Barockmusik introvertiert

Barockmusik hört man heute oft von größeren Orchestern, die Wert auf Strahlkraft und akustische Präsenz Wert legen. Ein Publikum, das von Unterhaltungsmusik flächendeckende Verstärkung gewohnt ist und im E-Bereich von Opern und klassischen Sinfonien verwöhnt ist, goutiert denn auch diese musikalische Präsenz in Barockkonzerten. Doch man darf aus guten Gründen annehmen, dass die Aufführungspraxis im Barock selbst eher zu leiseren Tönen neigte. Einerseits kannte man natürlich die heutigen Verstärkungen nicht, und andererseits ging es in der außerkirchlichen Musik nicht um Huldigung und Anbetung, sondern um Unterhaltung. Das höfische Publikum, das die Musiker nur als Dienstboten betrachtete, wollte zur Musik essen und Trinken sowie Unterhaltungen pflegen, und da hätte laute Musik nur gestört. Man denke nur an die Mahnung des österreichischen Kaisers an Mozart „Nicht so viele Töne!“.

Das Ensemble „Arte dei Suonatori“

In Darmstadt trat im Rahmen des Barockfestivals das polnische Ensemble „Arte dei Suonatori“ mit vier Werken der Barockmusik auf, in denen die eine oder andere Beziehung zu Polen versteckt sind. So trägt das „Concerto polonais“ in G-Dur von Georg Philip Telemann den Namen unserer östlichen Nachbarn im Titel, während der Komponist Johann Gottlieb Janitsch, von dem das Cembalo-Konzert F-Dur erklang, in Schlesien, dem heutigen Polen, geboren wurde. Johann Gottlieb Graun und Johann Sebastian Bach hatten dagegen keine nachweisbaren Verbindungen zu Polen, rundeten aber das Programm standesgemäß ab.

Das Orchester trat in einer kammermusikalischen Besetzung mit je drei ersten und drei zweiten Violinen links und rechts vom mittigen Cembalo auf. Für die wärmeren Töne sorgten ein Cello und dahinter eine Bratsche, und ein Kontrabass vervollständigte das instrumentale Angebot. Weder Blasinstrumente noch Schlagwerke wetteiferten mit dem reinen Streicherklang, was man durchaus als bewusste Entscheidung für eine historische Aufführungspraxis sehen kann.

Es begann mit Bachs viel gespielter Orchestersuite Nr. 3 in D-Dur. Die Interpretation war eher zurückgenommen, aber dennoch intensiv. Statt orchestralem Glanz standen die markanten Melodielinien im Vordergrund, und besonders die „Aria“ des zweiten Satzes wirkte geradezu entrückt, während der dritte Satz durch Ausdrucksstärke auffiel. Beim vierten Satz beeindruckte die trotz hohem Tempo durchgehaltene Präzision.

Johann Gottlieb Grauns Konzert für Viola da Gamba – A-Dur brachte ein barockes Instrument auf die Bühne, das lange ausgestorben schien. Doch der renommierte Solist Krzysztof Firhus entlockte dieser Viola besonders warme und variantenreiche Töne. Den ersten Satz prägte ein ausgedehntes Solo, das die Stärken von Instrument und Solist deutlich zum Tragen brachte, der zweite verlor sich fast in einer typisch barocken Introvertiertheit, während im dritten noch einmal die Virtuosität des Solisten im Vordergrund stand.

Bei Telemanns „Concerto polonais“ stand die emotionale Wirkung der Melodielinien im Vordergrund, und man konnte sich dieses Stück gut als huldigende Unterhaltungsmusik für das höfische Publikum der Auftraggeber vorstellen. Am Schluss erklang dann Johann Gottlieb Janitschs Cembalokonzert in F-Dur, das jetzt auch dem Instrument des Dirigenten Marcin Swiatkiewicz eine Bühne bot. Das Cembalo leidet als Begleitinstrument an seiner mangelnden akustischen Präsenz, doch im Solokonzert ließ ihm das Ensemble ausreichend musikalischen Raum zur Entfaltung. Hier beeindruckte vor allem das Solo im Adagio des zweiten Satzes.

Der kräftige Beifall des leider das Kleine Haus nicht füllenden Publikums führte dann noch zu zwei Zugaben: ein Satz aus einer Sinfonie von Janitsch und ein kurzes Solostück, das der Solist leider nicht explizit ankündigte.

Dieser Barockabend vermittelte dem Publikum einen guten Eindruck von Interpretation und Intonation typischer Barockmusik in Zeiten vor Haydn und Mozart, als die Musiker noch nicht als selbständig und selbstbewusst auftretende Künstler vor einem großbürgerlichen Publikums agierten. Die zurückgenommene Intonation hatte den Vorteil hoher Transparenz und ruhiger, ausgeglichener Intonation.

Frank Raudszus

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar