Sebastian Haffner: „Der Teufelspakt“

Der Autor dieser Zeilen wuchs in den fünfziger Jahren in der Bundesrepublik auf und übernahm sein Weltbild hinsichtlich West-Ost und speziell der Sowjetunion von dem gesellschaftlichem Umfeld der Elterngeneration. Eltern, Lehrer und auch die Presse verbreiteten unisono das Bild der „bösen“ UdSSR, deren Soldaten am Ende des Krieges massenhaft deutsche Frauen vergewaltigt hatten und deren deutsche Vertreter wie Ulbricht später die Bevölkerung der DDR brutal unterdrückten. Der 17. Juni bildete dabei den geradezu ikonischen Schwerpunkt dieser Erzählung, die unsere Generation bereitwillig übernahm, da es keine andere Geschichte gab.

Sebastian Haffner (1907 – 1999) gehörte ebenfalls zu der erwähnten Elterngeneration, leistete sich jedoch ein eigenes, abweichendes Weltbild, das sich in dem vorliegenden Buch niederschlägt. Es entstand 1967, als die ersten zarten Blüten der 68er-Revolte knospten, jedoch weder Rudi Dutschke bereits ein bekannter Name noch die neue Ostpolitik Willy Brandts absehbar war. Der Untertitel des Buches – „Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen“ – erläutert und entdramatisiert zugleich den Titel, indem er ihn auf das deutsch-russische Verhältnis im 20. Jahrhundert bezieht. Für die strammen bundesrepublikanischen Antikommunisten mögen manche Abmachungen zwischen den beiden Staaten tatsächlich teuflisch gewirkt haben, wobei man grundsätzlich den Sowjets auch rückwirkend böse Absichten unterstellte. In Abwandlung der treffenden Aussage des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rix, dass die Deutschen den Juden nie Auschwitz verzeihen werden, bemerkt Haffner an einer zentralen Stelle, dass die Bundesrepublik der Sowjetunion nie den Überfall von 1941 und das grausige Treiben der deutschen Sonderkommandos in den besetzten Gebieten verzeihen würde. Das eigene Schuldgefühl wird durch eine Projektion auf das Opfer nicht nur verdrängt, sondern erfolgreich (?) in eine Schuldzuweisung umgewandelt. Das ging soweit, dass selbst deutsche Historiker Hitlers Überfall als notwendigen Präventivschlag umdefinierten.

Haffner räumt nicht nur mit dieser Umkehrung der Tatsachen auf, sondern schildert nüchtern und ohne rückwirkende Polemik oder gar Anklagen das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland bzw. der Sowjetunion von 1917 bis 1967, das durchaus nicht von dauernden Angriffen aus einem imperialen Osten gegen einen unschuldigen Westen geprägt war.

Als die deutsche Reichsregierung im Jahr 1917 den ohnmächtigen Exilanten Lenin von der Schweiz nach Russland lotste, stand die eindeutige Absicht dahinter, Russland in Revolution und Bürgerkrieg zu treiben und damit sowohl den östlichen Gegner loszuwerden als auch das Ostheer im hart umkämpften Westen einsetzen zu können. Als diese Strategie tatsächlich klappte und Lenin zwecks des dringend benötigten Friedens zu Zugeständnissen bereit war, kamen in Berlin imperialistische Gelüste auf, und statt das Heer nach Westen zu schicken, drohte man den Bolschewisten sogar, mit den – von den Westmächten unterstützten! – Menschewiken gegen sie vorzugehen, nur um noch größere Landgewinne zu erzielen. Das Ergebnis ist bekannt: das Deutsche Reich verlor im Westen und saß mit der jungen Sowjetunion im Verliererboot.

Als die Westmächte unter britischer Führung 1922 in Evian einen gemeinsamen Hilfsplan für Russland ausarbeiteten, war der Hintergedanke wohl, damit auch die Kontrolle über die ungeliebten Bolschewiken zu übernehmen. Russlands einzige Chance, dieser existenziellen Gefahr zu entrinnen, lag in einer Verliererkoalition mit Deutschland. Der Vertrag von Rapallo besiegelte nicht nur eine über zehnjährige enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und dem ungeliebten roten Russland, sondern unterlief auch die Einkreisungspläne der westlichen Siegermächte. Haffner beschreibt die anschließende militärische und politische Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und Deutschland als vertrauensvoll und für beide Seiten gewinnbringend. Von schweren Zerwürfnisse berichten weder er noch die Historiker.

Hitler jedoch sah im Russland der „Untermenschen“ den angeblich für das deutsche Volk dringend benötigten „Lebensraum“ und plante seine militärpolitischen Schritte – Tschechoslowakei, Polen – laut Haffner mit dem deutlichen Ziel einer gemeinsamen Grenze mit Russland. Auch den Vertrag zwischen Hitler und Stalin von 1939 betrachtet Haffner weniger als Landhunger auf Polen denn als Mittel zum Zweck einer gemeinsamen Grenze. Und da die Sowjets wie die Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg Land an Polen verloren hatten, war Stalin leicht zu gewinnen. Haffner sieht Stalin nicht als landhungrigen Imperialisten oder gar als Weltrevolutionär, sondern als Bewahrer des russischen Sozialismus, und aufgrund der zehnjährigen guten Zusammenarbeit nach Rapallo sah er keinen Grund, Deutschland zu misstrauen.

Um Missverständnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen: Haffner hält Stalin nicht für einen naiven oder gar gutmütigen Politiker. Er sieht seine brutalen Methoden, seine Macht in der Sowjetunion zu erhalten und auszubauen, und die Jahre der inneren Verfolgungen 1936 bis 1938 betrachtet er als eine der schlimmsten Phasen des 20. Jahrhunderts; aber sie dienten nicht dem Ziel der imperialistischen Erweiterung sondern der Konsolidierung seiner Macht. So war der deutsche Überfall 1941 aus Haffners Sicht für Stalin eine einzige Katastrophe.

Die unmittelbare Nachkriegszeit war laut Haffner für Stalin eine Zeit des Abwartens, und sowohl die Gründung der BRD als auch der NATO lagen zeitlich deutlich vor entsprechenden Aktionen auf der anderen Seite und haben laut Haffner diese erst ausgelöst. Stalin hat ihm zufolge stets Angst vor einem geschlossen auftretenden Westen gehabt, und seine einzige Chance sah er – und Haffner!- in einer engen Anbindung Deutschlands. Und so sieht Haffner auch Stalins Wiedervereinigungsangebot von 1952 unter neutraler Flagge nicht als Danaer-Geschenk, dass eine anschließende – gewaltsame! – Übernahme des vereinten Deutschlands ermöglicht hätte. Stalin brauchte diesen Puffer laut Haffner, um die Sowjetunion abzusichern, doch die Deutschen, eben die, die ihn grundlos überfallen hatten, sahen in der Gestalt von Adenauer darin nur eine Falle und zogen die einseitige Westbindung einem wiedervereinigten, neutralen Deutschland vor. Liest man Haffners Ausführungen aus dem Jahr 1967, denkt man über manche politischen Entwicklungen dieser Zeit etwas anders. Doch wir, d.h. die BRD, lebten die bereits geschilderte „Russophobie“ aus und retteten uns in die Arme des Westens vor dem, den wir so übel überfallen und misshandelt hatten.

Haffner schrieb dieses Buch aus der Sicht des Jahres 1967, als die Mauer, die er übrigens für das Überleben der DDR als unabdingbar sah – ohne sie zu akzeptieren! -, schon sechs Jahre stand und die Zweistaatlichkeit Deutschlands eine politische Konstante zu sein schien. Das Verständnis Haffners für die Sowjetunion der dreißiger bis sechziger Jahre gilt nicht einem Putin von 2025. Man darf dieses Buch daher nicht aus der heutigen Perspektive lesen und Putins heutige Verbrechen nicht rückwirkend den Chruschtschows und Brechnews anlasten. Doch die Rolle Deutschlands vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg präsentiert sich nach der Lektüre nicht mehr so makellos, wie wir es von unseren Eltern gelernt haben und wie noch heute viele es gerne sehen würden.

Der Historiker Karl Schlögel hat dem Buch noch ein Nachwort hinzugefügt, wo er mehr oder minder diese Überlegungen noch einmal Revue passieren lässt, um Fehlinterpretationen des Haffner-Essays zu vermeiden.

Das Buch ist im Hanser-Verlag erschienen, umfasst 224 Seiten und kostet 24 Euro.

Frank Raudszus

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