Wenn ja, was dann?


So lautet das Motto des Staatstheaters Darmstadt für die Spielzeit 2026/27. Diese Frage mutet auf den
ersten Blick fast trivial an, liegt sie doch vielen von uns auch im Alltag auf den Lippen, vor allem, wenn
uns unerwartete – und oft unerwünschte – Informationen aufgetischt werden. Doch analysiert man diese
scheinbar schlichte Frage etwas genauer, dann stellen sich im Kontext eines umfangreichen
Theaterprogramms doch einige weitere Fragen.

Das war auch Karsten Wiegend, dem Intendanten des Staatstheaters, klar, und so holte er bei der Vorstellung der neuen Spielzeit weit aus. Bei Oper und Schauspiel wies er auf die dramatische Entwicklung vieler Handlungsstränge hin, die zwar meist tragisch – oder zumindest negativ – enden, die aber genauso gut glücklich hätten ausgehen können, wenn nicht gerade in diesem einen Augenblick genau dieses Ereignis eingetreten wäre. Man denke nur an den vorgespielten Tod Julias, der Romeo zum Selbstmord treibt. Wäre sie rechtzeitig aufgewacht, wären sie glücklich bis an ihr Lebensende gewesen wie im Märchen – Kitsch! Wäre im gegenteiligen Fall Rupprecht nicht rechtzeitig bei Evchen ins Zimmer getreten, hätte Richter Adam sie vielleicht vergewaltigt oder gar umgebracht und alles Rupprecht in die Schuhe geschoben – Tragödie!

Die kommende Spielzeit in Darmstadt wird schwerpunktmäßig Stücke auf die Bühne bringen, die mehr oder minder explizit die Frage „was wäre, wenn“ aufwerfen. Wie die Mottofrage „wenn ja, was dann?“ dann im jeweiligen Stück eingebracht wird, obliegt dann natürlich der zuständigen Regie.

Bei der Oper stehen u.a. die „Cavalleria rusticana“ (Pietro Mascagni) und „Andrea Chénier“ (Umberto Giordano) für nicht zwangsläufige Tragik, die Operette zeigt am Beispiel von Lehárs „Die lustige Witwe“, dass auch das gute Ende nicht von vornherein gesichert ist und auch hier die Katastrophe hätte eintreten können. Weitere Opern mit möglichen anderen Ausgängen sind Brittens „Peter Grimes“ und Richard Strauss´ „Salome“. Die beiden Musicals „A Chorus Line“ und „Come From Away“ runden das Opernprogramm ab.

Das Schauspiel startet mit „Beute“ von Joe Orton, von dem wir bereits zwei heftig diskutierte Stücke gesehen haben, dann folgt Shakespeares „Viel Lärm um nichts“, bei dem es um Intrigen geht, die mit ein einigem Glück nicht geklappt hätten. Wenn ja, wäre es eine Tragödie mit Schweigen als Rest geworden. Auch Ibsens „Nora“ spielt mit Geheimnissen und Zufällen, die erstere öffentlich machen mit allen katastrophalen gesellschaftlichen Folgen. Maxim Gorkis“ Sommergäste“ steuern mit dem Gedanken „Wenn ja, was dann?“ unbewusst auf die Revolution zu, und Mary Shelleys „Frankenstein“ spielt mit der Frage, was geschehen würde, wenn Menschen technisch herstellbar seien. Wenn ja, was dann?

Beim nicht so stark an Geschichten und Logik gebundenen Tanztheater stehen drei Produktionen auf dem Programm, die das Saisonmotto natürlich nur begrenzt umsetzen können, und auch die Sinfoniekonzerte können natürlich programmatisch nicht überlegen, was wäre, wenn Mozart 60 oder Beethoven 80 geworden wären. Also spielt man deren Werke – in der kommenden Saison öfter! – und rahmt sie mit Schubert, Chopin und Prokofjew, um nur einige zu nennen. Nur Gustav Mahler erhält ein eigens ihm gewidmetes Konzert für seine „Achte“.

Das Programm der Kammerkonzerte konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht fixiert werden, aber wir sind sicher, dass hier auch wieder so viele renommierte Ensembles und Solisten gastieren werden, wie wir es aus den Vorjahren gewohnt sind.

Frank Raudszus

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