Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse nennt seine Erzählung „Die Lebensentscheidung“ eine Novelle. Es handelt sich demnach um eine Erzählung mittlerer Länge mit einsträngiger Handlung, die wesentlich durch eine dialogische Struktur gekennzeichnet ist. Der Ausgang der Handlung bleibt meist offen, hier sind dann die Leserinnen und Leser gefordert, sich einen Reim zu machen.
Wie schon in seinem Roman „Die Hauptstadt“ ist auch in dieser Novelle die kritische Sicht auf die EU ein zentrales Thema, das die Handlung bestimmt. Um dieses politische Thema herum entfaltet Menasse mit seiner Hauptfigur Fragen, die sich um Alter, um Krankheit, Verfall und Tod drehen. Es beginnt mit der Frage, wie man sein Leben nach dem Ende der Berufstätigkeit sinnvoll gestalten kann, welche neuen Lebensentwürfe noch möglich sind.
Hauptfigur in Menasses Novelle ist der 58-jährige Franz Fiala, Österreicher, promovierter Jurist, ledig, tätig in Brüssel bei der Generaldirektion Umwelt der EU, befasst mit Naturkapital und Ökosystemgesundheit. Was sich für den jungen Franz als großes Karriereversprechen anhörte, entpuppt sich mit den Jahren als frustrierende Erfahrung. Immer wieder werden groß angelegte Projekte aus Rücksicht auf nationale Interessen auf Eis gelegt, man hat also für den Papierkorb gearbeitet. Deshalb trifft Franz die Lebensentscheidung, zum frühestmöglichen Zeitpunkt, d.h. mit 58, in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen.
Sein Leben ist bisher mit gut gesicherter Alltagsroutine eingerichtet mit angenehmer Wohnung in Brüssel, einer Gefährtin, mit der ihn eine durchaus innige Beziehung verbindet, ohne dass man zusammenlebt oder besondere Verpflichtungen eingeht. Alle paar Wochen fliegt er nach Wien, um seine 89-jährige Mutter zu besuchen. Deshalb unterhält er in Wien noch ein kleines Ein-Raum-Appartement.
Wie aber soll es mit diesen Routinen im Ruhestand weitergehen? In Brüssel hat er nichts mehr zu tun, aber von der Freundin will er sich nicht trennen. Deshalb seine Idee, sie zu heiraten und zu ihr zu ziehen. Die Freundin hat jedoch ihren eigenen Alltag als unabhängige Frau und kann auf diesen Vorschlag zunächst gar nicht eingehen.
Wieder ganz nach Wien überzusiedeln ist für Franz auch keine Alternative. Was Familie bedeutet, erlebt er am 89. Geburtstag seiner Mutter als eher abschreckende Erfahrung.
In diese für Franz völlig offene Lebenssituation kommt eine Diagnose, die alle seine Pläne auf den Kopf stellt: Bauchspeicheldrüsenkarzinom, keine Heilungschancen, nur unter Umständen Verlängerung der kurzen Lebenserwartung. Franz reagiert darauf mit einer zweiten Lebensentscheidung: Er entscheidet sich für das Leben. Er will und muss so lange durchhalten, dass er nicht vor seiner Mutter stirbt. Das will er ihr nicht antun. Er glaubt fest daran, dass er das mit Willenskraft schaffen kann. Eine Chemotherapie kommt für ihn nicht in Frage, denn das könnte er vor ihr nicht verheimlichen. Stattdessen entscheidet er sich für eine riskante große Operation.
Nun beginnt ein Versteckspiel vor der Mutter. Krankenhausaufenthalte deklariert er als notwendige Aufenthalte in Brüssel, wo er angeblich eine neue, noch wichtigere Position in der Nähe der Präsidentin angenommen hat. Sein ganzes Bestreben ist, der Mutter Kummer zu ersparen. Da sie ganz offenbar zunehmend schwächer wird, rechnet er damit, dass sie nicht mehr lange zu leben hat und sein Plan aufgeht.
Franz ist sich nicht sicher, ob sie erste Anzeichen von Demenz zeigt. Aber er ist ihr immer noch in großer Liebe zugeneigt, hat nicht vergessen, was sie für ihn getan hat. Ihr ganzes Streben war, dass ihr Sohn aus der kleinbürgerlichen Enge herauskommt. So hat sie dafür gesorgt, dass er auf das beste Gymnasium der Stadt kam, dass er Latein lernte und schließlich studierte und promovierte. Für ihren Sohn hat sie die große Karriere geplant. Für sie selbst ist Literatur das Medium, sich jedenfalls geistig aus der Enge ihrer Lebensverhältnisse herauszudenken. Sie zitiert Schiller, Heine und die Droste, liest viel. Als die Augen das nicht mehr mitmachen, lässt sie sich vorlesen.
Menasse zeigt Franz als einen Menschen ohne große Gefühlsschwankungen. Sachlich und realistisch bewertet er seine neue Lebenssituation, tauscht sich darüber ehrlich nur mit seiner alten, vertrauten Jugendfreundin aus. Für Franz ist der Tod selbst keine Schreckensvorstellung. Nur langes und schmerzhaftes Siechtum, wie er es bei dem Vater erlebt hat, kann er sich nicht vorstellen. Ein schneller, schmerzfreier Tod erscheint ihm während einer kritischen Situation im Flugzeug wie eine Befreiung.
Wir erfahren über die Figuren am meisten aus ihrem Gesprächsverhalten. Die Freundin in Brüssel analysiert die neuen Lebensbedingungen realistisch mit großer Klarheit, ohne Klagen oder Gefühlsausbrüche. Franz seinerseits informiert sie nicht über seine Krankheit, das erscheint ihm nicht mehr nötig.
Die Wiener Freundin berät ihn, lässt sich sogar auf eine Begegnung mit der Mutter ein. Sie analysiert das Verhalten der Mutter mit scharfem Blick. Sie erkennt, dass die Mutter den Sohn durchschaut, ihn aber das wiederum nicht merken lässt.
Der 71-jährige Robert Menasse spielt mit seiner Erzählung damit auch das Generationenthema durch. Franz als Vertreter der jüngeren Generation glaubt seine Mutter genau zu kennen. In seiner Hybris fühlt er sich ihr überlegen, meint für sie planen und denken zu müssen. Er beobachtet ihr natürliches Schwächer-Werden, verkennt aber ihre geistige und seelische Stärke. Sie wiederum ist die altersweise Frau, die ihren Sohn nicht mehr dominiert, aber realistisch sieht und ihr Leben noch durchaus selbst bestimmt. Der Tod scheint für sie kein Thema zu sein, das sie bedroht. Der Tod kommt, wenn er kommen muss, mit 89 kann man das offenbar gelassen sehen.
Das Ende der Erzählung ist überraschend und bietet Anlass für weitere Überlegungen.
Die Novelle ist sehr dicht erzählt und raffiniert strukturiert. Menasse wechselt zwischen dem Handlungsfortschritt und reflexiven Passagen, in denen Franz sein eigenes Leben aus der Rückschau sieht und bewertet. Insgesamt ist er zufrieden, wenn es auch Alternativen gegeben hätte, etwa ein Leben mit Familie und Kindern. Aber er nimmt sein Leben an, wie er es gelebt hat.
Menasse lässt den Leser lange im Unklaren, wie die Geschichte ausgeht. So entsteht eine Spannung, so dass die die Leserin das Buch kaum weglegen kann. Am Ende bleibt die Leserin mit vielen Fragen und Überlegungen zurück, die zur Auseinandersetzung einladen.
Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, wenn man lakonischen Realismus nicht als bedrohlich empfindet, aber vielleicht keine Lektüre für sehr junge Leser und Leserinnen.
Robert Menasse, Die Lebensentscheidung. Suhrkamp Verlag 2026, 158 Seiten, 22 Euro.
Elke Trost

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