Agnes Callard: „Sokrates“

In der Danksagung am Ende dieses Buches gesteht die Autorin ihr eigenes Paradox – wir wollen es in Anlehnung an ihre Begriffe im Buch das „Callard-Paradox“ nennen – ein, das sich aus dem Widerspruch zwischen dem Buch als solchem und den in ihm entwickelten Erkenntnissen zu Sokrates´ Denkweise ergibt. Um es hier vorwegzunehmen: Callard leitet mit Akribie und zwingender Logik heraus, dass Sokrates echte Erkenntnis nicht im Elfenbeinturm des Philosophen erwartete, sondern ausschließlich im Gespräch zwischen Menschen – sprich: Philosophen – auf Augenhöhe. Damit verstößt ein „klassisches“ Buch einer einzelnen Autorin zwangsläufig gegen Sokrates´ Erkenntnisse, die wiederum die Autorin aus Platons berühmten Dialogen herausgelesen hat. Diese erklären auch, warum Sokrates nie ein Buch – oder etwas Ähnliches – geschrieben hat, sondern ausschließlich das Gespräch mit – aus seiner Sicht erhofften – Gleichwertigen gesucht hat.

Callard beginnt mit den üblichen Vorurteilen der Welt – auch der philosophischen! -, die Sokrates als negativen Kritiker und Saboteur jeglicher Erkenntnis denunzieren. Sokrates sah sich selbst als „Stechfliege und Hebamme“, was bedeutete, dass er aus seiner Sicht falsche Erkenntnisse im Gespräch gnadenlos als falsch entlarvte – „Stechfliege“ – und den jeweiligen Gegenüber dann zu gemeinsamem Erkenntnisgewinn aufforderte – „Hebamme“. Den letzteren Part verweigerte er seinen Gesprächspartners doch – aus deren Sicht – permanent, was letztlich dazu beitrug, dass er als „missgünstige Stechfliege“ den Schierlingsbecher trinken musste. Agnes Callard arbeitet jedoch heraus, dass für Sokrates nicht der Vorschlag einer eigenen, wissenschaftlich „positiven“ Wahrheit der richtige Weg ist, sondern nur das Streitgespräch, das vorschnelle Hypothesen gnadenlos zerlegt. Wie die Autorin im Laufe des Buches herausfindet, lag gerade in diesem nur scheinbar negativen Streitgespräch der „Stechfliege“ die Leistung der „Hebamme“.

Die menschliche Erkenntis wird laut Sokrates durch zwei externe Befehlsgeber behindert, wenn nicht unmöglich gemacht: die körperlichen Bedürfnisse – Essen, Trinken, etc. – und die „Angehörigen“ – Familie, Stamm, Volk, Nation. Diese Institutionen liefern feste Vorgaben für das Leben und das Suchen nach Wahrheit, sind jedoch eindeutig interessengeleitet. Die Menschen leben laut Sokrates im „15-Minuten-Takt“, der laufend neue, alltägliche Forderungen stellt und ein grundsätzliche Infragestellung geistiger Gewohnheiten verhindert.

In diesem Kontext erwähnt Callard auch zwei zentrale Paradoxien. Das Paradox von Sokrates´ Gesprächspartner Menon besagt, dass die Suche nach der einzigen Wahrheit erfolglos bleiben muss, da der Suchende sie wegen seiner Unwissenheit gar nicht erkennen kann, während der englische Philosoph Moore die paradoxe Tatsache entdeckt hat, dass man an eine Sache glauben kann, obwohl man weiß, dass sie unwahr ist. Bezüglich vormaliger Glaubenssätze widerlegt zu werden, ist kein Problem, doch bei bestehenden ist das eine ganz andere Sache, denn man glaubt ja gerade „jetzt“ daran.

Im zweiten Teil diskutiert die Autorin die großen Begriffe wie „Gerechtigkeit“ und „Freiheit“, „Gleichheit“, „Liebe“ und „Tod“, wobei bei dieser Auswahl das „Égalité – Liberté – Fraternity“ der französischen Revolution durchschimmert. Doch Callard geht drauf nicht ein, sondern vergleicht die philosophischen Entwicklungen der Neuzeit zu diesen Begriffen systematisch mit Sokrates´ Sicht. Der sah die ersten drei Begriffe durch eine „Politisierung“ gefährdet, die für ihn darin bestand, jede Meinungsverschiedenheit zum Anlass eines Streits im Sinne eines Nullsummenspiels umzugestalten. Hast Du Recht, habe ich Unrecht – Hast Du gewonnen, habe ich verloren. Die Suche nach einer ersehnten und stets als existent vorausgesetzten Wahrheit werde hier der persönlichen Rechthaberei und damit letztlich der Macht geopfert. So sah Sokrates Gleichheit nicht materiell oder rechtlich, sondern als gemeinschaftliche Suche nach der Wahrheit unter Gleichen. Für die Meinungsfreiheit galt für ihn Ähnliches: Sie war kein Spielball persönlicher Egomanien, sondern stand im Dienste der Wahrheitsfindung, wobei stets die Bereitschaft vorliegen müsse, sich widerlegen zu lassen. Auch von Mehrheitsmeinungen hielt er nichts, sondern nur von der ehrlichen Meinung seines jeweiligen Gesprächspartners.

Missverständnisse auch mit seinen Gesprächspartnern gab es auch über die Liebe, die im antiken Griechenland auch unter Männern ganz natürlich war. Doch während diese – vor allem Alkibiades – auch in der Liebe den erotischen Besitz als höchstes Ziel sahen, sah Sokrates darin die gemeinsame und harmonische Suche nach der Wahrheit. Callard entdeckt bei Sokrates einen weitaus weiter gespannten Liebesbegriff, obwohl er selbst als Ehemann und Vater durchaus auch die erotische Seite kannte. Doch als Philosoph betrachtete er sie als zweitrangig und eher der Fortpflanzung dienend.

Damit bleibt der Tod als Thema der Philosophie, und auch den konnte Sokrates gelassen ertragen. Für ihn hatte der Tod nur einen Schrecken, wenn man vor seinem Eintreten der Wahrheit nicht näher gekommen war. Da auch die Frage eines Weiterlebens der Seele nach dem körperlichen Tod eine Frage der noch zu erkennenden Wahrheit war, lag er sozusagen auf der Forschungslinie der sokratischen Philosophie. Allerdings geht die Autorin nicht auf die grundlegende Paradoxie des Todes bei Sokrates ein. Denn das gesamte philosophische Leben und Trachten war für ihn der Erkenntnis der Wahrheit gewidmet. Damit war die Wahrheit als ein endliches, erfahrbares Gut definiert. Was geschieht aber mit dem philosophischen Denker, wenn er die Wahrheit erkundet hat? Dann wäre jegliche weitere Suche unmöglich, ja verboten. Wie die Sozialisten des frühen 20. Jahrhundert, die mit dem Erreichen des utopischen Ziels jegliche weitere Kritik und alternativen Überlegungen hätten verbieten müssen, käme auch die sokratische Philosophie an ein natürliches Ende – den Tod. Ob nun die Wahrheit den Tod impliziert oder ob gar der Tod die Wahrheit selbst ist, sei bei diesem Paradox dahingestellt.

Agnes Callard hat mit diesem Buch nicht nur eine fundierte Analyse der sokratischen Philosophie hingelegt, sondern dabei gleichzeitig tiefgehende philosophische Anregungen für die Gegenwart geäußert. Ohne sich als Aktivistin einer „neuen Philosophie“ aufzuführen, zeigt sie die Verengungen der heutigen, oft – natürlich in bester Absicht! – ideologisch orientierten Philosophie und fordert nicht nur implizit zum Innehalten und Nachlesen bei Sokrates bzw. Platon auf.

Das Buch ist im Verlag C. H. Beck erschienen, umfasst 429 Seiten und kostet 29,90 Euro.

Frank Raudszus

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