Es muss nicht immer die Fünfte sein….

Das 8. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt stand ganz im Bann des frühen 20. Jahrhunderts mit seinem spätromantischen Glanz und dem Aufbruch zu neuen musikalischen Ufern. GMD Daniel Cohen hatte das Programm sehr weit gespannt mit so unterschiedlichen Komponisten wie Olivier Messiaen, Alban Berg und Gustav Mahler. Nur der Einordnung halber: Messiaen als der jüngste (1908-1992) stand im Programm am Anfang und Gustav Mahler als der Älteste (1860-1911) beschloss den Abend. Immerhin liegt zwischen diesen beiden Komponisten ein halbes Jahrhundert, und dennoch bemerkt man das der Musik dieser Epoche nicht so stark an, wie man angesichts der gesellschaftlichen Umwälzungen denken würde.

Die Sopranistin Siobhan Stagg

Messiaens Stück „Les Offrandes Oubliées“ – „Die vergessenen Opfergaben“ – aus dem Jahr 1930 ist von starker Spiritualität geprägt, was man angesichts der Erfahrungen des Ersten Weltkrieges nachvollziehen kann. Es besteht aus den drei metaphorisch anmutenden Sätzen „Das Kreuz“, „Die Sünde“ und „Die Eucharistie“, wobei man letztes mit Gnade gleichsetzen kann. Damit sind die Eckpfeiler des christlichen und speziell des katholischen Glaubens gesetzt. Der erste Satz beginnt mit einem geradezu betörenden, lang gezogenen Thema der Streicher und Holzbläser, das die Leiden des Kreuzweges jenseits kurzfristigen menschlichen Schmerzempfindens zum Ausdruck bringt. Denn gemäß den katholischen Dogmen hat Jesus diesen Weg der Demütigung in tiefer Demut hinter sich gebracht. Geradezu „attacca“ schließt sich die musikalische Darstellung der Sünde an. Hörner-Staccati, grelle Streicher-Passagen und Paukenschläge wechseln sich in harten Bewegungen ab und stehen für die Sünden des Mängelwesens Mensch. Diese Spannungen lösen sich dann in der als Erlösung fungierenden „Eucharistie“ ab und weichen einem Ausdruck entfernter Seligkeit und einer Versenkung in die Gnade. Messiaen hat diese drei Seelenzustände mit einer vielschichtigen und ausdrucksstarken Instrumentierung vertont, vermeidet damit jeglichen Anflug religiösen Kitsches und erreicht gleichzeitig eine hohe, fast schon puristische Intensität, die dem Gegenstand seiner Komposition mehr als angemessen ist. Daniel Cohen führte das Orchester mit viel Umsicht und Gespür für die spirituelle Kraft dieser Musik. Dabei gelang ihm zusammen mit dem Orchester die Gratwanderung auf der schmalen Höhe zwischen holzschnittartigen Klischees und sentimentaler Herz-Jesu-Liebe bis in den leisesten Streicher-Ausklang mehr als überzeugend.

Alban Bergs „Sieben frühe Lieder“ nach Gedichten von Nikolaus Lenau, Theodor Storm, Rainer Maria Rilke und anderen Dichtern der Spätromantik stehen noch weitgehend in der tonalen Tradition, lassen aber schon Anzeichen neuer Tonsysteme erahnen. Die musikalische Interpretation dieser oftmals weltfernen oder resignativ hoffenden Gedichte schillert zwischen Verlustempfinden, Sehnsucht und Einsamkeit. Man kann sich vorstellen, was sensible Künstlerseelen anhand der alle Gewissheiten umstürzenden Industrialisierung und der daraus folgenden sozialen Umbrüche empfanden. Die Sopranistin Siobhan Stagg präsentierte diese sieben Lieder zur orchestralen Begleitung mit starkem Ausdruck, ohne deswegen die Stimme zu überfordern. Intensiv aber volltönend warm brachte sie die Verlorenheit und die Trauer über Verlorenes in diesen Liedern überzeugend zum Ausdruck. Um vorschnelles Klatschen zu vermeiden, hielt Daniel Cohen die Spannung noch für lange Sekunden nach dem letzten, leise verklingenden Ton, was das Publikum glücklicherweise auch respektierte.

Bergs Liedersammlung war von Gustav Mahlers Liedern inspiriert und wirkte damit als Übergang zu dessen vierter Sinfonie in G-Dur, die nach der Pause erklang. Der erste Satz beginnt mit einem eingängigen Liedthema, das in seiner tänzerischen Umsetzung zeitweise sogar ein wenig an Johann Strauss erinnert, dann in der weiten Ausdehnung der Motivbögen und der erzählenden Art wieder an Beethovens sechste Sinfonie. Eine absteigende Figur wandert durch alle Instrumentengruppen, wobei sich die Klangfarben ändern und je nach Instrument auch changieren. Einer fanfarenartigen Passage folgt ein aufrührerisches Crescendo, und dann fällt der Satz wieder ins Tänzerische. Über die gesamte Dauer dieses ausgedehnten Satzes entsteht eine fast heitere Grundstimmung, die man als die Feier des Lebens deuten könnte.

Im zweiten Satz, im Tempo vergleichbar mit dem ersten, überwiegen seltsame musikalische Figuren, die eine verzauberte Stimmung aufbauen. Die Themen scheinen sich in der Weite der Klangräume zu verlieren und spiegeln damit eine grundsätzliche Orientierungslosigkeit wider, wie sie typisch war für das frühe 20. Jahrhundert. Vielleicht wollte GMD Cohen mit dieser Wahl auch an die vergleichbare heutige Situation erinnern, die ebenfalls sämtliche vermeintliche Sicherheiten in Frage stellt. Dieser zweite Satz wirkt wie eine Folge von Fragen ohne Antworten.

Der dritte Satz mit der Tempobezeichnung „Ruhevoll“ und der Nebenangabe „Adagio“ erinnert in seiner weihevollen Art zeitweise an das „Siegfried-Idyll“ des von Mahler bewunderten Richard Wagner, dann wieder scheinen Vogelstimmen durch das Orchester zu wandern. Ein nahtloser Übergang in den vierten Satz führt auch ins Dramatische, und schließlich folgt noch das Lied „Der Himmel hängt voll Geigen“ aus Mahlers Liederzyklus „Des Knaben Wunderhorn“. Siobhan Stagg interpretierte dieses Lied zur Begleitung des Orchesters und schloss damit in gewisser Weise den Kreis zu Alban Bergs „Sieben frühen Liedern“. Das Selbstzitat war in diesem Konzert ein wichtiges Bindeglied und sorgte damit für eine ausgeprägte musikalische Geschlossenheit.

Das Orchester zeigte unter der Leitung von Daniel Cohen eine besondere Feinfühligkeit für den Klangreichtum und die musikalische Weite dieser Mahlersinfonie. Man konnte sich in den vielfältigen Motivlandschaften und der darin aufgebauten Stimmung verlieren, was ja auch das grundlegende Prinzip der spätromantischen Sinfonie ist, vor allem bei Mahler. Für das Erwachen aus dieser Mahler´schen Welt benötigte man nach den letzten Klängen einige Minuten Zeit. Daniel Cohen wusste auch das und hielt deshalb auch hier die Spannung noch für lange Sekunden, um den Eindruck langsam in die Erinnerung absinken zu lassen und nicht gleich dem Beifall zu opfern.

Dieser kam dann nicht nur kräftig sondern geradezu begeistert, und sowohl Daniel Cohen wie auch Siobhan Stagg mussten beide noch einige Male aus dem „Off“ zurückkehren und die Ovationen des Publikums zusammen mit dem Orchester entgegennehmen.

Frank Raudszus

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