Der kleine Roman „Transkription“ – eigentlich ist es eine Erzählung – des jungen amerikanischen Autors Ben Lerner hat es in sich! Auf nur 160 Seiten entfaltet der Autor ein Beziehungsgeflecht um den 90-jährigen Thomas, einen Wissenschaftler und Filmemacher an der Universität in Providence, das uns in die verschiedenen Lebenswelten der alten und der jungen Generation führt. Dabei versteht es Lerner, uns den Wandel der Wissens- und Themenkomplexe vorzuführen, die den Dialog zwischen den Generationen schwierig macht.
Der Ich-Erzähler, ein jetzt 45-jähriger ehemaliger Student und dann vertrautester Mitarbeiter von Thomas – seinen Namen erfahren wir nicht – erzählt in einem ersten Teil von seinem skurrilen Besuch bei dem 90-Jährigen. Er fliegt von Omaha/Nebraska an die Ostküste, um ein Interview für eine Zeitschrift mit Thomas zu führen. Er erwartet so etwas wie einen Rückblick auf dessen Leben und vielleicht noch ein paar Lebensweisheiten, die es lohnt weiterzugeben. Offenbar wartet die Fachwelt auf so einen Beitrag.
Allerdings kommt es ganz anders: Der Interviewer hat sein Handy zerstört, kann sich nicht rechtzeitig ein neues besorgen und geht nun ohne Aufzeichnungsgerät zu Thomas. Er will das aber nicht zugeben, vielmehr diese erste Begegnung als Vorgespräch deklarieren, das eigentliche Interview dann erst am nächsten Tag führen. Es zeigt sich jedoch, dass eine klare Abmachung mit Thomas nicht mehr möglich ist, auch das Chaos in der Wohnung ist ein Hinweis auf beginnende Verwirrtheit. Dennoch übernimmt Thomas das Gespräch, er ist derjenige, der Fragen stellt, der kleine Hinweise des Jüngeren als Anlass nimmt, seine unterschiedlichsten Theorien und Überlegungen vorzutragen, ohne dass es einen Gesprächszusammenhang gibt. So deutet er einen Traum des Ich-Erzählers um, nicht ohne grundsätzliche Kritik an Freud. Träume seien nicht nur Verarbeitung eigener Erlebnisse, vielmehr könnten Träumer auch als Medium von anderen benutzt werden, wenn sie selber nicht träumen könnten. Thomas nennt das soziale Träume. Eine völlig verrückte oder esoterische Theorie!
Dennoch hat er bei allem mentalen Chaos noch glasklare Erinnerungen an einzelne Situationen, die der Jüngere vergessen hat. Gleichzeitig springt er ständig zwischen Realität und Imagination hin und her, so verwechselt er den vor ihm Sitzenden immer wieder mit seinem Sohn Max, einem Studienfreund des Erzählers.
Der Erzähler steht unter doppeltem Druck: Thomas besteht darauf, dass dieses Gespräch aufgezeichnet wird, der Erzähler stellt sein Handy zum Schein auf Aufnahme, ohne sich sicher zu sein, dass Thomas ihn nicht doch durchschaut.
Gleichzeitig ist er in Sorge um seine 10-jährige Tochter, die eine latente Schulverweigerin ist. Ohne Handy ist die ritualisierte Kommunikation mit dem Kind schwierig.
Lerner gelingt es, schon im ersten Teil seiner Erzählung in höchst verdichteter Form einige der uns bedrängenden Probleme anzuschneiden: Die Abhängigkeit vom Smartphone und die Auswirkung der Medien auf uns und insbesondere auf die Kinder; die Probleme von Elternschaft in einer Zeit, in der Kinder schon früh über die Medien mit den Bedrohungen unserer Welt konfrontiert werden; und insbesondere die Subjektivität von Erinnerung: Wer behält was und wer vergisst was? Lässt sich eine Wahrheit aus der Erinnerung überhaupt rekonstruieren, oder ist sie nicht die größte Lügnerin?
Thomas ist es, der aus seiner ganz analogen Welt völlig andere Maßstäbe anlegt und offenbar immer noch davon besessen ist, das weitergeben zu müssen. Für ihn ist schon eine Stimme ohne Körper, also deren Übermittlung über das Telefon, ein Problem. Stimme und Körper gehören für ihn zusammen.
Besonders kritisch spricht er über seinen Sohn Max, dessen Tochter magersüchtig ist, für Thomas eindeutig auf Fehler der Eltern zurückzuführen: Kinder, die nur noch mit dem Kopf nach unten auf ihr Tablet schauten, könnten die Welt und deren feinste Regungen gar nicht mehr wahrnehmen.
Metaphorisch für die feinsten Gewebe des Denkens und des künstlerischen Schaffens – er ist auch ein bedeutender Filmemacher gewesen! – sind für ihn die fragilen Glasskulpturen eines Dresdner Vater-Sohn-Unternehmens.
Er selbst verdrängt seinen Sohn aus seiner Erinnerung, während er sich an Situationen mit dem Ich-Erzähler sehr genau erinnert, die dieser wiederum vergessen hat,
Der 45-jährige Ich-Erzähler wird in dieser verkorksten Interview-Situation wieder zum kleinen Studenten, der an den Lippen des verehrten Professors hängt.
Es wird kein weiteres Interview geben, die „Transkription“ des nicht aufgenommenen Gesprächs wird das letzte Dokument zu Thomas sein.
Anlässlich einer Erinnerungsfeier für Thomas in Spanien hält der Ich-Erzähler eine Rede zu diesem letzten Gespräch, macht dabei jedoch den Fehler zu gestehen, dass er das Gespräch gar nicht aufgenommen hat. Das erbost viele Verehrer von Thomas, insbesondere aber dessen Sohn Max.
So kommt es in einem letzten Teil zu einer Begegnung zwischen den beiden ehemaligen Freunden.
Nun ist es Max, der über seine Beziehung zu seinem Vater spricht, er ist diesmal der Ich-Erzähler. Offenbar hat der andere sich ein richtiges Gespräch vorgestellt, aber alle seine Versuche, auch etwas beizutragen, sind für Max nur ein Anlass, seine Erzählung fortzuführen. Er ist ebenfalls in großer Not wegen der Magersucht seiner 10-jährigen Tochter. Sehr eindringlich wird die Verzweiflung der Eltern geschildert angesichts der Hilflosigkeit von Wissenschaftlern und Ärzten.
Seinem Vater macht Thomas den Vorwurf, dass er jedes Problem als Anlass nimmt, entweder einen Vortrag zu halten oder aber ein Problem zu poetisieren. Einfühlsamkeit scheint Thomas unbekannt zu sein, er ist ein narzisstischer Selbstdarsteller, bewundert von Außenstehenden, vom eigenen Sohn mit kritischer Distanz gesehen.
Gleichzeitig wird sein ambivalentes Verhältnis zum Vater deutlich: Einerseits fühlt er sich als der emotional vernachlässigte Sohn, den Thomas nach dem Selbstmord der Mutter auf ein Internat gegeben hat, andererseits bewundert er das große Wissen und die Schaffenskraft seines Vaters. Aber reden können die beiden nicht miteinander. Nur als der Vater, schwer an Covid erkrankt, nicht bei Bewusstsein ist, kann Max ihm eine Liebeserklärung machen, sie jedoch nicht wiederholen, als der Vater gesundet ist. Für ihn bleibt die Ungewissheit, ob der Vater vielleicht doch etwas mitbekommen hat und nur sein Spiel mit ihm treibt.
Verrückt ist die Umkehrung der Situation aus dem ersten Teil: Max nimmt sein letztes Gespräch mit dem Vater über Sterbehilfe heimlich auf, allerdings ohne sich sicher zu sein, ob der Vater das nicht doch durchschaut.
„Transkription“ zeigt sich auch im übertragenen Sinne als Ursache misslingender Kommunikation: Die Gesprächsteilnehmer lassen einen Dialog nicht zu, immer ist es einer, der das Gespräch an sich reißt und Ereignisse und Erinnerungen in höchst subjektiver Weise „transkribiert“ und für sich die Deutungshoheit einfordert. Austausch ist so nicht möglich, Abwägen und Ausdiskutieren unterschiedlicher Standpunkte werden geradezu verhindert.
Der Zuhörer wird zur bloßen Kulisse, hier ist er das Medium, über das ein grundlegender Vater-Sohn-Konflikt ausgetragen wird, denn miteinander können Vater und Sohn nicht reden.
Es wäre verkürzt, dies nur als Folge unserer verkürzten digitalen Kommunikation zu sehen, ist doch Thomas noch ganz in der analogen Welt verwurzelt.
„Transkription“ ist von einer erzählerischen Dichte, dass man die Erzählung gleich ein zweites Mal lesen sollte, um alle Feinheiten zu erfassen. Besonders eindringlich ist das Bild des alten umfassend gebildeten Menschen, den seine geistigen Kräfte zunehmend verlassen, der aber dennoch aus dem Fundus seines Wissens schöpfen kann. Ganz klar ist sein Wunsch nach würdevollem, selbstbestimmtem Sterben. Wird er Sohn ihn dabei begleiten? So ist „Transkription“ auch ein Roman über die Verantwortung zwischen den Generationen: Die jungen Menschen erwarten Unterstützung von den erfahrenen Älteren, nicht Belehrung. Die Alten erwarten Begleitung und Unterstützung in der letzten Lebensphase. Sind wir alle dazu noch bereit?
Lesen Sie das Buch unbedingt! Zweimal!
Ben Lerner, Transkription, aus dem Amerikanischen übersetzt von Nikolaus Stingl. Suhrkamp Verlag 2026, 160 Seiten, 24 Euro.
Elke Trost

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