ABBA bitte mit Ra(h)meau

Kann man in einem Barock-Konzert moderne POP-Musik spielen, ohne gleich des Anbiederns an ein breites Publikum verdächtigt zu werden? Ja – wenn man die „Lautten Compagney Berlin“ ist! Das ist eine Gruppe von knapp zwanzig Musikern und Musikerinnen, die neben klassischen Instrumenten wie Geige, Cello und Kontrabass auch Blockflöten, Cembalo und Laute sowie eine historisch anmutende Trommel bespielt und sich auf eine historische Aufführungspraxis, besonders Barock, spezialisiert hat.

Im Staatstheater Darmstadt trat die Gruppe im Rahmen des Barockfestivals auf und hatte dazu die ukrainische Saxophonistin Asya Fateyeva eingeladen. Vielleicht hat die Zusammenarbeit mit gerade dieser Musikerin neben den musikalischen auch noch andere Gründe. Zusammen präsentierten sie das Programm „Dancing Queen“, das in einer eigenwilligen Form die Pop-Gruppe ABBA und den Barock-Komponisten Jean-Philippe Rameau zusammenbringt. Wie Popkenner wissen, zitiert dieser Konzert-Titel ein bekanntes Stück der schwedischen Popgruppe, dessen Thema schon bei Nennung des Titels automatisch im Gedächtnis ertönt.

Die Lautten Compagney Berlin

Das Programm begann mit dem ABBA-Stück „Gimme! Gimme! Gimme!“ und zeigte anhand dieses Titels gleich das Konzept der Gruppe auf. Denn das Stück ertönte durchaus nicht im typischen Popstil, sondern sozusagen „veredelt“ durch Techniken der klassischen, speziell der barocken Musik. Heutige Popmusik richtet sich über die elektronischen Medien an ein Massenpublikum und muss daher drei Dinge beherzigen: Eingängigkeit, Wiedererkennbarkeit und akustische Präsenz, sprich: Lautstärke, die vor allem in Diskotheken unabdingbar ist. Die „Lautten Compagney“ unterläuft diese Forderungen mit einem musikalischen Konzept der Mehrstimmigkeit und feiner tonaler Differenzierungen. Als Zuhörer muss man schon genau hinhören, um das Thema zu erkennen, denn hier wird es nicht frontal mit der musikalischen Brechstange präsentiert, sondern eher beiläufig und fast versteckt. Dass dann die einzelnen Instrumente das Thema übernehmen und umgestalten, versteht sich von selbst. Und das Solo-Saxophon nimmt dabei natürlich eine Sonderstellung ein, darf es doch weitgehend über dieses Thema solieren. Und das tat Asya Fateyeva vom ersten Stück souverän und mit dominanter Souveränität. Die Compagney gestand ihr diese Sonderrolle jedoch von Anfang an bereitwillig zu und fügte sich geschmeidig in ihr Spiel ein. Daneben sind noch die beiden Flötenspieler zu erwähnen, die mit Blockflöten unterschiedlicher Tonlagen eine wichtige melodische Rolle spielen und ihre Instrumente ebenfalls mit solistischer Virtuosität spielen. Doch auch die Geigen spielen eine Rolle, die den für klassische Musik so prägenden Streicherklang einbringen, und auch die beiden Lauten, die für das Flair alter Musik zuständig sind.

Die instrumentale und orchestrale Bearbeitung dieses Popstückes hob dieses nicht nur auf ein anderes musikalisches Niveau, sondern es verdeutlichte auch, dass zeitgenössische U-Musik von der Melodieführung her alten Stücken durchaus in nichts nachsteht, sondern lediglich durch die einfache, auf vordergründige Wirkung bedachte Intonation diese Wirkung der „Einfachkeit“ entfaltet. Dieses „Gimme!“ war raffiniert und nicht für Discotänzer hergerichtet.

Die Saxophonistin Asya Fateyeva

Fast nahtlos erfolgte der Übergang zu Rameaus „Contredanse en rondeau“, und hier ging die Compagney den umgekehrten Weg. zwar wurde aus diesem Barocktanz kein Poprenner, doch es erfuhr sowohl hinsichtlich der Phrasierung wie auch rhythmisch eine Auffrischung. Der Takt wurde zwar eingehalten, und es gab kein vor- oder nacheilendes „Grooving“, aber innerhalb der Takte wichen die Mikrorhythmen durchaus von dem strengen 3/4- oder 4/4-Maß ab, und man gönnte sich leichte Synkopierungen, wie er im Jazz oder auch in der Popmusik üblich ist. Darüber ging jedoch der Grundeindruck der Musik Rameaus nicht verloren, denn das wäre diesem Komponisten wohl nicht gerecht geworden. Der nahtlos Übergang zwischen den beiden Welten ist eine bewusste musikalische Entscheidung und soll die Ähnlichkeit verschiedener Musikwelten verdeutlichen, die man nur herausarbeiten muss. Das Solo-Saxophon von Asya Fateyeva fügte dem Ganzen noch eine ausgesprochen jazzige und dynamische Note zu, die sich vor allem in den meist kurzen Soli entlud. Diese Momente erinnerten dann an entsprechende Jazz-Auftritte bekannter SAX-Größen.

So ging es weiter mit aufeinander folgenden Paaren von ABBA- und Rameau-Kompositionen, stets nach dem Konzept der engen Anbindung der beiden Welten und der gleichen Intonationskonzepte. Für ABBA-Fans kamen Stücke wie „Mamma Mia“, „Thank you for the Music“, „Dancing Queen“, „SOS“ und „Waterloo“ zu Gehör, und die Freunde der Musik von Rameau konnten sich an „Hippolyte et Aricie“ „Les Indes Galantes“, „Les Boréades“ und anderen Kompositionen erfreuen, die jeweils unterschiedliche thematische und rhythmische Eigenschaften aufweisen. Welches der beiden musikalischen Lager mehr Freude an diesem Abend hatte, die ABBA-Fans oder die Rameau-Liebhaber, sei hier dahingestellt, auf jeden Fall war es nicht nur ein sehr anregendes, sondern auch musikalisch feinsinniges und anspruchsvolles Konzert, das man in dieser Form selten hört.

Das Publikum zeigte sich derart begeistert, dass die Compagney noch zwei Zugaben spielte.

Frank Raudszus

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