Tanz im Mohnfeld

Das moderne Tanztheater erzählt – im Gegensatz zum klassischen Ballett – selten Geschichten, sondern versucht, bestimmte Lebenssituationen und emotionale Zustände durch Körpersprache auszudrücken. Damit begibt sich der Tanz auf das selbe Feld wie die Musik, die ebenfalls sprachlich nicht darstellbare emotionale Konstellationen erschafft und damit erst erfahrbar macht. Das Tanzensemble des Staatstheaters Mainz hat mit der Choreographie „Im Mohnfeld“ nun eine Produktion auf die Bühne gebracht, die genau auf diese sprachlose Botschaft abzielt. Vier Tänzer und vier Tänzerinnen bringen in einer knapp einstündigen Darbietung so elementare wie existenzielle Elemente erwachenden Bewusstseins auf die Bühne, die sich mit Worten kaum fassen lassen. Die Choreographin Paloma Muñoz zitiert denn auch Wittgensteins Satz, demzufolge man zu Dingen, über die man nicht sprechen könne, schweigen müsse. Und wenn man nicht sprechen kann, kann man doch tanzen.

Das ungleiche Paar zu Beginn

Bereits der Titel der Choreographie ist bewusst doppelbödig gewählt. Der Mohn ist eine durchaus nützliche Pflanze, die zur Beruhigung und für die Verdauung Verwendung findet; diese Wirkung lässt sich jedoch mit entsprechender Dosierung zur Rauscherzeugung bis hin zum völligen Verlust der Selbstkontrolle missbrauchen. Diese Ambivalenz gilt auch für das Leben selbst, das sich in einer friedlichen Gemeinschaft, aber auch in einem gnadenlosen Kampf jeder gegen jeden ums Überleben abspielen kann. Die Choreographie verkörpert gerade diese fragile Stabilität, die jederzeit umschlagen kann in die Katastrophe.

Es beginnt mit einem Paartanz eines Tänzers in einem angedeuteten Feudalkostüm des Barocks und einer Tänzerin, die sich vor ihm auf dem Boden windet: mal wie ein Haustier, das um Zuwendung und Nähe bettelt, dann wieder wie ein Reptil, das den Angriff probt. Dieses Lebewesen kämpft um seine Stellung im Lebensprozess und sucht ständig die richtige Mischung aus Anpassung und Aufbegehren. Nur der blasierte Mensch in seiner Selbstüberschätzung merkt das nicht und betrachtet dieses Lebewesen als lenkbares Haustier. Als geschickt eingearbeitete Nebendeutung ergibt sich, wenn man die Geschlechter dieses Paares berücksichtigt, eine implizite Kritik an der Rollenzuweisung von Männern und Frauen.

Ensemble

Nach dieser Ouvertüre hebt sich eine Zwischenwand und gibt den Rest der Bühne frei, auf dem der Rest des Ensemble wie Lebewesen mit entstehendem Selbstbewusstsein am Boden kauert, die Umgebung und die anderen Lebewesen – sprich: Tänzer und Tänzerinnen – beobachtet und ihr Gefahren- wie Nutzenpotential abschätzt. Hier streicht man umeinander herum, wagt eine knappe Berührung, zieht sich schnell wieder zurück, wehrt eine Annäherung ab, um gleich selbst die nächste zu wagen; dann wieder Machtspiele und Unterwerfungsgesten im Wechsel und bei genauer Beobachtung der Reaktion. Zwischendurch blitzt auch mal so etwas wie Zuneigung auf, die aber selten ihr spontanes Gegenüber findet. Das Leben ist Vorsicht und kalkuliertes Risiko, dann wieder Mut und Angst – so lautet die Botschaft dieses Spiels auf den Brettern, aber ganz ohne Sprache und nur mit den Mitteln des körperlichen Ausdrucks.

Ensemble

Dann erlischt plötzlich das Licht, und im Dunkeln leuchten nur angedeutete Augenpaare. Die jetzt angedeutete Nacht setzt alle Regeln dieses halbwegs stabilen Lebens außer Kraft, und jetzt dominiert die dionysische Seite des Menschen, die unkontrollierte Macht des Rausches. Die apollinische Struktur des Tages hat ausgedient, und die Lebewesen auf der Bühne beginnen eher enthemmt zu tanzen. Auch die Musik, im ersten Teil nach einer barocken Weise über lange Strecken als Vogelgezwitscher eher minimal und vorsichtig tastend, wächst nun mit heftigem Beat ins Rauschhafte hinein. Das erinnert über Strecken an Strawinskys „Sacre du Printemps“, der ebenfalls die Urkräfte des Lebens in all ihren Abschattierungen beschwört. Das dionysische Prinzip reduziert alles auf die existenziellen Dinge: Überleben und die Angst vor dem Unbekannten durch Rituale bannen. Diese Rituale spiegeln sich in Form wiederkehrender Bewegungsmuster in den tänzerischen Figuren des Ensembles wider, wobei die enge, hautfarbene Bekleidung den Eindruck schutzloser Nacktheit erweckt. Gerade im Rausch entledigt man sich jeder schützenden Attribute und riskiert den Verlust der Identität oder gar der Existenz.

Nach knapp einer Stunde endet diese Hommage an die Grundlagen des Lebens ohne großes Finale, das heißt: mit einem Fragezeichen, und spiegelt damit die offene Frage, was denn das Leben sei.

Begeisterter Beifall im ausverkauften Kleinen Haus!

Frank Raudszus

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