Wer das Schauspiel „The Saloon: Dinos in Dodge City“ in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt gebucht hat, glaubt bei der Öffnung des Zuschauerraums, in der falschen Veranstaltung zu sein, wird er doch per Lautsprecher zu einem Vortrag eingeladen. Kaum hat sich das Publikum auf die Plätze begeben – freie Platzwahl! -, erscheint der Schauspieler Niklas Herzberg vor dem Vorhang und beginnt tatsächlich mit einem akademisch anmutenden Vortrag über „Maschine und Mensch“. Doch nach wenigen Sätzen ertönt ein Schuss und er bricht blutend zusammen. Mit rauchendem Colt steht ein Mann im Sheriff-Dress (Patrick Balaraj Yogarajan) vor ihm und verpasst ihm auf seinen Protest hin den Gnadenschuss, um anschließend das Publikum mit vorgehaltenem Colt hinter den Vorhang zu führen, ohne die „Leiche“ weiter zu beachten.
Dort befindet sich ein typischer Westernsaloon mit kleiner Terrasse, auf der schlafend die Wirtin (Gabriele Drechsel) mit vorgehaltener Flinte auf einem – natürlich! – Schaukelstuhl sitzt. Nach einem etwas heftigen Wortwechsel zwischen ihr und dem Sheriff laden die beiden das Publikum in den Saloon, wo es in einer den „John Wayne“-Filmen nachempfundenen Gaststube Whisky, Bier und Häppchen gibt, die allerdings mit harter Währung zu bezahlen sind. Dann entwickelt sich eine typische Saloon-Szenerie mit energischer Chefin (Gabriele Drechsel), einer erotisch sich aufputzenden Tänzerin (Florian Donath) und weitere Figuren mit Stetson und rauer Stimme.
So weit, so „westernlich“ – bis eine männliche Figur (Niklas Herzberg), von einem Lichtstrahl eingerahmt, durch die Saloon-Tür hereinschneit. Moderner gekleidet und mit ganz anderem Wortschatz wirkt der Mann wie ein Fremdkörper, so wie die KI heute wie ein Fremdkörper in unserem bürgerlichen „Saloon“ wirkt. Und diese Assoziation ist natürlich beabsichtigt. Es fallen Begriffe wie „Freiheit“, „Chance“ und „Zukunft“, im Kontext der Rede wirken sie jedoch seltsam steril, eben wie ein von der KI erzeugter Text über ein beliebiges Thema. Die Annahme liegt nahe, dass die Texte des Fremden tatsächlich von einer KI stammen, die sie aus entsprechendem Datenmaterial – Vorträge, Essays, Kritiken – zusammengestellt. Diese Person aus der Zukunft erscheint zweimal in dem Saloon, wird – nicht nur vom Publikum – wortlos bestaunt, aber nicht angesprochen, und bleibt ein Fremdling. Man könnte ihn auch direkt als Personifizierung der KI-Zukunft auffassen.
Dann öffnet sich der Vorhang zum – leeren – Zuschauerraum, wo sich das Ensemble um das Modell eines lebensgroßen Velociraptors schart. Die Botschaft dieser scheinbar engen Gemeinschaft lautet offensichtlich: wir dienen uns die KI an und verdrängen dabei, dass sie uns auf die eine oder andere Art vernichten kann. Ende offen. Da trinken wir doch in der Bar des Saloons lieber noch einen Whisky und trinken auf das Ende der Welt!
Dem Ensemble macht diese doppelbödige Westernshow offensichtlich viel Spaß, und die Mitglieder improvisieren dabei aus dem Stehgreif, vor allem bei der aktiven Einbindung des Publikums. Auch wer keine Angst vor der oder keine Bewunderung für die KI hegt, wird hier gut unterhalten.
Frank Raudszus


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