Die italienische Schriftstellerin Elena Ferrante, Autorin der Tetralogie „Neapolitanische Saga“, auf Deutsch zwischen 2016 und 2018 erschienen, hütet weiterhin das Geheimnis ihrer Identität. Auch mit ihrem neuen Buch „An den Rändern“ hält sie daran fest. Das Buch enthält drei Vorlesungen über Lesen und Schreiben, die 2021 an der Universität von Bologna im Rahmen der „Lectiones magistrales“ von einer Schauspielerin vorgetragen wurden. Ein vierter Text mit dem Titel „Dantes Rippe“ wurde von Elena Ferrante ebenfalls 2021 für ein Dante-Symposium verfasst und dort von einer Wissenschaftlerin vorgetragen.
In der ersten Vorlesung „Herz und Feder“ reflektiert Elena Ferrante über ihren eigenen Weg zum Schreiben. Schon früh spürt sie den Widerspruch zwischen dem ungezügelten Schreibimpuls einerseits und dem Bedürfnis nach Ordnung und Form andererseits. Wie das kleine Mädchen, das beim Schreibenlernen in den „Käfig“ der vorgezeichneten Linien und Ränder des Schulhefts gezwungen wird, braucht sie einerseits diesen Käfig, gleichzeitig aber möchte sie über die Ränder schreiben. Dieses Ringen um einen eigenen Weg ist Gegenstand der ersten Vorlesung. Dieser eigene Weg ist besonders für die schreibende Frau sehr steinig, weil ihre Lesesozialisation meist über männliche Vorbilder erfolgt ist. Das ruft Zweifel hervor, zumal in der Tradition der männlichen Literatur und Literaturkritik Literatur von Frauen als „Frauenliteratur für Frauen“ abschätzig beurteilt wurde. Elena Ferrante zeigt, wie es ihr gelungen ist zu einem eigenen authentischen Erzählton zu kommen. Dazu gehörte die Ermutigung durch Autorinnen wie Virginia Woolf und Emily Dickinson, insbesondere auch durch die italienische Autorin Gaspara Stampa, die sich in ihren eigenen Sonetten ermutigt: Wenn sie doch zur Liebesglut fähig sei, dann doch auch zu deren Ausdruck durch das Wort. Zum Schreiben gehören damit Herz und Feder. Die Unbedingtheit des Schreiben-Wollens sei die Voraussetzung dafür, dass ein Text nicht nur schöne Form ist, sondern auch den Mut zum Chaos starker Empfindungen hat.
Die zweite Vorlesung „Aquamarin“ vertieft diesen Weg zum eigenen weiblichen Schreiben. Das Bild des Aquamarins, der an der Hand ihrer Mutter leuchtete und sich ständig veränderte, steht für die Beweglichkeit des Schreibens, dem Weg von der Idee zur Form, die passt. Für Elena Ferrante bedeutete das auch eine Auseinandersetzung mit dem Realismus. Wie kann die Autorin wahrhaftig sein, wenn doch die Realität je nach Perspektive der Erzählung sich ständig verändert? Dazu gehört für sie auch, die eigene Welt aus der Perspektive einer dritten Person zu erzählen und damit aus sich selbst herauszutreten. Vorbild dazu ist ihr Gertrude Stein, die in ihrem Roman „Autobiografie von Alice B. Toklas“ ihre Lebensgefährtin sprechen lässt, sie aber über sich selbst, Gertrude Stein, sprechen lässt. Dieses Heraustreten aus der eigenen Person sei für sie Anstoß für die Erzählform von „Die geniale Freundin“ gewesen.
Die dritte Vorlesung „Geschichten, Ich“ vertieft die Reflexion über den Weg zu wahrhaftigem Schreiben. Wesentliche Impulse erhält sie von Ingeborg Bachmann, die „unausweichliche“ Dichter von nur guten Dichtern unterscheidet. Entscheidend sei die eindeutige Richtung, die Manifestation einer Problemkonstante und eine neue, unverwechselbare Wortwelt. Elena Ferrante beschreibt, wie sie im Schreibprozess der „Neapolitanischen Saga“ (d.h. die vier Bände um Lenu und Lila) um diese neue, eigene Sprache gerungen hat. Dazu gehöre zunächst, so viel zu lesen wie möglich, „sich in allem niederzulassen“, was schon geschrieben wurde. Aus schon bestehender Literatur entstehe neue Literatur. Das bedeute aber auch, über die „Ränder“ des Bestehenden hinauszugehen, den Käfig vorgegebener Formen aufzubrechen und neue Formen zu schaffen. Dazu bedürfe es großen Mutes und großer Geduld.
Auch in dem Essay „Dantes Rippe“ geht es Elena Ferrante um die Auseinandersetzung mit dem Schreiben selbst. Sie zeigt an ausgewählten Passagen aus „Die Göttliche Komödie“ und dem Text „Vita Nuova“, wie Dante selbst „obsessiv vom Schreiben“ erzählt. Sein stil nuovo ist eine Auflehnung gegen die hergebrachten Fesseln des klassischen Minnesangs. Schon er kämpft um das Aufbrechen der Tradition, dazu bedarf es jedoch zunächst der „Durchdringung des Schreibens anderer“, von dem der Dichter sich absetzen will. Elena Ferrante bewundert seine große Einfühlungskraft, dies seien „Sprünge des Ichs aus sich selbst heraus“.
Bei Dante findet sie auch in seiner Ideal-Figur der Beatrice ein neues Frauenbild. Sind Frauen zu seiner Zeit gedacht als schönes Schmuckwerk, das zu schweigen hat, entwickelt sich Beatrice zu einer wortgewaltigen Autorität, die Dante selbst rügen darf. Elena Ferrante erkennt in der Figur der Beatrice Dantes „visionären Realismus“, mit dem er alles entwerfe, was einer Frau möglich sei.
Ich habe alle vier Texte mit große Interesse studiert und dabei viele wertvolle Anregungen erhalten: Emily Dickinsons und Ingeborg Bachmanns Gedichte wieder lesen, vielleicht endlich einmal Gertrude Stein lesen. Am meisten hat mich der Dante -Essay bewegt, hat er mich doch geradezu verführt, „Die Göttliche Komödie“ in die Hand zu nehmen und die von ihr zitierten Passagen nachzulesen. Da hat es mich richtig gepackt, am liebsten hätte ich mich gleich in diese Lektüre gestürzt.
Ich kann das schmale Bändchen nur wärmstens empfehlen. Allerdings ist es keine Bettlektüre, sondern sollte mit spitzem Bleistift am Schreibtisch gelesen werden, will man alle Anregungen aufnehmen.
Elena Ferrante, An den Rändern, aus dem Italienischen von Barbara Schaden. Suhrkamp Verlag 2026, 94 Seiten, 20 Euro.
Elke Trost

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