Schwanengesang am Otzberg

Der „Otzberg“ ist eine ehemals vulkanische Erhebung im nördlichen Odenwald, die mit ihrer mittelalterlichen Burg die Umgebung von weitem sichtbar überragt. Doch auch kulturell gibt es in dieser ländlichen Gegend Orte, die ihre Umgebung deutlich überragen, obwohl man ihnen dies nicht auf den ersten Blick ansieht. Hier gibt es nämlich kein repräsentatives Staats- oder Stadttheater, Konzerthallen oder ähnliche Kulturtempel.

Dafür gibt es aber eine idyllische Hofreite im Otzberger Ortsteil Zipfen mit der Hausnummer 5 in der Hauptstraße, in der das Ehepaar Theis lebt. Hier verbrachten vor langer Zeit wohlhabende Frankfurter oder Aschaffenburger Familien ihre Sommerferien, was nicht verwundert, wenn man durch den weitläufigen und farbenprächtig bepflanzten Garten der Hofreite schlendert.

Da der geräumige Speisesaal der ehemaligen Pension nun leer stand, überlegte sich das Ehepaar Theis, hier Sommerkonzerte zu veranstalten, und diese Idee hat sich mittlerweile längst zu einem Geheimtipp – oder gar mehr? – entwickelt. Das Hauskonzert am Pfingstmontag jedenfalls konnte mit den hochkarätigen Kammerkonzerten am Staatstheater Darmstadt problemlos mithalten. Das lag jedoch auch daran, dass einer der auftretenden Künstler, David Pichlmaier, im Opernensemble des Staatstheaters Darmstadt singt, daneben aber auch gerne seine kammermusikalischen Fähigkeiten beweist. Das tat er an diesem sommerlichen Pfingstmontag auf überzeugende Weise.

Susanne Kristin Gauchel, Sara Pavlovic und David Pichlmaier

Aber der Reihe nach. Die Veranstalter wollten nicht nur einen monothematischen Kunstnachmittag, sondern bewusst ein die üblichen Spartengrenzen sprengendes Programm anbieten. Dazu erweiterten sie das musikalische Programm um eigenständige Klavierstücke, vorgetragen von der serbischen Pianistin Sara Pavlovic, die auch David Pichlmaier begleitete. Zwischen den einzelnen gesanglichen und pianistischen Darbietungen trug die Opernregisseurin und Dramaturgin Susanne Kristin Gauchel Texte und Gedichte von Schubert und Heinrich Heine vor. Schubert und Gedichte? Franz Schubert? Ja, der Komponist hat nicht nur fremde Gedichte vertont, sondern auch eigene, und gar nicht schlechte, geschrieben. Doch gingen die angesichts seiner musikalischen Werke – leider – unter, bis heute.

Im ersten Teil des Nachmittags stand Franz Schubert im Mittelpunkt, sowohl als Dichter wie auch als Komponist. Nach einem kurzen Auszug aus der Klaviersonate D566 in e-Moll folgte das Lied „Die Taubenpost“; nach dem Schubert-Gedicht „Mein Gebet“ dann ein Text von Ingrid Martha Theis“ über Schuberts „Schwanengesang“ und danach vier Lieder aus diesem Zyklus. Anschließend kamen neben verschiedenen Texten und Gedichten das „moment musical“ D780/2 sowie der erste Teil des zweiten Satzes aus der posthumen Klaviersonate D960 in B-Dur zu Gehör. Mit drei Liedern aus dem „Schwanengesang“ beendeten David Pichlmaier und Sara Pavlovic den ersten Teil.

David Pichlmaier

Der zweite Teil war weitgehend Heinrich Heine gewidmet. Susanne Kristin Gauchel las verschiedene Gedichte aus dessen „Buch der Lieder“ und steuerte selbst einen Text über Heine und Schubert bei. Dazu spielte Sara Pavlovic einige Klavierstücke Schuberts sowie den Beginn der „kleinen“ A-Dur-Sonate. Den Höhepunkt servierten zum Abschluss David Pichlmaier und Sara Pavlovic mit sechs bewegenden Liedern nach Gedichten Heinrich Heines aus dem „Schwanengesang“. Hatten schon die Schubert´schen Gedichte des ersten Teils dessen persönliche und künstlerische Verzweiflung zum Ausdruck gebracht, so steigerte sich diese Abrechnung mit der Welt in Liedern wie „Der Doppelgänger“ oder „Der Atlas“. David Pichlmaier beeindruckte das Publikum durch eine Intensität des verzweifelten Zorns und der Ausweglosigkeit, die wir so in seinen Opernrollen noch nicht erlebt haben. Das Darmstädter Publikum kennt ihn meist nur aus diesen effektvollen Opernauftritten voller Witz und Ironie, doch nicht als Liedinterpret. Diese Bildungslücke konnte auch der Rezensent hier auffüllen und war tief beeindruckt von dieser kompromisslosen und dabei stimmlich nie überanstrengte Interpretation. Pichlmaiers Stimme hätte an diesem Abend auch größere Räume als diesen Kammermusiksaal gefüllt, aber hier klang sie gerade durch den engeren Raum noch bedrängender und verzweifelter.

Das musikalische Duo lieferte ein so unverfälschtes wie abgründiges Portrait der unglücklichen Künstler Heine und Schubert ab, und Susanne Kristin Gauchel lieferte dazu verbindende und erklärende Worte aus der Welt des gesprochenen Wortes. Ein kleiner Trost für die beiden unglücklichen Künstler: sie ahnten nicht ihre spätere Wertschätzung, ja: Bewunderung seitens der literarischen und musikalischen Kunstwelt, doch ihre unsterblichen musikalischen Seelen dürften an diesem Abend Genugtuung verspürt haben.:

Frank Raudszus

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