Guiseppe Verdis späte „Falstaff“-Oper beruht auf Shakespeares „Die lustigen Weiber von Windsor“ und behandelt auf burleske Weise das uralte Thema des so größenwahnsinnigen wie übergriffigen „alten weißen Mannes“. Sir John Falstaff, als Figur aus einem anderen Stück übernommen, zieht seine Mitmenschen gnadenlos über den Tisch, frei nach der Devise: „nur der Erfolg zählt“. Als er zwei stadtbekannte schöne – und verheiratete! – Frauen per Brief zu einem Stelldichein einlädt, tut er dies,um über diese Liebschaften an Geld zu kommen. Dass sie ihn abweisen könnten, kommt ihm nicht in den Sinn. Doch die beiden „lustigen Weiber von Windsor“ stellen ihm eine Falle mit dem Ziel größtmöglicher Demütigung. Dass ohne ihr Wissen der zu hörnende Ehemann ebenfalls Maßnahmen plant, führt zu der für eine komische Oper wichtigen Verwirrung bis hin zum Chaos und schließlich doch noch zum geplanten Ende.
Am Staatstheater Mainz hat Verena Stoiber diesen Stoff radikal aktualisiert, wobei bereits Bühnenbild und Kostüme deutliche Zeichen setzen. Die Bühne wird zum Büro des dubiosen Finanzhais Falstaff, und hinter ihm breitet sich über die gesamte Bühnenrückwand per Video die Silhouette einer Finanzmetropole mit deutlichen Anklängen an New York aus.
Sir John Falstaff (Derrick Ballard) trägt einen blauen Anzug und eine knallgelbe – nicht rote! – Krawatte. Diese scheinbar nebensächliche Äußerlichkeit sowie seine großspurige und geradezu kränkende Art wecken gleich zu Beginn die offensichtlich gewollten Assoziationen. Um Missverständnissen vorzubeugen, verteilt Falstaff auch noch knallgelbe Basecaps mit Beschriftung an seine Mitarbeiter. Ohne irgendwelche textlichen Zutaten ist der aktuelle Rahmen damit geklärt. Und auch das Orchester stimmt in diesen Reigen ein, und beginnt den ersten Akt – eine Ouvertüre gibt es sowieso nicht – gleich mit geradezu aggressiven Klangattacken, die der selbstherrlichen Art des Sir Donald Falstaff den entsprechenden musikalischen Rahmen verleihen.
Die Kostüme auch der anderen Figuren verweisen ebenfalls auf die Jetztzeit, wobei die beiden umworbenen Frauen in Businesskostümen auftreten. Alice Fords Ehemann (Brett Carter) erinnert ein wenig an einen New Yorker Banker, der nach seinem Siuzid im Gefängnis immer noch die öffentliche Diskussion bewegt, und man darf annehmen, dass diese – wohlgemerkt: entfernte! – Ähnlichkeit nicht zufällig ist.
Von der ersten Szene an verfolgt der Zuschauer die Handlung mit diesen Assoziationen im Kopf, und so passen dann auch Shakespeare und Verdi wieder genau in unsere Zeit. Da wirkt dann die parallele Liebesgeschichte zwischen Fenton (Myungin Lee) und Nannetta (Julietta Aleksanyan) eher wie eine ferne Reminiszenz an Mozart-Opern.
Im Mittelpunkt der Handlung stehen – neben Falstaff – die umworbenen Frauen Alice Ford (Nadja Stefanoff) und Meg Page (Alexandra Uchlin). Wenn sie ihre Pirsch auf das Beutetier Falstaff eröffnen, kleiden sie sich in identische Kostüme, um den selbstherrlichen Pseudo-Charmeur zu überlisten. Gemeinsam treiben sie den Karren der Handlung entschlossen weiter und überstehen sogar den plötzlichen Einbruch von Alices Mann samt Schlägerbande, wobei sie den bereits hosenlosen Falstaff in der Wäschekiste verstecken – eine erste Demütigung. Die beiden haben das Heft mit der Unterstützung von Mrs. Quickley (Abongile Fumba) fest in der Hand und setzen alle weibliche List ein, um Falstaff eine bleibende Lektion zu erteilen.
Verdis Musik zu dieser Oper ist von ganz anderer Art als in seinen tragischen Opern. Keine lang gezogenen, schmelzenden Melodielinien, kaum klassische Arien, in denen die Figuren ihre Emotionen ausleben können, dafür aber schroffe Klänge und harte Rhythmen, die den kompromisslosen Kampf um die Überhöhung des eigenen Egos und dessen Demütigung durch die Widersacher widerspiegeln. Das Orchester unter der Leitung von Gabriel Venzago intoniert diese Musik kompromisslos und mit einer Schärfe, die mehr als nur ein musikalischer Kommentar zu der Handlung ist. Über lange Strecken dominiert das Orchester diese Inszenierung, ohne jedoch dem sängerischen Ensemble deswegen den Raum zu nehmen. Die Tatsache, dass hier weder komplizierte Dialoge noch vielschichtige Emotionen eine große Rolle spielen, erlaubt es dem Orchester, die Handlung musikalisch voranzutreiben und auf diesem Wege Psychogramme der handelnden Personen zu liefern. Wenn man so will, liefert das Orchester die Texte – und das ganz ohne Worte.
Das Ensemble geht dabei sowohl sängerisch als auch darstellerisch in die Vollen. Da beide Parteien um alles spielen, entwickelt sich ein Kampf auf Biegen und Brechen, der nur wegen der heillosen Verwirrung zwischendurch komische – aber nicht humoristische! – Züge annimmt. Auch die „lustigen Weiber“ wissen, dass ihr Ruf auf dem Spiel steht, sollte Falstaff in irgendeiner Weise sein Ziel erreichen, und Nadja Stefanoff, Alexandra Uchlin und Abongile Fumba agieren hier als umgedrehte „drei Damen“, die den „King“ nach allen Regeln der Kunst vorführen, statt ihn vor der Schlange zu retten. Dieser wiederum geht notfalls mit dem Kopf durch die Wand, wenn sich die Dinge nicht so fügen wie beabsichtigt, und im schlimmsten Fall leugnet er schlicht alle bösen Absichten und stellt eine Niederlage noch als erfolgreichen „Deal“ dar. Diese aus gegebenen Anlässen leider nur zu bekannte Situation spielt das Ensemble mit viel Sinn für das Groteske konsequent aus, wobei der gesungene Dialog die großen Arien ersetzt. Derrick Ballard muss dabei neben seiner Hauptrolle – Falstaff – stets nebenbei dessen assoziiertes Double aus der Jetztzeit spielen, was ihm überzeugend gelingt.
Tempo ist das zentrale Kriterium dieser Inszenierung, sowohl für die sängerische als auch für die orchestrale Seite. Insofern passt dazu auch der Wettstreit zwischen Orchester und Gesangsensemble. Die Inszenierung präsentiert den Kampf aller gegen alle – oder aller gegen einen – und den damit verbundenen Verzicht auf feinere Emotionen oder gar Argumente schnörkellos und lässt hinter der scheinbar komödiantischen Fassade eine bitterernste Situation sichtbar werden, die leider nicht mit wohligem Schauder einer vergangenen Zeit zuzurechnen ist, sondern leider unmittelbar unsere Gegenwart widerspiegelt.
Frank Raudszus



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