusammen. In Wahrheit werden hier in unermüdlicher Arbeit verbotene, aus dem Westen geschmuggelte Bücher mit drei Durchschlägen abgetippt und in der Gruppe zum Lesen herumgereicht. Auch hier ist man sehr darauf bedacht, keine Spitzel hereinzulassen. Die Pfarrerin ist die treibende Kraft, muss sich auch vor der Behörde gegenüber Verdächtigungen verteidigen, das gelingt ihr durch ihre Stärke.
Nicht zuletzt sind es dann die Montagsdemonstrationen, die auf diesem Solidaritätsgefühl aufbauen.
Dass daraus ganz große Hoffnungen auf das Leben in neuer, demokratischer Freiheit entstehen, ist nur zu verständlich. Dass die Bevormundung und die Herablassung seitens der Menschen aus dem Westen wütend macht, ist nachvollziehbar. Wenn der neue Direktor der Sparkasse aus dem Ruhrgebiet kommt, um mal den Osten kennenzulernen, und dann mit großer Überheblichkeit auftritt, macht ihn das nicht beliebt. Das junge Pärchen, das es romantisch findet, auf dem großen Grundstück der Wenzels ihren Wohnwagen aufbauen zu dürfen, ohne sich für die Menschen zu interessieren, ist ein weiteres Beispiel für die Ignoranz der „Wessis“.
Rietzschel läuft jedoch keineswegs Gefahr, DDR-Zeiten zu verklären. Immer haben die Menschen einen Vorbehalt, wissen sie doch nie, wem sie wirklich vertrauen können und hinter wem ein Spitzel der Stasi steckt.
Wie zerstörerisch das Regime besonders mit jungen Menschen umgegangen ist, erfahren wir am Beispiel von Dirk. Erst nach dem Tod der Mutter kann er sich dem Trauma seines Wehrdiensts bei der Volksarmee in Prora auf Rügen stellen. Für ihn gibt es am Ende einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft. Ganz anders wird es für Tom, der sich in seiner Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit als Freiwilliger in den Ukrainekrieg begibt.
Insgesamt ist „Sanditz“ ein sehr komplexer und aufwühlender Roman, den man mit viel Konzentration lesen muss, um zu verstehen, wie sich die Lebensgeschichten der Menschen zusammenfügen, denn wir erfahren sie immer nur aus einzelnen Episoden.
Am Ende stellt sich für Rietzschel und für uns als Leserinnen und Leser die Frage, ob es eine Hoffnung gibt für unsere freiheitliche demokratische Grundordnung oder ob die Fliehkräfte inzwischen so stark sind, dass sie nicht nur die enttäuschten Menschen der ehemaligen DDR betreffen, sondern zunehmend auch die Westler.
Ein sehr lesenswertes Buch!
Lukas Rietzschel, Sanditz. dtv 2026, 479 Seiten, 26 Euro.
Elke Trost

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