Schwerkraft – ein Mythos?

In Träumen fliegt man bisweilen schwerelos durch den Himmel oder gleitet leicht und elegant die schwierigsten Skipisten hinunter, doch am nächsten Morgen zeigt sich dann die physische Realität in erschreckender Deutlichkeit. Doch diese verträumte Schwerelosigkeit kann man mit dem entsprechenden Talent und viel, viel Übung tatsächlich auf die Bühne bringen, so wie es am Staatstheater Darmstadt die australische Akrobaten-Gruppe „Gravity & other Myths“ – man beachte den Namen! – im Rahmen der Reihe „Fokus Neuer Zirkus II“ mit ihrem Programm „Ten Thousand Hours“ tat.

Eine fliegende Akrobatin

Drei junge Frauen und sieben junge Männer zeigten in einer sechzigminütigen Show, was man mit seinem Körper nicht nur allein, sondern vor allem in der Gruppe erreichen kann. Schon vor dem „Startschuss“ zeigte sich das akrobatische Ensemble auf der Bühne mit Aufwärmübungen, die für gymnastische Normalsterbliche bereits akrobatischen Charakter aufwiesen. Dann begann zu den Schlägen eines einsamen Schlagzeugers in der hinteren Bühnenecke, der dem Programmen der Truppe den entsprechenden Rhythmus unterlegte. Es begann – aus der Rückschau gesehen – eher zahm mit Einzelübungen, Hebungen und den üblichen Sprüngen, Salti und Drehungen, die aber bereits die perfekte Körperbeherrschung der Truppe zeigten.

Doch dann steigerte sich das Programm von Minute zu Minute mit immer komplizierteren Gruppenübungen, die scheinbar unweigerlich zum Crash führen mussten – es aber nicht taten. Da flogen und sprangen gleichzeitig mehrere Teilnehmer umeinander und übereinander, wurden wie ein Hüpfseil geschwungen und dienten dabei den anderen als Sprungziel, dass es einem rein den Atem verschlagen wollte. Und die Kreativität der Gruppe nahm kein Ende. Immer neue Konstellationen nach dem Motto „Höher, schneller, weiter“ schlugen das Publikum in ihren Bann. Da bauten sich Menschentürme in Sekundenschnelle bis auf Dreifachgröße auf und bauten sich im wahrsten Sinne des Wortes „fliegend“ wieder ab, wobei man so manches Mal einen fliegenden Menschen schon krachend auf dem Bühnenboden landen sah, was natürlich so nicht passierte. Wenn der Boden erreicht wurde, geschah das immer wieder auf kontrollierte Weise, obwohl der Beginn einer solchen Landung jedes Mal atemberaubend nach einer Katastrophe aussah. Die Gruppe spielte bewusst mit den Elementen des Unvorhersehbaren und der Katastrophe, ohne jedoch auch nur einigen Moment die Kontrolle zu verlieren.

Auch Scherz und Ironie waren mit im Spiel, wenn eine Dame aus dem Publikum Vorgaben machen und Noten für die nach den Vorgaben aufgebauten Gruppenbilder verteilen durfte, oder wenn bewusst mit dem Element des Scheiterns gespielt wurde. Eine Stunde lang Akrobatik auf höchstem Niveau, doch eher im sinne des heutigen Tanztheaters als wie im Zirkus. Hier gab es keinen Clown mit roter Nase und auch keinen Zirkusdirektor mit herrischer Miene, hier füllten nur zehn junge Leute die Bühne mit ihrem Tempo und ihrer unfassbaren Körperbeherrschung, die daran auch noch einen leichten Spaß zu finden schienen. Nach Arbeit sah das nicht aus, sondern – vom Spaßfaktor her gesehen – eher wie ein körperbetontes Spiel von bewegungsfreudigen Kindern, nur dass diese „spielenden Kinder“ Profis auf allerhöchstem Niveau waren.

Begeisterter Beifall im gut gefüllten Kleinen Haus.

Frank Raudszus

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