Der Titel dieses Buches erscheint angesichts des in weiten Kreisen vorherrschenden Moralismus einleuchtend und auf eine eher faktengebundene Diskussion aktueller gesellschaftlicher Probleme zu dringen. Doch die Lektüre zeigt schnell, dass er wörtlicher gemeint ist als vom Leser angenommen. Die Autorin ist „neuropolitische“ Philosophin, was bedeutet, dass sie ihr philosophisches Gedankengebäude aus den Erkenntnissen der Gehirnforschung errichtet. Das klingt in gewisser Weise einleuchtend, und man wartet gespannt auf neue Erkenntnisse und entsprechende Verfahrensvorschläge.
Laut Liya Yu hat die Gehirnforschung festgestellt, dass bestimmte menschliche Reaktionen – u.a. Rassismus – eindeutigen Gehirnbereichen zuzuordnen sind. Dazu hat man z. B.. Testpersonen rassistisch konnotierte Bilder vorgelegt und dabei die Gehirnaktivitäten gemessen. Dabei hat man u.a. festgestellt, dass „konservative Gehirne“ an diesen Stellen weniger Masse aufweisen als „linksliberale Gehirne“, also den gesellschaftlichen Einstellungen der Testpersonen biologische Fakten unterlegt. Abgesehen davon, dass nur der Besitzer des Gehirns konservativ oder linksliberal sein kann, nicht aber dies selbst als biologische Materie, stellt sich die Frage nach der Validität dieser Erkenntnisse. Wie hat man die Masse (bei lebenden Testpersonen) des Gehirnbereichs festgestellt? Wie hat man die politische Einstellung der Testpersonen verifiziert (konservativ/linksliberal), wie viele Personen wurden getestet? Diese Angaben fehlen, und damit wird eine Evidenz ohne Belege suggeriert.
Ein weiteres Beispiel für ungenügend durchdachte Überlegungen besteht darin, dass die Autorin die biologische Verortung des Rassismus in einem dedizierten Bereich des Gehirns auf die Evolution zurückführt, die schlechte Erfahrungen mit Menschen anderer Hautfarbe in den Synapsen verankert hat. Doch man fragt sich, wo Mitteleuropäer – und das sind die Subjekte des Rassismus! – in prähistorischer Zeit auf solche Menschen gestoßen sein sollen. Da liegt die soziale Gründung des Rassismus – etwa im 20.Jahrhundert – viel näher.
Diese Schwächen könnte man als Leser noch auf die Neuigkeit und Unausgereiftheit des Forschungsgebiets zurückführen, doch wenn schon einmal gewisse Denkweisen und Vorurteile auf bestimmte Regionen und Eigenschaften des Gehirns zurückgeführt und damit sozusagen determiniert werden, dann hätte man gerne mehr über die Konsequenzen und möglichen Maßnahmen gelesen, seien sie auch auf den ersten Blick schockierend – „Chip im Gehirn“. Doch damit kann Laya Yu nicht dienen. Sie geht zwar die ganze Palette gegenwärtiger Denkrichtungen wie (Rechts-)Extremismus, Rassismus und andere Verdächtige durch, bleibt dann aber den Appellen an Menschlichkeit und Empathie treu, wie wir sie von der Soziologie, der Philosophie und der Geisteswissenschaften gewohnt sind. Dass unsere – guten und schlechten – Lebenseinstellungen im Kopf und nicht im rechten Fuß stattfinden, war den Lesern schon vorher klar, und dass unser Denken (hoffentlich) etwas mit dem Gehirn zu tun hat, ebenfalls. Doch wenn wir nun von einer Neuropolitikerin – was immer das ist – erfahren, dass diese Denkvorgänge an einem bestimmten Ort ablaufen, dann hätten wir auch gerne zumindest etwas darüber gelesen, wie man diese Erkenntnisse zur Dämpfung oder Beseitigung extremer Gedanken nutzen kann. Die können wir durchaus als schockierend und inakzeptabel empfinden, aber es wären zumindest Schlüsse aus den Erkenntnissen.
Doch Liya Yu wählt nur einige neue Begriffe, mit denen sie alten Wein in neue Schläuche füllt. So bezeichnet sie die Empathie, das Hineinversetzen in andere Menschen (AfD-Wähler!), als „Mentalisierung“ und Anerkennung bzw. Herabsetzung Andersdenkender als „Humanisierung“ bzw. „Dehumanisierung“. Der Text bewegt sich dann jedoch in den herkömmlichen Bahnen. Um Missverständnisse zu vermeiden: Mit all ihren Appellen und Ratschlägen liegt Liya Yu durchgängig auf der Ebene einer vernünftigen, die Gesellschaft als Gemeinschaft denkender Menschen begreifenden Denkweise. Sie betont die Notwendigkeit, den Extremismus nicht nur zu verstehen, sondern auch entschieden zu bekämpfen, und betrachtet auch den ideologischen Moralismus der Linken als fragwürdig. Aber all das haben wir schon in vielen aktuellen Büchern gelesen, dort aber eng an klassische Studien zu Verhaltensweisen und gesellschaftlichen Hintergründen gebunden, etwa bei Steffen Maus „Triggerpunkte„.
Die meisten Autoren gesellschaftskritischer Untersuchungen bemühen sich um die Aufdeckung sozialer und politischer Strukturen als Grund für die Verhältnisse und und zeigen damit auch Wege der Verbesserung auf. Liya Yu jedoch bewegt sich nach den anfänglichen Ausführungen über das Gehirn in den Bahnen politischer Sonntagsredner, die querbeet mehr Toleranz und Gesprächsbereitschaft anmahnen. So grast sie alle aktuellen Problemthemen ab und bedient jeden mit gutgemeinten Appellen für ein menschenfreundlicheres Denken und Handeln, nicht, ohne von Zeit zu Zeit Hinweise auf die Arbeitsweise des Gehirns einzustreuen. Als Leser fragt man sich schließlich, ob man nun seinem präfontalen Cortex zurufen soll, den für Rassismus zuständigen Bereich zu verstärken, wobei man sich nicht darüber im Klaren ist, ob dieses „subersive“ Denken nicht gerade eben dort stattfindet.
Man klappt das Buch ratlos zu, und alle Fragen bleiben offen, obwohl die Autorin so schön an die guten Seiten der Leser appelliert hat.
Das Buch ist im Econ-Verlag erschienen, umfasst 219 Seiten und kostet 23,99 Euro.
Frank Raudszus

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